Dass die Menschheit sich einen Weg zum Mars bahnt, scheint immer wahrscheinlicher zu werden. Grund genug, sich mit der menschlichen Psyche im Weltraum zu befassen: Welchen kognitiv-emotionalen Herausforderungen müssen wir uns stellen, wenn wir uns auf den Weg zum Mars begeben? Ein Ausblick.

Herausforderungen auf dem Weg zum Mars

Themen wie der Umgang mit Stress, etwaige Gruppendynamik unter den Teilnehmern der Marsmission sowie die Komponente der Ernährung sind nur einige psychologische Themen, die die Menschheit auf dem Weg zum Mars beschäftigen werden (European Space Agency, 2017). Psychologen untersuchen gemeinsam mit der ESA genau diese Themen in Vorbereitung auf die weitere Erschließung des Weltraums, allerdings mit einigen kleinen Einschränkungen.

Weltraumsimulation mit Einschränkungen

So realistisch wie möglich sollen die experimentellen Bedingungen in Vorbereitung auf dem Weg zum Mars sein. Einige Einschränkungen lassen sich jedoch nicht verhindern (zitiert nach ESA, 2017):
»Bei dem in erster Linie riesigen psychologischen Experiment konnten noch nicht alle Aspekte einer Marsreise berücksichtigt werden. Mit Ausnahme von Schwerelosigkeit und Strahlung wurden jedoch die Bedingungen bei dem bisher längsten Weltraumexperiment zur Vorbereitung künftiger Raumflüge recht realistisch simuliert. Mars500 ist der erste Schritt auf dem Weg zum Mars mit den Hauptthemen Stress, Gruppendynamik und Ernährung.«

Ein entscheidender Unterschied der wirklichkeitsnahen Simulation ist das Wissen der Teilnehmer, dass sie jederzeit im Experiment die Container-Röhre verlassen könnten – eine Gewissheit, die zum Beispiel bei der Simulation eines Katastrophenfalls von großer Bedeutung sein kann (ESA, 2017). Raumfahrer wären in der Realität Millionen von Kilometern von der Erde entfernt und auf sich allein gestellt.

Diese Entfernung zur Erde ist ein weiterer Aspekt, der für die Psyche im Weltraum eine nicht unwesentliche Rolle spielt (zitiert nach ESA, 2017): »Die Probanden wussten im tiefsten Inneren, dass sie sich auf der Erde befinden, also an einer sicheren Nabelschnur hängen. Zweifellos dürften andere Isolationsgefühle zu erwarten sein, wenn die Probanden tatsächlich eine Raumreise antreten würden. Vom rund 400 000 Kilometer entfernten Mond kann man den Heimatplaneten noch erkennen. Auf dem Weg zum mindestens 50 Millionen Kilometer entfernten Roten Planeten verschwindet jedoch die Erde als gewohnte Bezugsgröße aus dem Gesichtsfeld.«

Hinzu käme das Wissen um die hohe kosmische Strahlung, welcher man ausgesetzt ist, der Umgang mit der Schwerelosigkeit, der Abbau von Knochengewebe und Muskeln sowie die veränderte Schwerkraft auf dem Mars, an die es sich zu gewöhnen gilt (ESA, 2017). Weiterhin ungeklärt sind der menschliche Umgang mit auftretenden Phänomenen wie Seh- und Schlafstörungen (Schnurr, 2017).

Psychologische Experimente der Marsmission

Sowohl auf individueller als auch auf sozialer Ebene setzen die psychologischen Studien in Verbindung mit der Marsmission an. Einige Experimente sind exemplarisch aufgeführt.

Gruppendynamik: Die optimale Crew?

Spaceshuttle

Auf dem Weg zum Mars muss sich die menschliche Psyche neuen Herausforderungen stellen. © Vince Smith under cc

Auf dem Weg zum Mars müssen gewichtige Entscheidungen gefällt werden. Wie verhalten sich die Menschen in der Gruppe, wenn sie dieser hohen Belastung ausgesetzt sind? Welche Probanden harmonieren am besten miteinander? Aus welchen Charakteren setzt sich die optimale Crew zusammen? Ein speziell ausgeklügeltes Messsystem wurde im Experiment der Forschergruppe um Dr. Bernd Johannes vom DLR-Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin in Hamburg herangezogen. Die Ergebnisse waren sehr erfreulich (zitiert nach ESA, 2017): »Die Mars500-Gruppe war sehr gut ausgesucht. Niemand wurde ausgegrenzt oder bei Entscheidungen ausgeschlossen. Niemand hat sich zurückgezogen. Jeder Teilnehmer hat ein Mindestmaß an sozialen Kontakten gehabt. Dazu Dr. Bernd Johannes: ›Wir haben eine erfreuliche und unerwartete Harmonie in der Crew festgestellt, das Beziehungsgefüge blieb die gesamte Zeit über relativ stabil.‹«

Stress und Immunsystem: An der Grenze psychischer Belastbarkeit?

Die Forschergruppe um Prof. Alexander Choukér von der Ludwig-Maximilians Universität München geht davon aus, dass hoher Leistungsdruck sowie monotone Arbeitsabläufe auf sehr engem Raum das Immunsystem schwächen (ESA, 2017). Erste Ergebnisse untermauern dies: »Wir haben deutliche Veränderungen im Immunsystem der Probanden festgestellt. Diese sind vergleichbar mit den Veränderungen, die wir auch bei Astronauten auf Weltraumflügen feststellen konnten.« (zitiert nach ESA, 2017) Geprüft werden soll darüber hinaus, ob auch Veränderungen der Hirnareale vonstatten gehen.

Computerbasierte Steuerung zur Erfüllung komplexer Arbeitsaufgaben

Genauso wie die Computerisierung auf der Erde immer weiter voranschreitet, wird der Umgang mit Computern bei der Raumfahrt immer wichtiger. Ingenieurpsychologische Experimente in Zusammenhang mit der Raumfahrt unternimmt unter anderem die Forschergruppe um Dr. Bernd Johannes vom DLR-Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin in Hamburg: »Das simultane Steuern von sechs Freiheitsgraden, beispielsweise eines Raumschiffes zum Andocken an eine Raumstation oder das Einfangen eines im All frei schwebenden Objektes mittels Roboterarm ist eine sehr schwierige Aufgabe, die extrem hohe Anforderungen an Wahrnehmung und Situationsverständnis stellt. Ergebnisse des Experimentes liegen derzeit noch nicht vor.«

Es bleibt also spannend auf unserem Weg zum Mars. Denn auch die Psyche des Einzelnen entscheidet darüber, inwiefern der Mensch als sein eigener Freund oder Feind mit diesen Herausforderungen zurechtkommen wird. Das letzte Wort gehört dem Luft- und Raumfahrtingenieur Prof. Dr. Markus Czupalla (zitiert nach Schnurr, 2017): »Astronauten, die von ihren Erfahrungen und Erlebnissen berichten, sind Vorbilder und stehen für Neugier und menschlichen Entdeckerdrang. Sie nehmen oft insbesondere für junge Menschen eine Vorbildfunktion ein und regen zu naturwissenschaftlichen und technischen Studiengängen an.« Und weiter: »Sie (die Astronauten, Anm. der Redaktion) kommen mit einer gewissen Ehrfurcht und einem anderen Blick auf unseren Planeten zurück – eine kleine, verletzliche und schützenswerte Welt mit einer Atmosphäre so dünn wie die Schale eines Apfels. Außerdem lassen sich aus der Vogelperspektive auf die Erde keine Grenzen erkennen: Wir sind eine Menschheit in einem riesigen Kosmos.«

Quellen