Wort oder Geste: Was war zuerst?
„Die Zeigegeste steht am Anfang der Kommunikation“, sagt Ulf Liszkowski vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen. Mit ihr kann das Kind ausdrücken, was es haben möchte. „Wir lernen Kommunizieren nicht erst durch Sprache, sondern schon durch vorsprachliche Gesten“, sagt Liszkowski. „Sie schaffen im Bewusstsein eine Infrastruktur, die von der Lautsprache genutzt wird.“[1]

Zeigen ist kinderleicht und dennoch ein sehr komplexes Geschehen. © Denis Defreyne under cc
Das ist intuitiv einsichtig. Erst sieht man etwas, was man nicht kennt, dann deutet man darauf. Aber wie kann man hinweisend, meinend, absichtsvoll auf etwas deuten, wenn man das Bedeutete nicht schon kennt? Auch wenn es nur in sehr rohen Kategorien ist, wie Nahrung oder Gefahr. Die Erklärung ist kompliziert, im Ergebnis lautet sie, dass hinweisende Gesten zu verwenden voraussetzt, bestimmte Sprachspiele zu beherrschen. Kürzer: Deixis setzt Anapher voraus.
Gemeint ist eine Analogie zu jenem Gedankengang. Wenn wir die Dinge der Welt benennen und erkennen, etwa, dass A größer als B ist, dann kann dieser Vergleich, diese Fähigkeit Relationen diverser Art zuzuschreiben, nicht aus der Beobachtung allein erklärt werden. Um etwa die unterschiedliche Länge zweier Stöcke zu bemerken und den einen als länger zu erkennen, muss ich die Fähigkeit des Vergleichens schon mitbringen.
Marion geht Schwimmen. Sie hat das Schwimmen erst vor wenigen Wochen gelernt.
Sie, bezieht sich auf Marion und ist in dem Fall die Anapher. Die Anapher ist ein Rückwärtsbezug in einem Text. Die Anapher deutet sprachlich auf etwas, in einem Text – ob geschrieben oder gesprochen ist egal – Deixis oder die deiktische Handlung, zum Beispiel das Zeigen auf etwas, ist der Verweis auf etwas außerhalb eines Textes.
Aber wenn ich auf „das da“ zeige, dann ist das zwar ein Ding in der Welt, aber gleichzeitig eingebunden in eine Sprachpraxis. Die Entstehung der Sprache ist nicht allein dadurch zu erklären, dass alle Dinge der Welt (im Geiste) Zettelchen angeheftet bekommen, sondern um dies zu können, muss schon einiges vorausgesetzt werden.
So zum Beispiel, etwas aus seiner Umwelt als Einzelding gedanklich herauszutrennen. Das ist für uns, wie wir sahen, kinderleicht, nur wissen wir nicht genau warum. Wenn jemand mit einem schwarzen Hemd in einem schwarzen Sessel sitzt, so dass Arm und Lehne optisch nahezu verschmelzen, so wissen wir doch, dass zwischen Hand und Kopf ein Arm liegt und haben keine Probleme dessen Position zuzuordnen. Weil wir wissen, dass Menschen Arme haben und auch wissen, wie diese verlaufen und obendrein, wie diese gehalten werden. Abweichungen würden uns sofort auffallen und dennoch würden wir jemandem dem ein Arm fehlt sofort als Mensch erkennen. Der Roboter weiß eben nicht von sich aus, wie Menschen aussehen und sich bewegen und wann jemand immer noch ein Mensch ist.
Wir wissen aber auch, dass der Sessel nicht der Teppich ist und wo genau der Übergang beginnt, weil wir eben Bilder eines Sessels im Kopf haben und wissen, dass der auch anderswo stehen könnte, was wiederum voraussetzt zu wissen, dass er nicht mit dem Teppich verbunden ist, anders als der Baum, der nicht einfach auf der Erde steht, sondern in dieser tief verwurzelt ist. Wir wissen, dass immer mehr Sandkörner irgendwann einen Haufen bilden und immer mehr Bäume einen Wald und kennen weitere, feine Differenzierungen.
Evolutionäres Erbe und philosophische Probleme
Bestimmte Einzeldinge zu erkennen ist evolutionär sinnvoll. Den Jäger, die Beute, den paarungswilligen Partner, Schutz, Nahrungsquellen, die Bedürfnisse der Nachkommen, all das sollte man erkennen. Aber auch Entfernungen sollte man abschätzen können, den Rest kann man ignorieren. Da wir Emotionen erkennen, ist es vorstellbar, dass das erregte Zeigen auf etwas, was vielleicht eine große Gefahr ist oder jede Menge Nahrung bedeutete, vom anderen auch verstanden wird, in dem Sinne, dass er das in mir als besonders erlebte Objekt auch auffallend und besonders findet. Sonst landet das Zeigen im Leeren, selbst wenn der Blick des anderen der gedachten Linie folgt.
Der Philosoph Willard Van Orman Quine machte uns darauf aufmerksam, dass selbst wenn wir auf etwas zeigen und der andere das Gezeigte erkennt und möglicherweise namentlich benennt, wir keineswegs sicher sein können, dass man dasselbe meint. In seinem Beispiel begibt sich ein Kulturforscher zu einem Eingeborenenstamm um dessen Gepflogenheiten und Sprache zu lernen. Es kommt ein Kaninchen daher gehoppelt und der Häuptling des Stammes sagt: „gavagai“.
Damit ist klar, dass „Kaninchen“ in der Sprache des Stammes „gavagai“ heißt, besonders wenn der Sprachforscher beim nächsten Kaninchen „gavagai“ sagt und zustimmende Gesten erntet. Oder? Quine machte deutlich, dass wir hier nicht sicher sein können. Denn es könnte ebenso gut nur das Fell, der Schwanz oder das Auge des Kaninchens gemeint gewesen sein oder das Kaninchen begleitende Fliegen, „gavagai“ könnte aber auch ein Ahnengeist sein, der sich als Kaninchen verkörpert, ein böses Omen und das Abendessen.
Sprache zu lernen ist immer Spekulation. Auch wenn das, was wir als Bedeutung unterstellen, von den anderen zustimmend anerkannt wird, kann man theoretisch auf dem falschen Weg sein. Irgendwann werden die Unwuchten auffallen, je mehr Sprache man beherrscht. Dann kann man nachfragen und klären, was der andere meint. Das gilt auch für das Zeigen: „Was genau meinst Du?“
Wird ein Kind in eine Welt ausdifferenzierter Sprachpraktiken mit Begriffen, Mimiken und Gesten geboren, gibt es Korrekturmöglichkeiten, doch am Beginn der Sprachentstehung gab es die Möglichkeit nachzufragen, was nun genau gemeint war, nicht. Ob wir den Anfang der Sprachentstehung jemals verstehen, wird die Zeit … zeigen.