Arroganz ist ein unangenehmer Charakterzug, der uns im täglichen Sprachgebrauch in einer Vielzahl synonymer Begriffe begegnet: Hochmut, Stolz, Hybris, Anmaßung, Überheblichkeit, Hochnäsigkeit, Einbildung. Das betrifft Menschen, die plump, gerne aber auch subtiler prahlen und sich die anderen auf Distanz halten, weil sei meinen, etwas Besseres zu sein und sich für chronisch überlegen halten. In vielen religiösen Traditionen wird die Arroganz als Charakterschwäche angeprangert, in der Psychologie wird sie oft als eine Art Kompensation und Selbstschutz vor gefühlter Kleinheit oder Bedeutungslosigkeit gedsehen, was einerseits stimmt, andererseits zu kurz greift, wenn man den Antrieb des Arroganten tiefer verstehen will. Also, warum er ist, wie er ist.
Arroganz hat zwei Seiten
Das eine Gesicht der Arroganz ist die Selbstüberhebung und die Herabsetzung anderer: Ob durch Besitz, Bekanntschaften, Wissen, mit dem man protzt oder subtiler, in dem man zu verstehen gibt, dass man plakative Protzerei gar nicht nötig hat, da diese ohnehin nur etwas für den Pöbel ist. Der andere wird weggewischt, wie lästige Schuppen vom Jackett. Die Aura von: „Als ob ich es nötig habe, mich mit diesem minderwertigen Quatsch abzugeben, geh‘ mir aus der Sonne.“
Eine fraglos häufige Seite, aber die Arroganz hat noch eine andere, die von einem tiefen und unbewussten Wunsch nach Selbstzerstörung durchdrungen ist. Wobei die arrogante Seite in dem stillen Genuss oder besser Triumph liegt, dass es niemanden gibt, der den arroganten Menschen wirklich und in Tiefe verstehen und helfen kann. Das merkwürdig elitäre Gefühl, dass der andere gar nicht wissen kann, wie es einem geht. Weil niemand verstehen kann, was man selbst gerade durchmacht und damit werden dem anderen ein ausreichendes Maß an Intelligenz und Einfühlungsvermögen oder Empathie abgesprochen.
Demzufolge ist es für die Aufrechterhaltung dieser arroganten Pose auch wichtig, dass es tatsächlich niemanden gibt, der einem helfen kann. Denn das würde ja bedeuten, dass der andere durchaus versteht, was einem fehlt und effektiv helfen kann, was wiederum den Preis hätte, dass man die Leistung des anderen anerkennen müsste. Es ist eine große, wenn auch unbewusste Lust, den anderen dabei an der Leine zu zappeln und letztlich fallen zu lassen. Als Koryphäen-Killer-Syndrom ist diese Haltung in die medizinische Literatur eingegangen, zu finden ist sie aber auch in anderen Bereichen, in denen man sich selbst als im Grunde aussichtslosen Fall präsentiert, an dem sich bislang jeder die Zähne ausgebissen hat. Doch irgend jemandem, mit einen speziellen Verfahren oder besonderer Reputation will man noch mal „eine Chance geben“ und damit wird man zu demjenigen, der Schicksal spielt. Statt dessen ginge es darum, zu erkennen, dass man jemand ist, der Hilfe braucht. Zur vorhersehbaren Choreographie gehört es, dass der sich nun nach besten Kräften abmühende andere durch ein paar hoffnungsvolle Anfangserfolge selbst ein wenig narzisstisch gepäppelt wird, um dann doch irgendwann einen Fehler zu machen und fatal zu scheitern.
Oft nehmen Menschen, die unter dieser Art von Arroganz leiden erhebliche Selbstschädigungen in Kauf, mit denen sie durchaus einverstanden sind. Denn, dass es ihnen immer schlechter geht und sie damit anderen zeigen können, was diese für Versager sind – und das, nachdem man sich gerade ihnen so vertrauensvoll wie nie und niemandem geöffnet hat – gehört zur unbewussten Inszenierung. Manchmal schlägt die Arroganz dabei in ihr Gegenteil um, nämlich in eine ebenfalls entwertende Selbstherabsetzung, mit der man dem anderen allerdings erneut klar machen kann, dass die ganze Mühe, die er sich gibt leider umsonst ist. Bestimmt ist es gut gemeint gewesen, vermutlich hilft es auch tatsächlich bei anderen, aber leider ist man selbst nicht in der Lage davon zu profitieren, weil man einfach zu dumm, zu unfähig, zu gestört ist. Alles in allem gelten für den Betroffenen scheinbar ganz eigene Regeln und die hat eben leider bislang niemand gefunden und es wird sie auch niemand finden.
Erneut ist die Selbstherabsetzung, eine andere Art der Selbstschädigung, etwas, was man in Kauf nimmt, um von der arroganten Unerreichbarkeit nicht abrücken zu müssen. Aber diese Haltung legt immerhin den Blick frei und verdeutlich, worum es auch geht:
Das unbewusste Ziel ist die Zerstörung jeder tieferen Kommunikation
Wie ein Stück Seife in der Dusche ist der arrogante Mensch eigentlich nie zu fassen. Entweder er steht Meilen über dem anderen und schaut belustigt bis spöttisch auf die Klimmzüge, die jener da macht oder, wenn der andere beharrlich bleibt und sich nicht beirren lässt, ist der arrogante Mensch selbst der, der das alles nicht versteht oder durchhält und dem das alles viel zu kompliziert ist. Es ist wie im Märchen vom Hasen und Igel, in dem der schnelle Hase mit dem Igel eine Wettrennen macht, doch auf der anderen Seite steht immer schon ein zweiter Igel und sagt dem Hasen: „Ich bin schon da.“ Arroganz agiert so ähnlich, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Wo immer man meint sie anzutreffen, hat sie die Botschaft zur Hand: „Ich bin schon weg (und du wirst mich auch niemals erreichen).“
Ein an sich sehr intelligentes Spiel, was Selbstschädigung einsetzt, um den anderen zu degradieren. Denn eine Begegnung auf Augenhöhe ist etwas, was in der Welt der Arroganten niemals stattfinden wird. Das geht bis zum Syndrom der Arroganz, das typisch bei Menschen mit schwerer Persönlichkeitsstörung ist. Das können im Einzelfall sehr intelligente Menschen sein, etwa angesehene Professoren, die dann auf einmal, scheinbar nicht mehr in der Lage sind, einfachste Argumente und rationale Zusammenhänge zu verstehen. Man wundert sich durchaus, wenn intelligente Menschen ganz plötzlich solche Aussetzer haben und scheinbar überhaupt nicht verstehen, was man meint, obwohl sie spielend ganz andere Schwierigkeitsgrade bewältigen. Das unbewusste Ziel ist hier, eine kommunikative Begegnung auf Augenhöhe zu verhindern, mit allen Möglichkeiten der Sabotage. Entweder der andere ist gefühlt zu unbedeutend, um ihn überhaupt wahr-, geschweige ernstzunehmen. Das ist der Standardfall der Arroganz; oder der andere erscheint übergroß und man meint mit ihm überhaupt nicht mithalten zu können; oder das plötzliche Nichtverstehen setzt ein, auch hier fällt die Kommunikation aus.[1]
Das letzte Ziel dieser Haltung ist, sich vor der Einsicht in die tiefen Aggressionen zu schützen, die einen beherrschen. Wer eine gleichberechtigte Begegnung nie erlebt, aber die prickelnde Aggression, die in der Entwertung liegt dafür umso häufiger als Zeuge oder am eigenen Leib und der eigenen Psyche gespürt hat, der kommt überhaupt nicht auf die Idee, dass Gleichberechtigung eine reale Option der Kommunikation ist. Wenn überhaupt, dann höchstens als Masche oder Trick, da die Welt ein Schlachtfeld ist, auf dem mit allen Mittel gekämpft wird. Wenn Aggression erlebte und gefühlte Realität ist, man aber schlau genug ist, um zu begreifen, dass sie offen zu leben und zu agieren unerwünscht ist und sanktioniert wird und das Temperament es einem gestattet, sich zu bremsen, ist Arroganz ein Mittel um einen Kompromiss zu finden. Weltekel, Hass und Verachtung können unter einem Mantel oberflächlicher Höflichkeit zu einem Teil kaschiert werden, die Entwertungen kommen kühl und definitiv daher, der andere wird einfach stehen gelassen, als existierte er gar nicht, nichts an ihm erscheint es wert überhaupt zur Kenntnis genommen zu werden.