Wenn Arroganz zur Ideologie wird

leerer Stuhl

Die Welt der Arroganz ist ofr eine einsame. © Waldemar Merger under cc

Ich begann mit der Darstellung von Hilfesuchenden in medizinischem, psycho- oder paartherapeutischem Kontext, die oft durch jahrelanges Leiden zum Experten in eigener Sache geworden sind. Das ist an sich sehr gut, da diese Menschen tatsächlich oft sich und ihre Reaktion auf bestimmte Angebote besser kennen, als sonst jemand. Weniger gut ist es, wenn dieses Wissen in aggressiver und selbstaggressiver Weise dazu benutzt wird, dem anderen zu erklären, wieso das, was er vor hat ohnehin nicht glücken kann und wird. Dass man zwar sich selbst bestens kennt, das Gebiet und die Fähigkeiten des anderen aber nicht, wird dabei geleugnet. Das Bemühen des anderen und die prinzipielle Möglichkeit, durch guten Willen, Intelligenz und Empathie die Kluft, die unsere Innenwelten immer trennt, zu schließen oder mindestens zu verringern, wird dabei auch als unzureichend angesehen.

Ideologisiert wird die Arroganz in dem Moment, wo man jemandem, die Fähigkeit den anderen zu verstehen abgespricht, weil er aus einer anderen Lebenswirklichkeit stammt. So dass man als Mann nicht in der Lage sein kann, eine Patientin überhaupt zu verstehen. Auch eine Therapeutin, die in einer derart männerdominierten Welt erfolgreich arbeitet, kann natürlich ebenfalls nicht in der Lage seinm die Patientin zu verstehen. Schließlich hat sie sich der Männerwelt unterworfen und so kommt unterm Strich heraus, dass niemand ihr helfen kann, außer einem Menschen, der genau wie sie ist und daher zu dem Schluss kommen müsste, dass ihr nicht zu helfen ist. Umgekehrt kann natürlich auch ein arroganter Mann der Meinung sein, eine Frau könne ihn sowieso nicht verstehen und ein männlicher Therapeut, der in einem so weibischen Bereich arbeitet und sein Brot mit Gerede verdient, nicht erfassen kann, worunter er leidet.[2]

Dass heterosexuelle Menschen keine homosexuellen verstehen können und umkehrt, Weiße keine Farbigen und umgekehrt, Atheisten keine religiös Gläubigen und so weiter sind alles Variationen des einen Themas, oft noch garniert mit der arroganten Überzeugung: „Ich weiß genau, was Du denkst und fühlst, aber Du weißt nicht, was ich denke und fühle.“ Dass diese Grenze nie überwunden werden kann, ist arroganten Menschen sehr wichtig. Wie kann man sie dennoch überwinden?

Deuten und auf Augenhöhe gehen

Zunächst einmal ist das alles andere als leicht, weil die grundlegende Aggression, die hier verborgen ist, oft in schwerer Form vorliegt, also massiv abgewehrt und geleugnet wird. Wenn man überhaupt durchdringt, ruft dies oft schwere paranoide Reaktionen hervor, manchmal verbunden mit dem Vorwurf, dass man den ohnehin schon leidenden Menschen nun noch einmal aus purer ideologischer oder charakterlicher Bösartigkeit diskreditieren will. Nicht genug, dass man leidend ist, nun gelte man auch noch paranoid oder psychisch krank und damit als stigmatisiert.

Auch da gilt die Regel, dass man nicht die Nerven verlieren und die Motive konsequent deuten sollte. Das Spiel lautetr: „Du kannst Dich abstrampeln, wie Du willst, mir ist nicht zu helfen.“ „Nur wer anerkennt, dass mir nicht zu helfen ist, nimmt mich richtig ernst.“ Was wäre das absurde Hauptmotiv: „Nur wer will, dass ich sterbe oder es mir schlecht geht, meint es gut mit mir“? Psychodynamisch wäre das mit einem Zusammenfallen von Liebe und Aggression und einer Identifikation mit einem früheren Aggressor zu erklären. Die Absurdität des Motivs steht jeodch auch für sich.

Kernberg weist darauf hin, dass bestimmte aggressive und selbstdestruktive Verhaltensweisen auch unterstützend zu kontrollieren sind, aber auch, dass Kontrolle allein nichts daran ändert, dass die Problematik erhalten bleibt. Man sieht die Welt noch immer als feindselig an und Beziehungen als prinzipiell asymmetrisch.[3] Es gilt also, sie deutend zu lösen.

Man bekommt am ehesten und auch in Alltagssituationen einen Fuß in die Tür, wenn man mit eigener Arroganz dem Arroganten auf Augenhöhe begegnet. Da hier oft eine narzisstische Problematik den Hintergrund bildet und man aus dem Spiel ist, wenn man sich einem Narzissten unterwirft (er nimmt einen nicht mehr für voll, sondern ist allenfalls noch nützlich), aber wenn man überlegen ist, intensiven Neid aktiviert, der ebenfalls zur Entwertung und zu Abbruch der Kommunikation führen kann, ist es gut, wenn man dem Narzissten etwas zu bieten hat, was er interessant findet. Hier kann man ein Gespräch auf Augenhöhe, sozusagen von Genie zu Genie beginnen und sich dann langsam den realen Problemen zuwenden. Vielleicht ein schmales Brett, aber eines was trägt.

Dass eine Begegnung, die nicht symbiotisch und nicht asymmetrisch ist möglich erscheint, ist nichts, was sehr arrogante Menschen auf dem Schirm haben. Deutungen konfrontieren sie immerhin mit der Möglichkeit. In einer ohnehin sehr asymmetrischen Beziehung, gewöhnlich suchen und finden sich die Menschen, die, wenn auch unbewusst, gut zusammen passen, ist eine solche Konfrontation kaum möglich. Sollten sich innerhalb der Beziehungen die Kräfteverhältnisse ändern, ist die Möglichkeit gegeben, ansonsten nicht.

Formen der Arroganz

Die äußerste Form nennt Kernberg pervasive Arroganz, was auch soviel wie überall um sich greifende oder allesdurchdringende Arroganz bedeutet und meint, dass jede Begegnung von ihr durchzogen wird. Das ‚Syndrom der Arroganz‘ finden wir bei Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen, aber es tritt auch vorübergehender auf.

Milde Formen der Arroganz kann man im Alltag beobachten, sicher auch oft im Zusammenhang mit einer narzisstischen Störung. Sie ist daher durchaus als Abwehr gegen eine gefühlte Kleinheit und ein an sich mangelndes Selbstbewusstsein denkbar. Man will mit vorgeschobener oder tatsächlicher Leistung zeigen, dass man doch nicht der Versager ist, für den man sich klammheimlich hält und man hat Angst davor, dass die anderen es entdecken. Gut vorstellbar, dass man sie sich damit auf Distanz hält, wenn man in arroganter Pose fragt, was die anderen einem schon zu sagen haben. Auch das spontane Nichtverstehen von an sich intelligenten Menschen, die plötzlich und unerwartet überhaupt nicht mehr verstehen, wovon man redet, kann eine Angst sein, als Ahnungsloser ertappt und erniedrigt zu werden.

Sicher gibt es auch gesunden Stolz, der einen selbst beglückt, weil man eine Aufgabe sehr gut erfüllt hat. Als Zugabe zur ebenfalls oftmals verdienten Anerkennung, ist das nichts Verwerfliches, solange man andere dabei nicht herabsetzt (für eventuellen Neid anderer kann man nichts, das ist deren Problem). Schön ist es, wenn man sich auch mit anderen freuen kann. Wie so oft finden wir auch hier ein fließendes Kontinuum, mit unterschiedlichen Schweregraden. Ein gelegentliches Aufkommen von Eitelkeiten und gelinder Arroganz ist sicher kein Drama und gehört zum Leben der meisten Menschen vermutlich dazu. Wir haben hier nur tiefer gegraben, um an die Wurzel der Arroganz zu kommen.

Gibt es konstruktive oder taktische Arroganz?

Eine interessante Frage, denn so wie ein Therapeut um überhaupt einen Fuß in die Tür zu bekommen, sich auf Augenhöhe mit einem narzisstischen und arroganten Patienten begeben muss, so könnte es auch andere Situationen geben, in denen man sich eventuell zu einer gewissen taktischen Arroganz genötigt fühlt. Etwa, um nicht von Beginn an jemand zu sein, der wie ein Außenseiter oder Bittsteller daherkommt, sprich: um selbst ernst genommen zu werden. Theoretisch durchaus denkbar, liegt die Gefahr darin, dass es zum einen ein Spiel mit dem Feuer ist und gravierender, möglicherweise ein Schutz, eine Rationaliserung echter eigener Arroganz. Vor allem, wenn jemand beklagt, überall gezwungen zu sein, sich arrogant zu geben, obwohl er doch im Grunde ganz anders sei. Zudem werden arrogante Menschen vielleicht noch bewundert, in der Regel aber nicht gemocht. Die Forderung nach zu bedigungsloser Liebe ist vielleicht regressiv, da sie der Mutterliebe entspricht, die ihr Kind einfach dafür liebt, dass es da ist. Anerkennung, als Surrogat der Liebe, ist sicher auch gut und wichtig, aber Arroganz verhindert eher, dass man über die erbrachte Leistung hinaus noch gemocht wird. Dass andere Menschen einen darum etwas fies finden, weil man arrogant ist und sie auf Distanz hält, wäre für den Arroganten der zu Testfall, gegenüber der Version, dass die anderen einfach von Grund auf böse und missgünstig sind.

Quellen