Anteilnahme muss der Therapeut sich erarbeiten

In der Therapie geht man ein Stück des Weges zusammen. © Charles Thompson under cc
Damit ein Therapeut seinen Patienten nicht verurteilt, gibt es allerdings eine wichtige Voraussetzung. Er muss seinen eigenen Schatten, sein eigenes Unbewusstes kennen. Er muss wissen, dass Menschen auch aggressiv, gierig, machthungrig und egozentrisch sind und dass dies zur menschlichen Grundausstattung gehört. Und er muss mit diesen Aspekten der Psyche wirklich ausgesöhnt sein, sonst ist er zur Anteilnahme nicht fähig, diese liefe dann auf ein Bedauern hinaus. Denn, wer dem Patienten dessen Aggressionen vor Augen führt und gleichzeitig denkt: „Meine Güte, was für ein mieser Mensch“ oder: „Ach Gott, der Arme“, wenn auch klammheimlich, der verschlimmert die Ausgangslage. Denn der Patient bemerkt die Ablehnung, da wir nicht nur über Worte kommunizieren. Aufdeckende Psychotherapie ist eine sehr intensive Begegnung, in der zwei Menschen, ohne Ablenkung eine Stunde Lebenszeit miteinander verbringen und in der sich beide genau beobachten. Wenn bestimmte Themen vom Therapeuten nicht hinreichend bearbeitet sind, ist das fatal, wenn sie es sind, öffnet sich das genannte Tor zur Einsicht: Es gibt also auch die Möglichkeit bestimmte Verhaltensweisen zu erkennen, ohne einen Menschen dafür zu verurteilen.
Wenn man diese Erfahrung öfter macht, hat das einen doppelten Effekt. Erstens, kann man dies auf andere Menschen übertragen und muss diese nicht mehr zwingend verurteilen. Zweitens – und zunächst wichtiger – muss man sich selbst nicht dafür verurteilen, dass man so ist, wie man ist. Geil, gierig und berechnend kann man auch sein, ohne dass man dafür abgestraft wird. Weil die Menschen so sind. Mit den Worten Alexander Mitscherlichs:
„Vielmehr geht es um den Versuch, ein Vertrauensverhältnis zwischen Analytiker und Analysand herzustellen, das dem letzteren zeitweisen Schutz bietet für eine zensurlose, für eine unkorrigierte Selbstwahrnehmung durch die Deckung, die ihm der Analytiker bietet. Am Ende kann dieser Erkenntnisweg nur wieder zur freilich sinnvolleren, reflektierteren Anerkennung der Notwendigkeit gesellschaftlicher Ordnungen – einschließlich verlangter Verzichte – führen.“[1]
Die ideale Version, in der die Asymmetrie abgebaut ist, sich Therapeut und Patient auf Augenhöhe begegnen und ein Team bilden. Doch am Anfang stehen die Übertragungen im Weg. Diese folgen häufigen Mustern, diie dem Therapeuten sogleich einen Hinweis, auf das Problem des Patienten.
Typische Phantasien der Übertragung und was sie bedeuten
„Der ist überhaupt nicht an mir, sondern nur an meinem Geld interessiert.“
Eine Phantasie, bei der der Patient zweifelt, wie aufrichtig es der Therapeut meint, schließlich hat der ja auch noch andere Patienten und welche Rolle spiele ich da eigentlich, als einer von vielen? Diese Frage kann auf Eifersucht verweisen, aber auch an der Aufrichtigkeit von Beziehungen allgemein zweifeln, die ja doch nur auf Nutzen aus sind, wie man zu wissen meint.
„Hoffentlich langweilt der sich nicht mit mir.“ „Ich muss etwas Interessantes erzählen.“ „Ich muss originell sein.“
Phantasien, die alle um die Angst kreisen, dass man im Grunde uninteressant ist und die Sorge hat, jemand könnte das merken. Ein Gefühl, nicht zu genügen, oder die Idee, dass Beziehungen zwischen Menschen im Grunde immer banal sind und man sich irgendwas erzählt, damit niemand merkt, dass man eigentlich nichts zu erzählen hat. Es gibt keine Tiefe in der Welt und in Beziehungen, könnte auch eine der Überzeugungen sein.
„Ich nehme jemandem den Platz weg, der ihn dringend gebrauchen könnte.“
Ein etwas depressives Muster, dass den Aspekt des nicht Genügens noch verstärkt. Selbst wenn ich Probleme habe, bin ich es nicht wert, dass sich jemand darum kümmert, die anderen sind wichtiger als ich. Das Gefühl schuldig zu sein und jemandem die Zeit zu stehlen oder sich vor zu drängeln.
„Ich bin der interessanteste Patient.“
Dieses erkennbar narzisstische Muster findet man bei Menschen, die es von ihrem Selbstempfinden her, eigentlich gar nicht nötig haben zum Therapeuten zu gehen und es dann doch tun, um der Partnerin, die Druck gemacht hat, zu signalisieren, dass man sich sicher ist normal zu sein und dass in Wahrheit sie das Problem hat (die Geschlechterverteilung ist hier beliebig), wie der Therapeut unweigerlich feststellen wird, wenn er etwas kann. Um dem mal zu zeigen, dass es nicht nur Menschen mit ihrem langweiligen Alltagsleben gibt, sonder auch wirklich interessante Menschen, die was erlebt haben.
Eine Angst vor Abhängigkeit und davor, dass jemand etwas hat, was einem wirklich etwas wert ist, also symmetrischen Beziehungen auf Augenhöhe existieren.
„Ich erwarte die große Show.“ „Mal sehen, was der zu bieten hat.“
Ein ebenfalls narzisstisches Muster, in dem sich jemand nicht beobachtet fühlt, sondern selbst beobachtet, aus der auf den ersten Blick sehr selbstbewussten Warte heraus, der Therapeut möge doch nun mal zeigen, was er so drauf hat und ob es sich lohnt, ihm hier und da ein Zückerchen hinzuwerfen. Wenn er was Interessantes dabei hat, spielt man mit, ansonsten amüsiert man sich über den Bescheidwisser, der seine Chance haben soll und kommt irgendwann nicht mehr wieder. Ebenfalls eine Abwehr gegen das Gefühl, dass man jemanden brauchen könnte, dass einem ein anderer Mensch wirklich wichtig sein könnte, aber es verleugnet auch die Angst vor einer eigenen Kleinheit. „Klein und nichtswürdig? Ich doch nicht.“
„Können die wirklich Gedanken lesen?“
Die oft besorgte Frage oder Phantasie, ob Therapeuten merken, wenn man lügt. Zeigt vordergründig natürlich, dass man öfter mal Geschichten erzählt, dahinter steckt oft die Idee: Wenn die rausfinden, wie ich wirklich bin, müssen sie mich verurteilen. Man findet sich nicht liebenswert, wenn man sich wirklich so zeigt, wie man ist.
Nicht alles ist Projektion
Das therapeutische Ideal ist: Der Patient ist hier und jetzt der wichtigste Mensch der Welt. Ich kann es schaffen, ihm zu helfen, sich selbst zu helfen. Doch durch allerlei kann man von diesem Ideal abfallen. Patienten versuchen regelmäßig und unbewusst dieses Ideal zu sabotieren und sich zu beweisen, dass der Therapeut eben doch nur so tut als interessiere er sich wirklich, oder was auch immer das eigene Thema ist. Um das zu erreichen, stellt der Patient dem Therapeuten typische Fallen, jene, die er im normalen Leben auch stellst und die beweisen sollen, dass die Welt so funktioniert, wie er es denkt. Natürlich brachten ihn die Schwiegereltern mit dieser Sichtweise überhaupt erst zur Therapie. Irgendwas passt nicht mehr ins Bild, funktioniert nicht, wie bisher. Aber das heißt nicht, dass man seine gewohnte Sicht wirklich aufgeben will.
Ein wesentlicher Teii der Anteilnahme des Therapeuten besteht darin zu sehen und zu akzeptieren, dass der Patient genau das tut und zunächst versucht seine gewohnte Sicht durchzudrücken. Dieses zähe und öde Ringen ist für den Therapeuten und den Patienten gleichermaßen anstrengend. Scheinbr verlorene Stunden, voller Missverstehen, Stagnation und sogar gelegentlichen Rückschritten, bei denen der Patient darüber nachdenkt, ob das alles Sinn hat und er hier richtig ist. Dann tun sich noch spezifische Probleme in der Therapie auf.
Gleichzeitig gibt es auch schlechte Therapeuten, Übergriffe und die Tatsache, dass man einfach nicht zusammen passt. Ich habe glaubhafte Berichte von verlorenen Stunden gehört, in denen großenteils Floskeln ausgetauscht wurden und der Patient mit einem vorhersehbar guten Gefühl auf der Stunde entlassen werden sollte, hier vornehmlich aus den nicht aufdeckenden Spektrum der Therapien.
Langeweile bis zur Müfigkeit ist ein Symptom, das beim Therapeuten real auftreten kann und es kann ein Hinweis auf eine narzisstische Störung des Patienten sein, der zwar immer wieder erzählt, wie großartig sein Leben ist, dies aber immer wieder und oft farblos und ohne nachvollziehbare Konturen. Das ist kein Problem, wenn der Therapeut das erkennt und deuten kann, sondern hilfreich.
Was heißt Empathie?
Die Empathie, das Mitfühlen und die Anteilnahme des Therapeuten drückt sich nicht in einer anbiedernden Kumpelei oder Verschwörung gegen den Rest der Welt aus. Äquidistanz ist der Begriff, der jene Form des ins Amt Gehens und der technischen Neutralität meint, die die Anteilnahme des Therapeuten besonders macht. Der Therapeut darf sich nicht von den unbewussten Anteilen im Patienten verführen lassen und mit dem strengen Über-Ich oder Eltern-Ich eine Koalition gegen das Es oder das innere Kind eingehen, in dem er den Ball, den der Patient wirft, fängt und dem Patienten bestätigt, was er für ein unmöglicher Mensch ist, der sich nicht benehmen kann. Oder, die andere Variante, in der der Therapeut sich vom rebellischen Es oder dem inneren Kind verführen lässt und überzeugt davon ist, dass der Patient von idiotischen Reglementierungen anderer an seinem Leben gehindert wird.
Die Stufen der Emapthie haben wir hier dargestellt, für den Psychotherapeuten kommt noch eine Stufe dazu. Er muss nicht nur empathisch mit dem Patienten sein und wissen, wie dieser sich fühlt, das sowieso, es ist die Basis jeder Psychotherapie. Nein, er muss auch wissen, warum der Patient bestimmten Angebote derzeit nicht annehmen kann, manches ausblenden muss und eben ist, wie er ist und dennoch daran glauben, dass er es schaffen kann, ein anderer zu werden, in dem Sinne, dass er mehr sehen, erkennen und seine eigenen Schlüsse daraus ziehen wird, die er verantworten muss und kann. Das heißt die Anteilnahme erstreckt sich auch, auf den Widerstand gegen die Deutung, die der Patient nicht glauben, sondern verstehen muss, sonst bleibt Therapie ein leeres Spiel. Gelingt sie, kann sie das ganze Leben im besten Fall nachhaltig verändern.