Wie tickt der Mensch?

Neben der Aggression ist die Sorge die andere Seite des Menschseins. © John Ragai under cc
Wenn schon höhere Tiere ein breites Individualverhalten zeigen, als arttypische Gemeinsamkeiten, so gilt das in noch größerem Maße natürlich für uns Menschen. Der Mensch als sehr soziales Wesen ist es eben nicht entweder/oder, sondern ganze Zeit beides: Individuum und soziales Wesen, für sich stehend, in und durch Beziehungen. Was wie ein Widerspruch klingt ist keiner und die besten Anthropologen, Psychologen und Philosophen sind hier weitreichend einer Meinung.
Es ist wahr – aber kontraintuitiv – dass wir uns unser ‚höchstpersönlichstes‘ Inneres erst mit den öffentlich vorhandenen Mitteln der Sprache und der Traditionen erschließen müssen (Wittgenstein) und dann auch noch erst durch die Hinweise anderer unser Ich erkennen (Austin, Habermas), aber wenn wir diese Instanz in uns mal geschaffen haben, sind wird selbstverständlich kompetent in eigener Sache und uns fallen prima facie Berechtigungen zu, wenn wir über uns Auskunft geben und diese können wir anderen nur bei erheblichen Zweifeln an ihrer geistigen Gesundheit absprechen (Brandom). Und in der modernen Psychoanalyse sind psychische Probleme in aller Regel Beziehungsprobleme.
Dennoch können wir auch bei reifem Individualverhalten in Kollektivverhalten zurückfallen, das bezogen auf den Entwicklungsstand der meisten beteiligten Individuen eine Regression darstellt.
- Menschliches Kollektivverhalten
Die Fähigkeit zur Kooperation ist die Bedingung für die Fähigkeit zur Grausamkeit. Kurioserweise bedingen ein paar an sich positive menschliche (und tierische Eigenschaft) die Möglichkeit von Grausamkeiten.
Zum einen, durch ein Anwachsen der sozialen Kompetenz, „denn nur soziable Tiere können sich zu Gangs zusammenschließen und kooperieren, um Feinde auf so unfaire Weise anzugreifen, dass Letztere mit Sicherheit zu Tode kommen“[6], wie uns der Archäologie und Historiker Ian Morris wissen lässt. Zu anderen: Je willensfreier ein Individuum ist, umso freier ist es auch zum Bösen, Grausamen. Im Zuge der Gruppenaggression regrediert dann auch das Individuum, über den Mechanismus eines Zusammenschmelzens der Über-Iche auf das niedrigen Niveau der reinen gut/böse-Urteile findet sich hier ein Kompromiss den alle teilen können, sozusagen, der kleinste gemeinsame, moralische Nenner. In Windeseile ist eine größere Gruppe oder Masse auf dem Niveau von; „Bist du dafür, oder dagegen? Bist du einer von denen, oder einer von uns?“ Ambivalenzen, Ambiguitäten, ein Abwägen, Tore zur Menschlichkeit wirken in diesem Klima sofort verdächtig.
Doch der Mensch ist ja nicht immer und nur ein kollektives Wesen, die heftigen Einflüsse von Massenregressionen sind kein Normalzustand, wir sind auch zu einem Individualverhalten in der Lage und längst nicht jedes Gruppenverhalten ist regressiv, besonders dann nicht, wenn eine Gruppe zusammen an einer konkreten Aufgabe arbeitet.
- Individuelles Verhalten
Die Mischformen, die wir oben im tierischen Verhalten sahen, gibt es auch im Individuum. Ein friedlicher Mensch kann plötzlich umschalten, wenn er oder seine Familie angegriffen werden, zum anderen sind die Fähigkeiten zur Kooperation und Liebe, aber auch zur Aggression bis zum Hass jederzeit in uns allen zu finden. Individuelle, familiäre und gesellschaftliche Grenzen regeln, welches Verhalten gerade stärker zum Ausdruck gebracht wird, doch schon im spieltheoretischem Ideal ist reine Aggression ein Nachteil, verhaltensbiologisch werden hochaggressive Individuen ausgegrenzt oder getötet und der Kitt der Kultur besteht psychoanalytisch darin, seine Impulse kontrollieren und aufschieben zu können.
Anders herum kann auch ein aggressiver Mensch im Laufe der Zeit, durch Erfahrung, zu der Auffassung kommen, dass zu viele Aggressionen sich in vielen Situationen des Lebens nicht lohnen.
Der optimale Egoist …
Wenn wir die Frage: Aggressives oder friedliches Verhalten: Wer gewinnt?, beantworten wollen, so können wir vom aggressiven und egoistischen Ende des Spektrums ausgehend das Idealbild eines optimalen Egoisten skizzieren, der die verschiedenen Eigenschaften seines Menschseins für seine Zwecke radikal zu nutzen weiß.
Wir können uns diesen Menschen als hervorragenden und furchtlosen Kämpfer vorstellen, aber es gibt dabei ein paar Nachteile. Zum einen, wird auch der beste Kämpfer älter und irgendwann abgelöst, zum anderen, kann er auch auf dem Höhepunkt seiner Kraft schon von mehreren Kämpfern problemlos besiegt werden, auch von einem, der bewaffnet ist oder wenn er schläft. Mit anderen Worten, wer immer kämpfen will, muss gerade dann auch kooperieren.
Insofern ist Kooperation auf eigene Rechnung eine gute Option, um sich zu schützen. Wenn man aber selbst nur etwas um des eigenen Vorteils willen tut, so wird man nicht unterstellen und erwarten können, dass andere mit einem aus einem anderen Grund kooperieren. Also muss man sie irgendwie entlohnen, ihnen also etwas zu bieten haben oder sie in irgendeiner Art und Weise gefügig machen. Geld und gute Worte können helfen, aber auch Erpressung, Einschüchterung oder ein elitäres Bewusstsein, indem man dazu gehört.
Im Vorteil ist also derjenige, der ein breites, raffiniertes Verhaltensrepertoire an den Tag legt. Doch man darf sich auch nicht zu sicher fühlen. Man muss die richtig loyalen von den weniger loyalen Anhängern zu unterscheiden wissen. Das wäre eine offensive Variante, die auf die Mechanismen eines Überwachungsstaates hinausläuft, in denen sich dann irgendwann mehrere Geheimdienste gegenseitig überwachen und dann und wann komplett ausgelöscht werden. Da das bei Elitekämpfern nicht immer gut ankommt und einige hochaggressive Indivduen sich an keinerlei Regeln halten, auch nicht an die von extremistischen Gruppen, kommt es hier immer wieder zu Probleme in solchen Organisationen.
Man könnte jedoch auch ein Einzelkämpfer in eigener Sache bleiben. Wer notorisch aggressiv aber geschickt ist, tut gut daran, die anderen Menschen davon zu überzeugen und dann mehr oder weniger gut angepasst immer unterm Radar zu bleiben. Man hält die anderen in der dummen und naiven Überzeugung, dass es etwas wie Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit und dergleichen tatsächlich gibt, während man selbst kein Wort davon glaubt und der Überzeugung ist, mit ausreichend Geld oder Druck sei jeder gefügig zu machen.
Denn es ist nicht zu leugnen, das ‚Raubtier‘ lebt besser in einer Herde von Lämmern als von anderen Raubtieren. Also sollte der begabte Egoist fähig sein den Menschen zu erzählen, dass der Mensch ein friedliches und gutes Wesen ist, um sich klammheimlich über deren Doofheit ins Fäustchen zu lachen und die Menschen nach Strich und Faden auszunutzen und für die eigenen Zwecke zu manipulieren. Natürlich ‚weiß‘ der harte, in Teilen empathische (man muss so mitfühlend sein, dass man weiß, wo der andere seinen schwachen Punkt hat, um in optimal manipulieren zu können), intelligente und skrupellose Egoist, dass die Rede vom guten Menschen nur ein Märchen ist. Er erzählt den Menschen jedoch bereitwillig, was sie hören wollen, oder zumindest das, von dem er denkt, dass sie es hören wollen. Doch genau das ist auch sein schwacher Punkt und der optimale Egoist …