Wichtig ist vor allem die Erkenntnis, dass man emotional abhängig ist und sich in einem partnerschaftlichen Ungleichgewicht befindet, um eine Änderung herbeiführen zu können. Darüber hinaus hilfreich könnte zudem sein, zu ergründen, warum man in diese emotionale Abhängigkeit gelangt ist.

Biologie: Warum bin ich emotional abhängig?

Die Antwort liegt sehr wahrscheinlich in der Kindheit. Erklären wir dies anhand eines Beispiels aus dem Tierreich.

Prägung in der Kindheit: die Hühnerküken

Küken im Sand

So wie bei Tieren prägen auch uns früheste Erfahrungen. © Tom Coppen under cc

Bereits im neunzehnten Jahrhundert beschrieb der Philosoph Douglas Spalding ein Verhalten von Hühnerküken, das später in der psychologischen Fachwelt als Prägung bekannt werden sollte. Die sogenannte Nachfolgeprägung – im Falle der Hühnerküken – beinhaltet, dass die flauschigen Jungvögel in den ersten zwei bis drei Tagen jedem sich bewegenden Objekt nachlaufen und zu diesem eine Bindung aufbauen. Es muss demnach nicht zwingend ein Huhn sein, dem sie folgen.

Psychologie: Prägung auf Verhalten und Präferenz

Auch wenn wir keine Hühnerküken sind, die psychologischen Mechanismen der Prägung befinden sich auch bei uns. Bestimmte Lernvorgänge in sogenannten sensiblen Phasen führen zu relativ gefestigten Verhaltensweisen im Laufe des Lebens. Diese sind nicht umlernbar, keineswegs. Aber es erfordert einige Anstrengung, aus diesen einmal angelernten Verhaltensmustern auszubrechen.

Bindung Kind-Bezugsperson

In der Kindheit werden wir ebenfalls hinsichtlich unserer Bindungsarten geprägt. In der Psychologie werden anhand des Fremde-Situationstests von Ainsworth (1978) verschiedene Bindungsstile unterschieden.

Der Fremde-Situationstest ist ein psychologisches Experiment, bei welchem sich die Mutter für eine kurze Zeit von ihrem Kind räumlich entfernt. Analysiert wird das Verhalten des Kindes bei der Wiederkehr der Mutter. Anhand diesem lassen sich drei Bindungsstile von Kindern an deren Bezugspersonen (vorrangig Mütter) ausmachen:



  • sicher: Kind freut sich bei Wiederkehr der Mutter, keine Vermeidung des Kontaktes, Suchen der Nähe zur Mutter
  • vermeidend: Kind ignoriert die Mutter, sucht keinen Blickkontakt und auch keine Nähe
  • ängstlich-ambivalent: Konflikt im Verhalten bei Kind, einerseits Annäherungswunsch, andererseits Vermeiden einer Annäherung oder von Blickkontakt

Kindlicher Bindungstil prägt Partnerschaft

Mutter Kind Kopf liegt in Hand der Mutter

Eine sichere Mutter-Kind-Bindung ist ein wesentlicher Bestandteil der Fähigkeit, zu lieben. © Michael Kordahi under cc

Der kanadische Entwicklungspsychologe Dr. Gordon Neufeld plädiert dafür, dass Eltern sich ihren Kindern wieder in gesunder Bindung annähern. Eine sichere Bindung, bei der das Kind zuverlässig auf die Bezugspersonen vertrauen kann. Eine Bindung, die sich durch einen respektvollen Umgang, Geborgenheit und Urvertrauen auszeichnet. Die Devise einiger Psychologen lautet: Aus dem Urvertrauen erwächst Selbstvertrauen.
Kinder müssen erfahren, dass sie nichts dafür tun müssen, um geliebt zu werden. Sie müssen sich akzeptiert fühlen, als Menschen mit der Persönlichkeit, die sie mitbringen. Aufrichtige Liebe und Ehrlichkeit, genauso wie Beständigkeit zeichnen ebenfalls eine gesunde Eltern-Kind-Bindung aus.
Wenn Kinder also eine entsprechende Prägung im Bindungsstil erhalten, werden sie diesen gewohnten respektvollen Umgang auch im Erwachsenenalter fordern und suchen.



Psychologie: Weitere Gründe für emotionale Abhängigkeit


Mit einem unsicheren Bindungsstil zwischen Kindern und ihren Bezugspersonen gehen eine bestimmte Charakteristik sowie weitere Verhaltensweisen der Eltern einher.

Modelllernen: vorgelebte Elternbeziehung

Oftmals praktizieren die Eltern ebenfalls einen unsicheren ungesunden Bindungsstil. Sehr wahrscheinlich haben sie diesen von ihren eigenen Eltern so übernommen, die sich ihrerseits dem Kind gegenüber nicht sicher binden konnten. Man spricht hier von einer Generationslast, die von Generation zu Generation weitergereicht wird. Diese gilt es zu durchbrechen.
Modelllernen gilt als die erfolgreichste Lernform in der Natur. Nur dass es im Falle der vorgelebten Elternbeziehung sehr zum Nachteil gereichen kann, wenn ebenjene Elternbindung ungesund ist. Wenn Scheidungen nicht zum Wohle des Kindes und unschön ablaufen, laufen die Kinder Gefahr, sich selbst als Schuldigen der Trennung zu sehen. Daraus erwachsen können Ängste und – genau! – Abhängigkeiten. Zukünftig will man alles dafür tun, um nicht mehr verlassen zu werden und diesen Schmerz nicht mehr aushalten zu müssen.

Abhängigkeiten bei den Eltern

Respect Schriftzug auf Asphalt

Respekt: in jeder Beziehung. Um zu verhindern, dass man emotional abhängig wird. © Martin Abegglen under cc

Aus ungesunden Bindungen entstehen oft Kompensationsmechanismen. Überbordendes Kaufen, Selbstverletzung, Alkoholkonsum und andere Abhängigkeiten. Werden diese als Kind in der Familie bei den Eltern beobachtet, so werden diese häufig auch im Erwachsenenalter übernommen. Ergo: Eltern, welche in wie auch immer gearteten Abhängigkeiten stehen, wird es schwerlich möglich sein, eine gesunde, stabile, zuverlässige Beziehung zu ihren Kindern aufzubauen. Die Kinder werden versuchen, ihr Verhalten anzupassen, sensibel auf die Elternreize zu reagieren, um diese Eltern glücklich machen zu wollen. Sie fühlen sich verantwortlich für sie und möchten alles dafür tun, damit Harmonie in der Familie einkehrt. Die emotionale Abhängigkeit ist vorprogrammiert.





Umgang mit Gefühlen nicht in Balance



Viele Eltern von später emotional abhängigen Erwachsenen sind nicht fähig, Gefühle zu zeigen. Manche offenbaren diese nur, wenn das Kind Leistung erbringt. Beim Kind entsteht der Eindruck, sie werden nicht um ihrer selbst willen geliebt. Sie müssen Leistung erbringen, gut sein, um geliebt zu werden. Aus dieser Erfahrung kann kaum ein stabiler Selbstwert erwachsen.
Auch Eltern, die Ambivalenz in ihren Gefühlen zum Kind zeigen, werden bei ihrem Nachwuchs die höhere Wahrscheinlichkeit für eine spätere emotionale Abhängigkeit hervorbringen. Das Kind kann sich auf die Eltern nicht verlassen. Die Kinder wissen nicht, in welcher Tagesverfassung sich die Mutter (oder der Vater) gemütsmäßig befinden und entwickeln ein Gespür dafür, wie sie sich – in Abhängigkeit vom Verhalten der Bezugsperson – benehmen müssen. Ein emotional abhängiges Beziehungsmuster par excellence.



Warum man emotional abhängig ist, kann viele Gründe haben und eigentlich wiederum nur den einen: Ein instabiles Beziehungsmuster in der Kindheit. Als Erwachsener ist wichtig, diese Generationslast zu durchbrechen. Es anders zu praktizieren, vor allem mit den eigenen Kindern. Dies wird nicht immer zuverlässig gelingen, es wird Situationen geben, in denen man gewiss, in alte Verhaltensweisen zurückgleitet. Doch wie im vorherigen Artikel gesagt: Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut.