Narzissmus, Paranoia und der Anführer

Mussolini, der faschistische italienische Führer und Hilter. gemeinfrei, wikimedie.org/unbekannter Fotograf under cc
Narzissmus und Paranoia, sind die beiden Stränge der Persönlichkeit, irgendwann treffen sie sich und kommen zusammen, aus Sicht einer fortschreitenden Pathologie betrachtet. Aus der Sicht einer nicht stattfindenden Entwicklung, bleiben diese beiden Stränge undifferenziert oder werden, durch äußere Einwirkung, pathologisch verzerrt. Faschismus beginnt oft mit den Erfahrungen in einer Umgebung, die eine normale Weiterentwicklung verhindert. Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten, der Einfluss von Spitzenaffekten ist weiter der größte. Die psychologischen Aspekte des Faschismus , sind ohne Spitzenaffekte nicht zu verstehen. Der paranoide Mensch wird vorsichtig und misstrauisch, der narzisstische wird oberflächlich, die Probleme bagatellisierend, will ankommen und beliebt sein. Ist der Knacks größer wollen Narzissten nicht mehr nur beliebt und im Mittelpunkt sein, sondern gefürchtet. In Fällen schwerster Pathologie haben sie Spaß daran Herr über Leben und Tod zu sein und gefürchtet zu werden, wir sind dann schon in dem dunklen Bereichen des malignen Narzissmus.
Hier verschmelzen dann Narzissmus und Paranoia mit Sadismus und ich-syntoner Aggression, das heißt, diese Menschen sind misstrauisch und grausam und haben Freude daran, anderen zu zeigen, dass sie mit ihnen tun und lassen können, was sie wollen. Wenn diese Menschen zum Anführer einer Nation oder großen Bewegung werden, wird es heikel. Der Anführer und die Masse schaukeln sich gegenseitig hoch, wenn die Bedingungen für eine Regression der Masse gegeben sind und der Anführer tatsächlich die Kriterien des malignen Narzissmus erfüllt. Das Programm heißt dann ganz oder gar nicht, totaler Sieg oder Untergang und es ist keine Show, keine Inszenierung, diese Menschen tun nicht nur so, als ob.
Der Wille zum ewigen Kampf, bis zum Sieg oder Untergang, ohne Kompromisse, ist im Faschismus Programm. Wobei der Faschismus kein wirkliches Ziel hat, er kann nicht umschalten und nach einem Sieg auf einmal konstruktiv werden. Faschismus ist ewiger Kampf, weil bereits feststeht, dass sich nichts ändern wird, weil sich nichts ändern kann, es bleibt die immer gleiche Inszenierung. Ein Kampf von verkannten Guten, die in der öffentlichen Meinung die angeblich Bösen sind, gegen die wahren Bösen, also die Guten der weichgespülten Öffentlichkeit.
Regressive Massen und andere Zutaten
Jeder Hetzer braucht die Masse, sonst wird auch der Faschismus ein einsames Spiel. Wie kann man nur? Das haben sich immer wieder viele gefragt und meinten, wie man dabei, bei so etwas, nur mitmachen kann. Leider geht das leichter, als man meinen sollte. Um die Konzentrationslager des völkisch gefärbten Faschismus der Nazis aufrecht zu erhalten, bedurfte es keiner blutrünstigen Bestien, sondern es reichten normale gewissenlose Opportunisten. An sich harmlose Narzissten, die um ihre eigenes Fortkommen nicht zu behindern oder keinen Schaden zu erleiden einfach mitmachen und nicht sehen wollten, was gespielt wird. Sie haben keine wirklichen Überzeugungen, die sie bremsen könnten. Sie tun doch nur ihre Pflicht, wie es auch Eichmann dargestellt hat.
Während der Regression von Massen, oft im Kontext kollektiver Traumata, Kränkungen, Armut und der Übernahme der öffentlichen Medien durch die Regierung, ist für Nachschub für Faschisten gesorgt. Auch an sich differenziert urteilende Menschen werden, bis auf sehr wenige Ausnahmen – denen es dabei meist nicht gut ergeht – in den Strudel der Regression gezwungen, in dem das, was ansonsten als Grenzüberschreitung und Zumutung klar erkennbar ist, merkwürdig normal erscheint. Die Moral breitester Schichten sinkt auf die Moral von etwa 10-jährigen Kindern und ihr gut oder böse, Freund oder Feind Weltbild. Deshalb ist es für Faschisten auch wichtig, dass die emotionale Ansprache und der Grad der Empörung und der Projektion auf simple Feinbilder hochgehalten wird.
Dummheit ist ein Motor des Faschismus, auch wenn nicht jeder dumme Mensch ein Faschist ist. Menschen, mit Intelligenzdefiziten sind oft frei von politischen oder ideologischen Einstellungen, aus dem Grund, dass sie diese gar nicht verstehen. Sehr eindrucksvoll konnte das Andreas Marneros in „Blinde Gewalt: Rechtsradikale Gewalttäter und ihre zufälligen Opfer“ zeigen, ein Buch mit Porträts psychologischer Muster von bekennend rechtsradikalen Straftätern, von denen allerdings manche zur Ideologie nicht fähig waren, weil es ihnen an simpelsten Basiswissen, über das was sie angeblich vertraten, fehlte. Sie waren an Alkohol, Drogen und der Ausübung von Gewalt in mitunter abstoßendsten Formen interessiert. Interpreten die es gewohnt sind alles zu politisieren, verfehlen diesen Punkt.
Ideologie ist bei einigen Faschisten aber selbstverständlich auch zu finden und die Neigung aus Faschisten grölende Dumpfbacken zu machen, ist so falsch, wie die ausschließliche Zuordnung zum rechtsextremen Spektrum fragwürdig ist, auch wenn die Nähe dorthin die größte sein und bleiben wird.
Armut, Krankheit und Verzweiflung sind weitere Elemente, die Menschen mitunter faschistisches Gedankengut und Empfinden attraktiv erscheinen lässt, man muss es nicht toll finden, es ist leider kurzsichtig, aber mit etwas Empathie zuweilen nachvollziehbar. Aber Verstehen heißt nicht Verzeihen und der Zusammenhang zwischen einer psychischen Erkrankung, zu deren Entstehen man nichts kann und einer Nähe zu bestimmten Weltbildern und politischen Einstellungen ist mehr als zufällig.
„Für den Psychonalytiker, den die Erforschung der Konventionalität interessiert, ist das individuell unterschiedlich starke Festhalten an konventionellen Werten ebenso interessant wie seine gesellschaftlichen Determinanten. Wie ich im zweiten Kapitel erwähnte, postuliert Green (1969) eine Beziehung zwischen der Entwicklungsebene der Idealisierung und der Art ideologischer Verpflichtungen, die das Individuum eingeht. Diese Idealisierungsebenen reichen von frühester narzisstischer Omnipotenz über die Zwischenstadien der Idealisierung elterlicher Objekte bis zur Konsolidierung des Ich-Ideals. Der Charakter oder die Qualität der Verpflichtung gegenüber Ideologien wird Green zufolge durch das Maß bestimmt, in dem die Ideologien die Projektion eines omnipotenten Selbst oder die Externalisierung eines reifen Ich-Ideals widerspiegeln.
In Übereinstimmung mit Green vertrat ich die Ansicht, dass die Unfähigkeit, sich einem Wertesystem verpflichtet zu fühlen, das über Grenzen selbstsüchtiger Bedürfnisse hinausgeht, gewöhnlich eine schwere narzisstische Pathologie wiederspiegelt. Die Verpflichtung gegenüber einer Ideologie, die sadistische Perfektionsansprüche stellt und primitive Aggression oder durch konventionelle Naivität geprägte Werturteile toleriert, gibt ein unreifes Ich-Ideal und die mangelnde Integration eines reifen Über-Ichs zu erkennen. Die Identifizierung mit einer „messianischen“ Ideologie und die Akzeptanz gesellschaftlicher Klischees und Banalitäten entspricht daher einer narzisstischen und Borderline-Pathologie. Dem gegenüber steht die Identifizierung mit differenzierten, offenen, nicht totalistischen Ideologien, die individuelle Unterschiede, Autonomie und Privatheit respektieren und Sexualität tolerieren, während sie einer Kollusion mit der Äußerung primitiver Aggression Widerstand leisten – all diese Eigenschaften, die das Wertesystem eines reifen Ich-Ideals charakterisieren. Eine Ideologie, welche die individuellen Unterschiede und die Vielschichtigkeit menschlicher Beziehungen respektiert und Raum für eine reife Einstellung zur Sexualität läßt, wird den Personen mit einem höher entwickelten Ich-Ideal attraktiv erscheinen.
Kurz, Adorno, Green und ich stimmen darin überein, dass Ich- und Über-Ich-Aspekte der Persönlichkeit das Individuum zu übergroßer Abhängigkeit von konventionellen Werten prädisponieren. Es ist berechtigt zu sagen, dass der spezifische Inhalt des Konventionellen durch soziale, politische und ökonomische Faktoren beeinflusst wird: Die Universalität der Struktur der Konventionalität in der Massenkultur jedoch und ihre Attraktivität für die Massen sind nach wie vor erklärungsbedürftig.“[1]
Elitarismus, Hierarchien und Kollektivismus
Die sonderbare Mischung zwischen einem ausgeprägten elitären Gefühl und einer Neigung zu Hierarchien einerseits und einem Kollektivismus andererseits, passt nicht gut zusammen, aber sie existiert. Denn Elite können ja immer nur wenige sein, für das Kollektiv ist da in der Regel nichts zu holen. Darum ist der verbindende Mythos, das Narrativ, die Tradition, der Ritus so wichtig, die begründet, warum es doch möglich ist, nämlich dann, wenn dieses, als genau dieses eine Kollektiv eine herausragende Stellung hat und vom Schicksal ausersehen wurde. Der Gründungsmythos erklärt wieso das so ist und Habermas stellt fest:
„Diejenigen, die sich gegenseitig ihre Mythen erzählen und diese gemeinsam inszenieren, vergewissern sich damit zugleich ihrer kollektiven Identität. Mythen sind nämlich auch Weltbilder, in denen sich das kollektive Selbstverständnis einer Gruppe artikuliert.“[2]
Die Erzählung reicht und die Erzählung wird über gemeinsame Riten weiter verfestigt. Das muss nicht logisch bis ins Letzte sein, es reicht, dass diese Erzählung zirkuliert und geglaubt wird. So kann man zu einem qua Ethnie, Nation, Religion, durch eine gemeinsame Idee und ihren rituellen Ausdruck, eine Lebensweise oder sonst wie auserwählten Kollektiv gehören, mit anderen Worten Elite sein und dennoch ist die Tür für jeden offen, Kollektivismus und Elitarismus, der obendrein noch alles Niedere (nicht mythisch Legitimierte) verachtet, können sich die Hände reichen.
Einmal möchte man auch Gewinner sein und begabte Populisten wissen das zu nutzen. War man eben noch, wegen bestimmter Merkmale von der Gesellschaft verachtet, ist man nun, im Handumdrehen jemand und nicht nur irgendwer, sondern einer mit Prädikat. Innerhalb der Gruppe oder des Kollektivs steht man vielleicht noch ganz unten und muss sich hocharbeiten, aber selbst wenn das so ist, steht man damit jetzt schon oberhalb aller anderen, die sich außerhalb des Kollektivs befinden.