
Einzelne schwarze Schafe kann man immer ertragen, aber auch hier darf man nicht leichtfertig sein. © Tobias Begemann under cc
Nicht nur in diesen Krisentagen, sondern schon seit einigen Jahren wird uns bewusst, dass Informationen und der kundige Umgang mit ihnen, eine immer größere Rolle für unser Leben spielen und genau das ist es, was wir alle üben sollten.
Alle heißt dabei nicht, dass wir alle die gleiche Ausgangsbasis haben. Nein, bei weitem nicht und das anzusprechen fällt fast schon in die Tabu Kategorie. Die Menschen unterscheiden sich enorm, in der Fähigkeit zu denken, zu lesen, zu empfinden und bei so gut wie allem anderen auch. Den Mainstream, einen breiten Strom weitgehend gleich gerichteter Menschen, gibt es immer weniger.
Also geht es auch bei dem, was wir alle üben sollten, nicht um das Gleiche für alle. Nur dem Prinzip nach und das heißt, einen Schritt weiter zu kommen. Wir betrachten dabei aber nur den Bereich der Informationen und wie man mit ihnen umgeht. Darüber hinaus gibt es manuelle Geschicklichkeit, Mitgefühl, eine Beziehung zum eigenen Körper. Musik und Tanz, Gründlichkeit, Achtung und Sorgfalt oder Mathematik, als weitere Bereiche, in denen man stärker oder schwacher sein kann.
Jeder hat Lücken, aber das ist kein Grund für einen flächendeckenden Selbstoptimierungswahn, nun auch noch ausgedehnt auf 30 Bereiche, sondern im Grunde geht es um Bescheidenheit und die Erkenntnis, dass ich nicht alles schaffen kann, dies aber auch gar nicht muss. Es gibt ja noch andere Menschen, die in vielen Feldern sehr viel kompetenter sind, als man es selbst ist, aber wir neigen manchmal dazu, diese Bereiche zu entwerten,wenn wir sie nicht gut beherrschen.
Hier geht es aber um den Bereich Informationen und darum, was wir alle üben sollten, um sie besser verarbeiten zu können.
Schärfegrad 1 (mild): Lesen und Schreiben
Ich kann mich kurz fassen, denn alle, die das hier lesen, sind nicht betroffen. Es geht um die Fähigkeit Lesen und Schreiben zu lernen. Es gibt bei uns noch immer, 6,2 Millionen funktionale Analphabeten, das sind Menschen die zwar einzelne Sätze vorlesen können, aber den Sinn eines Abschnitts nicht verstehen. Die gute Nachricht ist, dass seit der letzten Erhebung in 2011, die Zahl von 7,5 Millionen gesunken ist. Mehr als die Hälfte haben Deutsch als Muttersprache.[1]
Es gibt gerade heute auch andere Wege der Informationsbeschaffung und es muss festgestellt werden, dass diese Menschen keinesfalls dumm sind. Dumm ist allerdings der Modetrend, der gerade unter Jungen stärker ausgeprägt ist, lesen als „voll schwul“ zu bezeichnen, dass sind gleich zwei unnötigen Diskreditierungen. Auch auf anderen Wegen kann man an Informationen kommen, lesen zu können bleibt aber dennoch ein Hauptweg für viele präzisere Informationen und nur selten steckt eine echte Störung hinter der Analphabetie.
Es würde sich als lohnen es nachzuholen und anderen dabei zu helfen. Lesen und Schreiben ist nicht nur etwas für Bildungsfetischisten, sondern ein Kulturgut und obendrein eine Lust, für manche eine Berufung. Kafka hat dem Schreiben nahezu alles untergeordnet, darin ist er wirklich ein Sonderfall, aber auch für andere ist das Schreiben Befreiung.
Schärfegrad 2 (pikant): Medienkompetenz
Wie gehe ich mit Meldungen um? Da gibt es dann diese Meldung, jenen Experten, irgendwas, was zig mal geteilt wurde und vieles, vom dem nur noch die Überschrift gelesen wird, weil man sich gar nicht informieren, sondern einfach bestätigt haben möchte, was man denkt. Darum ist es gut, einen Text, so banal es klingt, überhaupt erst mal zu lesen, im Zweifel gründlich. Wenn man ihn verstanden hat, werden sich bei eventuell stark abweichenden Meinungen, sehr einfachen oder steilen Thesen gewisse Zweifel ergeben.
Da hilft es zunächst einmal darauf zu schauen, ob und wie eine Behauptung belegt ist. Wo ist die Quelle zu irgendeiner These? Im Online-Zeitalter kopiert man den Namen, fügt ihn in eine Suchmaschine ein und wird oft sehr schnell fündig. Dort angekommen, kann man weiter suchen, etwa nach Studien. Wenn es heißt „Wie eine Studie aus Belgien zeigte, …“ so heißt das erst mal gar nichts. Ist diese Studie verlinkt? Wo? Was taugt sie? (Dazu mehr im nächsten Schärfegrad.)
Aber auch auf dieser Stufe kann man noch sehr viel tun und einüben: Ihnen kommt etwas seltsam vor? Schauen Sie einfach mal, ob eine Seite ein Impressum hat. Wenn nicht, oder wenn irgendwelche noch seltsameren Erklärungen dort zu finden sind, seien Sie extrem kritisch, da es sich in aller Regel um propagandistischen Schrott handelt. Ein einfacher Klick kann helfen, es gibt Ausnahmen, aber sie sind hoch selten.
Viele Lobbyseiten sind allerdings auf hoch seriös getrimmt, daher ist der nächste Tipp, den oder die Herausgeber oder Verantwortlichen aus dem Impressum zu kopieren und in die Suchmaschine einzugeben, um sich einen Überblick über deren Werdegang und Hintergrund zu verschaffen, in aller Regel weiß man da bereits sehr viel mehr darüber, aus welcher Ecke der Wind weht.
Aber ist das nicht genau, was man ‚dem Mainstream‘ immer vorwirft, stets nur sich selbst zu kopieren, zu zitieren und alle anderen mundtot zu machen? Ja, es wird ihm vorgeworfen, aber erstens, ist dieser Mainstream in der Form überhaupt nicht (mehr) existent. Zweitens, treffen die Vorwürfe nur bedingt zu, da man ständig über das redet, über was angeblich niemand spricht, aber am wichtigsten und unterdrückt sein soll. Drittens, ist es wichtig, dass Sie auch mir nicht blind glauben, sondern lernen, sich selbst zu informieren und die Spreu vom Weizen zu trennen, das geht und ist heute nötiger denn je. Diesen Selbstanspruch sollte man sich aneignen.
Wir werden uns der Frage, ob nicht alles auch ganz anders sein könnte, weiter unten zuwenden. Bleiben Sie kritisch, denn diese alles infrage stellenden Zuspitzungen, sind in aller Regel nicht wahnsinnig gewitzt, sondern eher plump. Man muss aber verstehen, warum, einige schaffen das durchaus.
Schärfegrad 3a (scharf): Was kennzeichnet gute Studien?
Ein Kapitel für sich, eher eine Welt für sich. Daniel Kahneman hat ein super Buch dazu geschrieben. Wenn Sie bis zu der Stelle vorgedrungen sind, wo die Originalstudie hinter einer Aussage verlinkt ist, fängt der Spaß auf eine Art erst an. Denn nun gilt es zu prüfen, was die Studie wert ist. Das können Sie auch erkennen, wenn Sie das betreffende Fach nicht studiert haben, dafür gibt es ja Statistik und Informationen zum Studiendesign. Erste Regel: Kleine Studien sind fast immer nichts wert.
Der Grund ist, dass Statistik immer einen Ausschnitt aus einem Gesamtbild darstellt und je kleiner der Ausschnitt um so weniger erkennt man das ganze Bild – genau das soll Statistik aber leisten – und umso größer ist der Zufall. Technisch ist das die Regression zur Mitte, was einfach heißt, dass die nächste Studie dramatisch andere Werte produzieren kann und es daher ziemlich gleichgültig ist, wie eine Studie mit 36 Teilnehmern inhaltlich ausgefallen ist, sie ist einfach zu klein für irgendeine Aussage. Auch hier gibt es noch Kleingedrucktes, arbeiten Sie sich ein, jeder Schritt mehr lohnt sich.
Die Statistik und Methodik entwickelt sich ja selbst weiter, so dass es heute viele Metastudien gibt, in denen alle möglichen Studien, die es zu einem Thema gibt, noch mal neu zusammen gefasst und gesichtet werden. Unter anderem auch unter dem Aspekt der Studiengröße und des Designs, oder ob die Studie überhaupt misst, was sie zu messen vorgibt, die Ergebnisse in anderen Studien bestätigt werden konnten und so weiter. Das alles spielt eine Rolle und ist oft weniger beachtet, als man meinen sollte und es ist alles andere als leicht, eine gute Studien zu bauen.
Bei Studien und Metastudien ist nun andererseits zu beachten, dass diejenigen, die sie erstellen, wirklich so neutral, wie es geht vorgehen. Es gehört zwar zum guten Ton, etwaige Interessenkonflikte offen zu legen, aber da gibt es ja immer noch das breite Feld der ideologischen Voreingenommenheit, der Eitelkeiten, der kleinen Schummeleien und des massiven Betrugs, sei es aus wirtschaftlichen, politischen oder persönlichen Erwägungen.
Es wird gerne behauptet, das sei im Grunde alles bekannt und klar, gäbe es immer einzelne schwarze Schafe, aber die Herde sei eben blütenweiß, allenfalls gesprenkelt. Es gibt einen Unterschied zwischen einem von vorn herein und stets misstrauischen Bashing auf der einen Seite und einer fundierten Kritik auf der anderen, die dann auch die besten Methoden kritisch hinterfragt. Die Doppelblindstudien sind nicht in allen Fällen, in denen es um die Wirksamkeit medizinischer Verfahren geht, die Mittel der Wahl und auch am Peer Review gibt es mitunter fundierte Kritik.
Beginnen Sie damit, zu verstehen was Statistik, wenn sie idealerweise bestens gemacht ist, leisten kann und was sie nicht leisten kann. Dazu gehören die Zusammenhänge zwischen Kausalität und Korrelation, die zwar viele schon mal gehört haben, aber es ist wichtig, genauer zu verstehen, was es damit auf sich hat. Statistik ist ein Werkzeug, wie Zollstock oder Logik, mit deren Hilfe man bestimmten Datenkolonnen in Beziehung setzen kann. Von Zeit zu Zeit sieht man, dass sich bestimmte Daten verändern, wenn andere sich ebenfalls verändern. Diese Daten korrelieren. Ihre Veränderung scheint daher kein Zufall zu sein, so nimmt man an und um zu prüfen, ob das wirklich so ist, versucht man dies zu ergründen, indem man nämlich gesondert nachweist, dass zwischen zwei korrelierenden Werten tatsächlich eine ursächliche oder kausale Beziehung besteht, das heißt, sich der eine Wert ändert, weil sich der andere ändert. Korrelierende Werte können kausal verbunden sein, müssen es aber nicht.
Schärfegrad 3b (noch etwas schärfer): Die andere Meinung

Es gibt keinen Schärfegrad, der nicht noch zu steigern wäre. Was halten Sie aus? © Ozzy Delaney under cc
Wir zeichnen hier große Schritte nach. Der von Schärfegrad 2 zu 3b besteht darin, dass man hier nicht mehr versucht Gründe dafür zu finden, warum die eigene Meinung richtig ist, sondern begriffen hat, dass man vor allem weiter kommt, wenn man sich aufmacht und mit aller Kraft versucht herauszufinden, was an der eigenen Meinung, Einstellung und Vorstellung von Welt nicht stimmen könnte.
Natürlich wird man Gründe dafür haben, dass man so denkt, wie man es gerade tut und es ist gut, wenn man diese nennen kann. Aber es geht eben darum, den nächsten Schritt zu machen und der ist nicht die Verteidigung der eigenen Position, sondern diese aktiv und indem man Kritik anderer an sich heran lässt, infrage zu stellen. Was könnte falsch sein, an meiner Überzeugung?
Nüchtern betrachtet ist das die Prüfung einer These. Wer professionell damit zu tun hat, kann das oft auch so entspannt sehen. Man stellt die These auf, prüft dann, ob was dran ist, wenn nicht, verwirft man die These und sucht eine neue. Aber nicht jeder ist Profi und arbeitet in diesem Bereich seines Fachgebietes und geht so nüchtern an die Sache heran. Denn eine These zu haben, heißt eben auch eine Behauptung aufzustellen und im Alltag oft, eine bestimmte Überzeugung zu haben. Auch diese hat man nicht grundlos.
Es kann aber auch passieren, dass man als Profi von einer These nicht gut ablassen kann. Verständlich wird das etwa dann, wenn man forschend eine Idee verfolgt, meint, man wäre auf der richtigen Spur und auf einmal stimmen irgendwelche Daten nicht mehr überein. Nun hat man aber vielleicht schon zwei Jahre Lebenszeit investiert und bald einen Abgabetermin. Die Versuchung ist da, die Werte mal eben zu ‚korrigieren‘ und nicht die eigene These, bei der vielleicht bis dahin alles stimmte. Weil eben Zeit, Arbeit und vielleicht Herzblut drin stecken.
Dass man bei Alltagsüberzeugungen weniger entspannt ist, kann durchaus auch dem Profi passieren, der es in einer Wissenschaft spielend schafft, die eigenen Thesen emotionslos zu revidieren, wenn etwas nicht stimmt. Die Freude, nun doch immerhin schon mal zu wissen, was nicht stimmt, stünde ja zur Verfügung. Aber unser Leben und Chrarakter ist nicht immer leichtgängig und das macht das, was ich anfangs Thesen nannte, mitunter so brisant. Es sind eben nicht nur irgendwelche abstrakten Ideen darüber, was welchen Einfluss etwas auf die Vermehrung von Fröschen hat, sondern manchmal müssen wir auch mit unseren tiefsten Überzeugungen über die Welt so umgehen und sie als vorläufige Hypothesen ansehen.
Gleichzeitig ist es für unsere psychische Stabilität aber wichtig, stabile Überzeugungen zu haben, die sich eben nicht täglich ändern, sondern verlässlich sind. Wer ständig an allem zweifelt gehört eher der paranoiden Gruppe an. Beides geht in dem Moment zusammen, indem man seine besten Argumente, aufgrund derer man überzeugt ist, dass die Welt so funktioniert, wie man es eben annimmt. mit den besten Gegenargumenten konfrontiert und wenn man im lichte intellektueller Redlichkeit noch immer überzeugt bleiben kann, ist alles in Ordnung. Es zeigt aber gleichzeitig, wieso man so in Rage geraten kann, wenn jemand ganz anders denkt, empfindet und lebt, als wird es tun, Er zeigt damit nämlich, dass es eben auch anders geht. Eine Herausforderung, weil man die eigene Sicht- und Lebensweise in aller Regel ja doch für die beste und erstrebenswerteste hält, sofern man das Glück hatte, sein Leben halbwegs frei gestalten zu können.
Schafft man es aber, sich der Kritik an den eigenen Überzeugungen zu stellen und sie dankbar anzunehmen, ist man einen großen Schritt weiter. Was theoretisch einfach klingt, ist praktisch oft ungeheuer schwer umzusetzen, weil dem eben unsere fundamentalen Überzeugungen entgegen stehen, die hier verhandelt werden könnten. Auch wenn diese revidiert werden, ist man einen großen Schritt weiter, aber zugleich desorientiert und schutzlos, seiner tiefsten Überzeugungen beraubt. Wenn das nicht stimmt, ja was stimmt denn dann überhaupt? Was soll ich denn jetzt (noch) glauben?
Schärfegrad 4 (sehr scharf): Der immer größere Kontext
Wir überschätzen uns oft. Das betrifft häufig jene, die meinen, sie seien jederzeit bereit alles infrage zu stellen, würden überhaupt kein Weltbild und keinen privilegierten Interpretationsmodus besitzen. Kritik und Zweifel seien hingegen ihr ständiger Antrieb, vor Weltbildern hätten sie immer schon gewarnt und sie selbst würden die Dinge, Menschen und die Geschehnisse der Welt insgesamt schon seit Jahren anschauen, wie sie nun mal sind.
Auch so eine Einstellung kann man haben und mit ihr durchs Leben kommen, sollte sich nur nicht vormachen, dahinter stünden keine Überzeugungen und kein Weltbild. Denn man kann ja ganz einfach fragen, wie sie denn so ist, die Welt und das was in ihr passiert. Menschen, die glauben, sie würden die Dinge einfach sehen, wie sie sind, in der Regel der Überzeugung, man brauchen dabei einfach nur hinzuschauen, sehen könne man es an jeder Ecke, wenn man sich nicht den Blick vernebeln und die Ohren voll labern lässt. Diesen Punkt kann man platter oder intelligenter vertreten, aber er hakt immer an einer Stelle.
Man kann keinen ‚Blick von Nirgendwo‘ einnehmen, es gibt keine letzte objektive Warte, kein Außerhalb, von dem aus man auf ‚die Welt‘ blicken kann. Auch nicht auf die Gesamtheit dessen, was in ihr stattfinden. Fragt man jemanden wie sie denn nun sei, die Welt und schafft es jemand dabei weder auszuweichen („Sieht man doch.“) oder in Floskeln abzugleiten („Nicht gut, aber auch nicht schlecht.“), so wird die Schilderung immer ein selektiver Blick sein. Der kann schlichter, aber auch brillant sein, er kann jedoch nur ein Teil des Ganzen sein. Dieser Teil kann richtig sein, in dem Sinne, dass er recht gut erklären kann, was man sieht. Aber auch andere Sichtweisen können in dem Sinne richtig sein. Die eine konsistente Erklärung schließt ja die andere nicht aus.
Wie funktioniert sie denn nun, die Welt? Nach den Regeln der Physik? Der Biologie? Der Macht? Nach Gottes Willen? Der Mathematik? Der Wahrscheinlichkeit? Oder doch von allem etwas, noch vermischt mit Psychologie, Soziologie und Philosophie? Aber wo ist der Übergang? Wer ist zuständig, wenn es um das Bewusstsein von Menschen geht? Die Philosophie des Geistes, die Neurobiologie, die Psychoanalyse, der Behaviorismus, die Kognitionspsychologie, die Evolutionsbiologie, die Systemtheorie, die Anthropologie oder noch ganz andere Disziplinen? Alle ein bisschen? Aber wo ist der eine nicht mehr zuständig, dafür aber der andere, wo verläuft die Grenze? Wir wissen es nicht. Niemand weiß es, jeder hat so seine individuelle Mixtur. Prima, wenn man damit gut durchs Leben kommt, aber mehr heißt das auch nicht, schon gar nicht, dass man recht hat.
Manche glauben, weil der Mensch ein willkürliches Wesen ist und vermutlich sein muss, sei es eben wichtig zur Objektivität durchzudringen. Messen muss man und alles ist in Ordnung, denn das ist objektiv, oder? Doch Messvorrichtungen muss man ’sagen‘, was sie messen sollen. Ob das Gewicht, die Länge oder Neutronen. Die Hauptwörter, die Intelligenz oder den Neurotizismus. Die Messgeräte sind dabei sehr unterschiedlich und natürlich wiederum nur selektiv. Und wie justiert man vor, was wirklich wichtig ist? Das ist wieder theoretisch. Eine letztendliche Objektivierung gibt es nicht. Auch nicht hinten herum, indem man sagt, die Summe der subjektiven Einstellungen seien Teil der objektiven Welt, weil in keiner Weise klar ist, was diese Summe denn nun sein soll. Addiert man einfach nur und bildet einen Mittelwert? Wie kommt man an die Einstellungen von jemanden, der sich doch selbst nur zum Teil kennen kann, der Rest liegt ja im Unbewussten? Und wie, nach welchen Regeln, setzt man dann alle Messwerte am Ende des Tages zusammen? Mal ist der Einfluss des Großvaters größer, mal jener der Harnsäure oder des Einkommens, kommt eben auf die Fragestellung an.
Vielleicht sagt Rainer Maria Rilke es am besten:
Ich lebe mein Leben
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.[2]
Wir sind zu einer dynamischen Lösung übergegangen, die ganz gut funktioniert, im Alltag wie in der Wissenschaft. Wir haben Näherungen für Zuständigkeiten entwickelt. Wenn die Heizung defekt ist, rufen wir nicht den Zahnarzt. Das klappt auch ganz gut, im Alltag, grob gesehen auch in der Wissenschaft, aber eben nicht immer, da wir keine letztendlichen Zuständigkeiten zuordnen können. Und so ungefähr, das reicht eben nicht, wenn man präzise argumentieren will und auch das ist es, was wir alle üben sollten.
Könnte nicht alles ganz anders sein?
Das ist die Stunde derer, die sich ganz radikal fragen, ob nicht ausnahmslos alles anders sein könnte, als wir denken. Wir befinden uns immer noch auf Schärfegrad 4.
Klar, könnte alles anders sein, aber was soll das genau heißen? Grundsätzliche Überlegungen dazu gibt es reichlich, von der alten Frage, ob man nun eigentlich wach ist oder doch schläft und nur träumt, wach zu sein. Oder sind wir nur der Traum eines malignen Dämons? Oder ein Gehirn im Tank, dem man die Welt die es kannte per Supercomputer simulierend vorgaukelt? Ein philosophischer Zombie der ohne Bewusstsein agiert, ohne das jedoch zu merken? Die schönen Matrix-Filme spielen mit diesen Ideen.
Nehmen wir mal an, es sei so, die Welt wäre völlig anders, als wir denken. Wie wäre sie denn dann? Indem man das formuliert, formuliert man ja schon wieder seine Lieblingsidee. Etwa, dass es dahinter eine Welt der Ideen gibt oder reine Mathematik. Aber was hieße das nun bezogen auf die Welt, die wir täglich erleben? Denn, wir erleben ja eine.
Die Zweifler wollen sich hingegen nicht festlegen und beharren darauf, dass es aber doch sein könnte, dass, auch wenn man nicht weiß wie, es zumindest doch nicht ausgeschlossen werden kann, dass die Welt ganz anders sein könnte. Man kann sich auch auf diesen Gedanken einlassen, nur was genau fangen wir dann damit an, wenn alles derart vage bleibt?
Es kann natürlich sein, dass im nächsten Moment das Vorhang zerreißt und sich der Blick auf das was dahinter ist offenbart. Dann erkennt jeder wie es ist. Oder erblindet oder wird irre, man weiß es nicht. Aber bis dahin? Was folgt für mich genau jetzt daraus? Wie sollte ich mich vorbereiten und vor allem, auf was, wenn doch alles anders ist? Wie anders ist es denn? Sind unten und oben vertauscht oder enthüllt der bösartige Gott sein Antlitz? Oder ist doch alles nur eine Simulation des Supercomputers, eine große Fernsehshow? Auf was genau soll ich mich denn nun vorbereiten? Einfach darauf, dass alles ganz anders ist, als ich denke, kann ich mich nicht vorbereiten, selbst wenn ich wollte. Weil das komplett inhaltsleer ist, oder anders gesagt, alle Möglichkeiten enthält.
Man kann uns täuschen, aber wenn man ohnehin nichts dagegen tun kann, braucht uns auch das auch nicht zu jucken. Denn außer der konstanten Möglichkeit, dass alles anders sein könnte, ist die Welt nun mal aktuell so wie immer. Wie sie in der letzten Zeit eben war. Auch die Illusion, wenn sie denn eine ist, folgt ja bestimmten Regeln. Jetzt, seit der Covid-19 Pandemie ist ja schon einiges anders, aber es gibt immer noch Regen. Stifte fallen noch immer zu Boden und nicht an die Decke. Mein Lieblingsbuch ist noch immer das gleiche und 3 + 2 sind noch immer 5.
Dem absolut übermächtigen Anderen kann seine Macht über uns recht einfach entzogen werden. Der maligne Gott, der mit und macht, was er will, den es nicht juckt, ob wir Beten oder Sündigen, der uns einfach in jedem Moment zeigen kann, wie sehr wir ihm ausgeliefert sind, er braucht uns nicht zu jucken, denn wer sich auf kein Spiel einlässt, dem brauchen wir nicht zu folgen. Wir könnten diesem Gott nichts recht machen, denn er ist ja gerade dadurch definiert, dass er sich nicht dafür interessiert. Wir könnten ihm und jedem anderen prinzipiell bösartigen Wesen gar nicht dienen, denn es allenfalls dafür uns zu verwirren oder zu quälen, daher ist es gleichgültig was wir tun. Vielleicht kommt die Quittung, aber solange ist die Welt die wir ja schon kennen, jene, in der wir uns bewegen.
Soll heißen, je radikaler die Andersartigkeit zu sein scheint, die man annimmt, umso weniger folgt aus ihr. Fragen Sie mal jemanden, mit einer steilen These, was das nun für ihn konkret bedeutet. Was denn für ihn daraus folgt, im Bezug auf seine Arbeit, seine Beziehungen, Lieblingsmusik oder das, was er gerne so isst oder die Rentenvorsorge. Eigentlich nichts, und erstaunlicherweise oft umso weniger, je radikaler die Skepsis zu sein scheint.
Die meisten denken auch nicht, dass wirklich alles anders sein könnte, sondern sie denken, die Welt wäre schon irgendwie so, wie sie im Großen und Ganzen scheint, aber da gäben es noch eine Art doppelten Boden und dann doch vieles nicht so, wie es uns vorkäme. Irgendwie wären wir alle ferngesteuert, konditioniert oder manipuliert. Dem sind wir in: Sind wir alle manipuliert? nachgegangen.
Schärfegrad 5 (welcome in Scoville City): Die Mischung macht’s

Mit der Zeit entstehen in den Innenwelten komplexe, aber auch schöne dreidimensionale Muster. © fiction of reality under cc
Der Punkt bei der vermeintlichen Fundamentalkritik ist einfach der: Wenn nun tatsächlich alles anders wäre – nur mal angenommen – was ändert das an der Frage, danach, ob hier ein Kreisverkehr entstehen soll, oder wie der Sportunterricht zukünftig aussehen sollte? Nichts.
Die Antworten auf die scheinbar größten Fragen – Könnte nicht alles nur eine Computersimulation sein? Existiert Gott, oder nicht? Ist das Universum reine Mathematik? – ändern oft rein gar nichts an unseren Alltagsfragen und tun es, wenn man den Schärfegrad 4 verstanden hat, auch prinzipiell nicht. Haben Sie ihn verstanden oder nur gelesen? Man kann lange damit ringen.
Das lässt so manche gewaltig scheinende Frage seltsam klein werden. Die Frage, was ich essen sollte, wenn ich abnehmen will, ist da schon lebensnäher. Dennoch ist es nicht sinnlos den umfassenden Fragen nachzugehen und große Fragen zu stellen. Was wissen wir wirklich und was nicht? Dadurch, dass wir heute auf vielen Gebiete mehr wissen, erkennen wir auch besser, was wir noch nicht wissen, mit dem Wissen steigen auch die Ungewissheiten.
Wir können Alltagswahrheiten schon ganz gut erkennen aber was ‚die Wahrheit‘ letztlich ist, dazu existieren viele Theorien. Schwebt die Logik eigentlich über allem und richtet sich alles nach der Logik aus? Nein, ‚die (eine) Logik‘ gibt es ebenfalls nicht, es spricht viel dafür, dass sie nur ein Werkzeug, eine Konvention ist, weil andernfalls unklar wäre, wie ihre ordnende Kraft, nach der sich alle vernünftigen Argumente zu richten haben, nun auf die Welt der Argumente ausstrahlen sollte. Das alte Dualismusproblem.
Der Zusammenhang von Sprache, Logik, Konventionen, das alles wirkt weniger gewaltig, als die scheinbar ganz großen Fragen, aber in ihnen ist in Wirklichkeit viel mehr Dynamik weil aus ihnen nämlich tatsächlich einiges folgt. Es ist nur komplizierter, man kann das Ergebnis nicht messen, man muss den Weg selbst gehen und die Antwort verstehend nachvollziehen. Das heißt, man muss viele Bereiche in eine Relation bringen und erkennen, dass es tatsächlich etwas für unser konkretes Leben bedeutet, wenn man die Frage nach der Freiheit des Willens an einem Gedankenexperiment festmacht. Wenn man nämlich nachvollziehen kann, dass sich Determinismus und Freiheit nicht ausschließen, bedeutet das für meinen Alltag, dass ich sehr wohl frei entscheiden kann, egal wie es um mein Hirn oder sonst etwas bestellt ist. Dass Freiheit und Verantwortung einander bedingen, kann man zwar leicht auswendig lernen, aber man hat wenig davon, wenn man nicht versteht, warum das so ist.
Langsam entwickelt sich so ein dreidimensionales Bewusstsein, bei dem man empirische Daten, Logik, Argumente und die offenen und stillen Prämissen verschiedener Positionen und Weltbilder in eine Relation bringen kann. Wenn wir keinen kompletten Zugang zur Realität haben, so heißt das nicht, dass wir gar keinen haben. Dennoch können wir immer nur Bezug auf unsere Weltbilder und Interpretationsmodi nehmen, also auf das, von dem wir denken, dass die Welt so funktioniert. Wenn wir daraus etwas ableiten und es tritt ein, schön, aber sehr viel bedeutet das auch nicht. Dies kann und sollte man immer höher treiben, Reflexion ist der Weg dort hin und Reflexion heißt auch, dass automatisch immer mehr vom Subjekt, von mir, in Welt eingewebt wird. Auch das heißt wieder nicht, dass alles nur subjektiv ist, im Gegenteil, um zu sich zu finden, muss man erst einmal öffentliche Mittel, wie Sprache oder die Hinweise der andere, an- und aufnehmen, ein ständiger Prozess des Nehmens und Gebens, aus dem soviel folgt, dass man hier nur die Themen andeuten kann, die Wege nachzugehen, braucht es Jahre.
Wunderschöne Annäherungen, obwohl es, wie er sagt, keinen leichten Weg in die Philosophie gibt, liefert und Daniel-Pascal Zorn unter der Frage Wie funktioniert Philosophie? Wenn wir nicht mehr haben als Weltbilder und Interpretationsmodi, wenn uns der Blick auf die Welt als Ganzes verstellt ist, dann müssen wir uns ihr, der Wahrheit, der Gerechtigkeit und all den großen Themen, die uns durchaus bewegen und umtreiben, in Schritten annähern. Der Weg dahin ist die Güte der Argumente, denn auch das Sein, das was einfach oder wirklich ist (was immer das umfasst oder ausschließt) offenbar sich uns über den Logos und der Königsweg in zu ergründen ist die Sprache.
Strategische Provokation: Was ist das und warum?
Was wir alle üben sollten ist für jeden verschieden. Jeder steht irgendwo und kann nun versuchen, den nächsten Schritt zu gehen. Immer nur den nächsten. Das ist schwer genug, weil man oft gleich zwei Fehler macht. Erstens, man will zu schnell, zu viel und verkennt, dass Entwicklung – so wie es aussieht, ziemlich durchgehend – ein Prozess ist, der Stufe um Stufe vor sich geht. Zweitens, denkt man in aller Regel, man sei weiter, als man ist. Bekannt als der Dunning-Kruger-Effekt. Aber auch hier geht es nicht darum, sich in falscher Bescheidenheit anzubiedern, oder sich depressiv selbst zu erniedrigen, es geht einfach darum, dass es bereits ein gerüttelt Maß an Reflexionvermögen braucht, um sich halbwegs gut einzuschätzen.
„Ich stimme Ihnen zu, dass Selbstreflexion und eine ehrliche Suche nach den unbewussten Motivationen das Wissen und den Sinngehalt des Lebens bereichern. Man sagt: „Nur ein erforschtes Leben ist lebenswert.“ Und dabei hat die Psychoanalyse geholfen. Diese forschende Selbstreflexion nach unbewussten Motivationen kann nicht nur zu größerer Selbsterkenntnis führen, sondern kann auch helfen, sich – zumindest teilweise – von den destruktiven Aspekten unterdrückter Konflikte zu befreien. In dieser Hinsicht helfen die Selbstreflexion und die ehrliche Suche nach den eigenen Motivationen der Spiritualität, doch macht dies nicht unbedingt glücklich; es bringt auch den Schmerz und Kummer der Entdeckung, dass wir weniger ideal sind, als wir von uns glauben möchten.“[3]
All das soll ein wenig auch ein Ansporn sein, auf Schärfegrad 4 oder spätestens 5 kann man auch verstehen, wieso das so ist. Wir wollen uns messen und vergleichen, schon Kinder machen das mit Lust, der spielerische Wettstreit ist ein Motor der Entwicklung und das Ringen um die besseren und besten Argumente, ist ein Teil davon. Kann es beste Argumente geben, Letztbegründungen, die gültig sind? Diese haben nichts mit finalen Glaubenssätzen der Religionen zu tun, sondern es geht darum, ob sich aus der Fülle der Argumente und gültigen Prinzipien letzte heraus schälen, die nicht mehr zu widerlegen sind.
Etwas besser sein zu wollen und sei es nur hier oder da, ist ja an sich nicht schlecht, man ist ja immer eine individuelle Mixtur, mit eigenen Besonderheiten. Vielleicht ist man nicht der beste Hochspringer oder Gitarrist, aber es könnte sein, dass man bestimmte Eigenarten an sich hat, so wie man sie nur bei eben diesem Menschen findet. Und wie es schon bei den Hierarchien gezeigt wurde, am Ende lösen sie sich (wieder) auf, weil jeder irgendwo anders seine Stärken und Schwächen hat. Was davon mehr oder weniger wichtig ist, ist häufig eine Frage des jeweiligen Zeitgeistes, aber so wie es aussieht, sind immer mehr Menschen mit den Entwicklungen unserer heutigen Lebenswelt unzufrieden. Es wird also demnächst wieder neu geordnet.
Irgendwas passt nicht mehr zusammen, für die einen ist es die Kluft zwischen Arm und Reich, die immer größer wird, für andere der Klimawandel, im Rahmen der Covid-19 Pandemie gerät unsere ‚just in time‘ Gesellschaft an ihre Grenzen, viele fühlen sich durch die immer stärker um sich greifende Gereiztheit und Aggression unwohl, manche monieren den Eurozentrismus und so hat jeder sein Thema, allein die Reichen werden von sich aus ihren Reichtum nicht abgeben und auf die Revolution der Proletarier oder Entrechteten wartet man schon sehr lange.
Viele schauen auf den Reichtum, die einen hätten ihn auch gerne, andere wollen ihn abschaffen. Aber was sind eigentlich unsere Lebensziele jenseits von Geld verdienen und wieder auszugeben und ein Stück weit zu zeigen, was man hat und sich leisten kann? Was wollen wir erreichen, im Leben? Gibt es da überhaupt etwas?
Schärfegrad 6 (ein Feuerwerk): Jenseits aller Vernunft?
Wir halten uns für sehr vernünftig und glauben daran, dass die Vernunft, als höhere Form des zweckrationalen Verstandes, das Maß aller Dinge ist, weil es für unsere Kultur das Maß aller Dinge ist. Allem anderen haben wir kulturell den Boden entzogen und glauben, dass andere kulturelle Erzählungen im Kern falsch sind, da unvernünftig. Wir glauben an die Vernunft, weil wir dran glauben wollen, damit bislang ganz gut gefahren sind und aus Gewohnheit.
Wir haben den Anspruch aus dieser Welt ein Paradies zu machen, andere Kulturen halten das von vorn herein für absurd. Vielen Buddhisten, die man noch ganz sympathisch findet, ist klar, dass Leben Leid bedeutet und ihr Wunsch ist es, aus dem Kreislauf der ewigen Wiedergeburten auszubrechen. Für unsere Adaptation des Buddhismus ist der Glaube an mehrere Leben – den wir auch bei Plato finden – allerdings eher eine Freude, zum Glück, so denken wir, geht es ewig weiter.
Auch andere östliche Kulturen, wie der Taoismus würden nur achselzuckend fragen, warum man das Leid denn unbedingt in die Länge ziehen will. Ist das a priori depressiv? Man muss es zumindest nicht so sehen, viele Buddhisten wollen anderen voller Mitleid helfen, vom Anhaften loszulassen. Vom Anhaften, auch an das Ego. Durch die gefühlte oberflächliche Konversion zum Buddhismus meinte man aber gerade eine Vertragsverlängerung für das eigene Ich herausgeholt zu haben. Aber unser Denkapparat steht nicht still und hinterfragt das alles, ob das denn so stimmt, zweifelt und verlagert seine Unsterblichkeitsprojekte lieber auf die Technik, von Einfrieren bis zum Bewusstseins-Upload auf einen Computer, nicht erkennend, dass man in dem Fall im gleichen Käfig sitzt, wie jemand der an andere körperlose Existenzen glaubt.
Die Frage, die immer weiter gedachte und gewendete und auch in der Meditation verfolgte Frage, was und wer ich eigentlich bin, kann mir ja heute schon Antworten geben. Allerdings ist es hier, wie in der Philosophie. Ich kann zwar die vermeintlichen Ergebnisse der Philosophen anschauen, aber das bringt mir nichts, wenn ich sie nicht nachvollziehen kann. Man kann sich heute auch problemloser als jemals zuvor anhören, was die Weisen aller Zeiten und Kulturen uns zu sagen hatten, aber wiederum bringt es nichts, sich daraus ein für das eigene Leben maximal passendes und bequemes best of heraus zu suchen. Man muss auch diesen Weg gehen, sonst bleiben die Worte der Weisen für einen leere Worte. Man kann ja versuchen mit aller Kraft an dies oder das zu glauben, aber wie weit trägt das, gerade wenn ich im Grunde ganz anders sozialisiert bin?
Was ich aber selber verstanden oder erfahren habe, das muss ich nicht mehr glauben, das weiß ich ja. Schwierig ist allerdings zu unterscheiden, was meine Erfahrungen denn nun tatsächlich bedeuten und wo ich den Bogen überspanne. Ausnahmen sind Erfahrungen, die so überwältigend sind, dass sie sich einfach tief in mein Erleben einbrennen, so dass Zweifel nicht mehr greifen.
Wenn dann jemand daher kommt und feststellt, dass die Schlussfolgerungen aber leider überhaupt nicht zu unserem wissenschaftlich-technischen Weltbild passen, so muss man heute nicht mehr unbedingt geschockt sein, weil vieles in der Welt auch nicht zu unserem Weltbild passt. Ich bin eher im Zweifel, ob wir uns dafür feiern sollten, dass wir jedes Ziel was jenseits von Geld, Ansehen und Besitz hinaus geht, recht weit aus dem Leben gedrängt haben. Rechtfertigen konnten wir das bislang mit unserer scheinbaren Überlegenheit gegenüber den meisten anderen Lebensansätzen. Doch die Grenzen unserer Lebensweise, so ist zumindest mein Eindruck, werden uns in immer kürzeren Taktungen neu aufgetischt.
Seit dem 18. Jahrhundert haben wir die Welt ganz überwiegend als Ballung von Materie gedeutet. Das führte zu einem souveränen Fortschritt, der inzwischen so nicht mehr gegeben ist. Was, wenn wir nicht an aller erster Stelle Ballungen von Materie wären? Wer bin ich? Wer sind wir? Was ist die Welt? Was wir alle üben sollten, ist anders zu denken und zu leben, dabei dürfen wir die großen Fragen ruhig stellen, es müssen nur die richtigen sein.
Quellen:
- [1] https://www.dw.com/de/zahl-der-analphabeten-in-deutschland-geht-zur%C3%BCck/a-48637432
- [2] https://www.deutschelyrik.de/ich-lebe-mein-leben.html
- [3] Otto Kernberg in einem Interview mit Susan Bridle, in: „Was ist Erleuchtung?“, Herbst/Winter 2000, S.134