Manchmal ist weniger tatsächlich mehr. © Brigitte Machscheidt under cc

Es ist nicht so, wie du denkst, lautet der Klassiker in Filmen, wenn er oder sie gerade in flagranti erwischt wird. Meistens ist es dann doch das, was man denkt. Bei der Frage nach Glück und Zufriedenheit scheint der Satz aber oft seine volle Berechtigung zu haben.

Glücklich und zufrieden wollen wir vermutlich alle sein, aber nicht jeder ist es. Dabei sind die Wege zum Glück, die wir im ersten Teil von Glück und Zufriedenheit ausführten, durchaus verschieden. Doch zeigen sich immer wieder merkwürdige Befunde.

Denn einerseits wissen wir natürlich selbst am besten, ob wir glücklich oder zufrieden sind und in welchem Ausmaß. Da ist es wie bei Schmerzen, Stress. Lärm oder Freude, wer sollte besser darüber Auskunft geben können, als der jeweils betroffene Mensch? Ebenso wie wir wissen, ob und wie zufrieden wir sind, wissen wir auch, was uns glücklich macht, oder?

Tatsächlich sind an diesem Punkt gewisse Zweifel angebracht und wie Bas Kast in seinem Buch Ich weiß nicht, was ich wollen soll: Warum wir uns so schwer entscheiden können und wo das Glück zu finden ist schreibt, wollen wir eigentlich überraschend bis erschreckend oft das Falsche, zumindest dann, wenn es darum geht, dass wir wirklich glücklich werden wollen.

Denn Glück, damit verbinden wir oft Gesundheit, einen gewissen Wohlstand und dass wir selbst entscheiden können, wie wir leben wollen. Das klingt solide und sogar noch einigermaßen bescheiden, wenn wir voraussetzen, dass Menschen, die glücklich werden wollen, dies nicht dadurch tun, dass sie andere drangsalieren, erpressen oder übers Ohr hauen. Gehen wir von normal netten Menschen aus, wie Sie und ich es sind, dann könnte man sagen, dass Gesundheit, Wohlstand und die Freiheit, sich entscheiden zu können schon einen Großteil dessen ausmachen, was uns glücklich macht.

Für die Gesundheit wird das in einem hohen Maße stimmen, obwohl es auch hier bedeutende und daher individuell mögliche Abweichungen existieren. Menschen, die gesund sind, können an dieser beglückenden Tatsache durchaus vorbei leben und ihren Status als Selbstverständlichkeit des Lebens ansehen. Das ändert sich dann irgendwann, wenn man mit den ersten und folgenden Zipperlein konfrontiert wird oder tatsächlich ein größeres Unglück das eigene Leben heimsucht.

Im Rückblick und durch die neue Perspektive dessen, was einem genommen wurde erkennt man dann, was man am bisherigen Leben hatte, oft ohne dass einem das zuvor immer bewusst war. Es ist halt für die meisten normal, gesund zu sein. Und Normalitäten zeichnen sich in der Regel dadurch aus, dass wir sie nicht wahrnehmen.

Das Verhältnis von Wohlstand und Glück

Wer arm ist, sehnt sich nach Wohlstand, in jeder Beziehung. Oft ist mit Wohlstand aber allein ein materieller gemeint, also im besten Fall das klassische Lebensmodell, war heute schon immer weniger gilt: Beruf, Ehe, Auto, Kind, Haus und Hund. Fertig ist das Lebensglück.

So zumindest das Klischeebild der letzten Jahrzehnte, für die schrumpfende Mittelschicht. Daneben gibt es mehr Menschen, als es uns als Gesellschaft gefallen kann, die in den Genuss der meisten materiellen Zutaten zum Glück gar nicht kommen. Ihr erster Wunsch ist daher auch die Teilhabe, weil sie das nachvollziehbare Gefühl haben, von wichtigen Bereichen des Lebens ausgegrenzt zu sein und ein Leben bestenfalls zweiter Klasse zu führen. Man überlebt, kommt irgendwie durch, wird überall mit Basisprodukten und -leistungen abgefertigt, mehr aber auch nicht. Eine Änderung ist nicht zu erwarten.

In Folge (1) lesen wir:

„Aber was ist Glück eigentlich? Sind es kurze Glücksmomente, die wir da im Blick haben oder ist mit Glück eher eine dauerhafte Grundstimmung gemeint? Eine aktuelle statista-Umfrage in Deutschland: “Was glauben Sie, was macht einen Menschen glücklich?” wird auf Platz 1 zu 89 % mit Gesundheit beantwortet, es folgen Partnerschaft (79 %), Familie (74 %), Menschen (68 %), eine Aufgabe (64 %), Kinder (62 %), Beruf (59 %) und weitere. Die Auswahl zeigt, dass hier viel eher der langfristige Zustand gemeint ist, als die Glücksmomente.“[1]

Materielle Güter sind unter den ersten Nennungen gar nicht dabei. Aber dennoch sind ein wenig mehr Auswahl, etwas mehr PS im Wagen und Quadratmeter in der Wohnung ja auch nicht zu verachten, auch das Gehalt darf ruhig noch etwas weiter steigen, wenn man schon oder noch zur Mittelschicht gehört. Die Abstiegsangst, gehört in ihr nicht selten längst dazu. Also, wenigstens noch mitnehmen und genießen, was man sich ja nicht selten durch harte Arbeit erworben hat?

Bas Kast untersucht die Ziele und sein Befund ist nahezu überall: Es ist nicht so, wie du denkst. Natürlich wünschen wir uns mehr, wenn wir wenig haben. Aber wann ist es eigentlich genug? Genug nicht in einem moralischen (manchmal moralistischen) oder Verbotssinn, sondern bezogen auf das, was uns glücklich macht.

Wir wollen die Wahl haben, niemand soll uns etwas vorschreiben. Das haben wir uns hart erkämpft, aber bereits bei so etwas mehr oder minder Banalem wie dem Fernsehprogramm, neuerdings dem bezahlten, dreht sich die Geschichte ein wenig. Die Auswahl wird größer, aber wir müssen eben auch unser eigener Programmdirektor werden. Das bindet Kräfte und Zeit, auch wenn es lächerlich klingt, aber es ist in dem Moment nicht mehr lächerlich, wenn das gleiche Muster sich auf zig weitere Lebensbereiche erstreckt, wie man ausführlicher in Wenn Wahrnehmung und Realität von einander abweichen nachlesen kann. Ein Land wird zur Servicewüste, beworben wird das mit der sympathischen Formel, dass man dies, das und jenes jetzt ganz bequem von zu Hause aus erledigen kann. Verschwiegen wird, dass man es neuerdings selbst machen muss.

Aber ist es nicht genau das, was wir wollten, mehr Auswahl und Selbstbestimmung? Ja, und Bas Kast stellt dar und belegt, dass uns das nicht glücklicher macht, sondern unzufriedener. Wenn wir keine Wahl haben, ist das schlecht, eine überschaubare Auswahl zu haben, macht froh, wird die Auswahl gewaltig, sind die Menschen verwirrter und haben sie schließlich eine Entscheidung getroffen, sind sie mit dieser messbar unzufriedener.

Freiheit und Glück

Das setzt sich fort, bis in Lebensbereiche, in denen wir uns unsere Freiheiten gesellschaftlich hart erkämpft haben. Die Rechte von Frauen, Kindern, Menschen mit Behinderung oder einer abweichenden Sexualität wurden gestärkt, wir können stolz darauf sein. Doch die Befunde von Kast sind mitunter verstörend. Die Frauen der Amish, einer christlichen Religionsgemeinschaft in den USA, die auf so gut wie alle Formen der Modernisierung verzichtet, sind in eine rigide und antiquiert wirkende Form von patriarchaler Hierarchie eingebunden. So weit, so gut oder schlecht und Kast betont, dass er das niemals wieder als Gesellschaftsmodell will. Aber die Amish sind nicht nur so gut wie allen Medizinstudenten bekannt, weil sie wenig krank werden und die längste Lebenserwartung haben, auch ihre Frauen sind im Durchschnitt wesentlich zufriedener als weitaus liberaler lebende Frauen der Gegenwart.

Alles im Leben der Amish ist penibel vorgeschrieben, die Freiheit wirkt da dramatisch eingeschränkt, dennoch scheint es ihr Glück nicht zu trüben. Gestüzt wird der Befund auch durch Ulrich Schnabel und sein Buch Die Vermessung des Glaubens, in dem er aufzeigt, dass Religionsgemeinschaften mit hohen Hürden beliebter sind, als solche, die jeden aufnehmen.

Aber wie sind diese Befunde in eine moderne Lebenspraxis zu übersetzen? Schauen wir weiter, nämlich auf den Zusammenhang von Geld und Glück.

Geld und Glück

Vielleicht das schwierigste Thema. Unsere Gesellschaft ist ohne Geld nicht mehr vorstellbar, ob das eher gut oder schlecht ist, darüber wird gestritten. Mit Geld kann man sich einiges kaufen, auch das, von dem man sich ein wenig Glück verspricht. Schön, wenn man sich das eine oder andere leisten kann.

Eines soll klar sein. Wer wenig Geld hat profitiert fast immer davon, wenn er mehr bekommt, doch auch Geld ist mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden. Erstens, bleibt der Zugewinn an Glück hinter dem Zugewinn an Geld recht bald zurück. Soll heißen: Mehr Geld macht erst mal glücklicher, aber sehr bald schon nicht mehr und ob man dann zwei, vier oder 20 mal mehr Geld zur Verfügung hat, spielt dabei keine Rolle mehr.

Der nächste Punkt: Geld macht distanziert. Wer nichts hat, ist dann und wann auf die Hilfe anderer angewiesen. Die helfen einem auf lange Sicht aber nur, wenn man ihnen auch hilft. Also muss man nett und hilfsbereit sein und ein soziales Netz um sich haben, wie die Amish. Das kann durchaus zum engen Korsett werden und einem sogar die Luft zum atmen rauben, aber auf der anderen Seite ist immer jemand da – ob man will, oder nicht.

Unsere Gesellschaft funktioniert ähnlich, nur sind die Regeln nicht so rigide. Es gibt aber eine Ausnahme. Wer genug Geld hat, braucht nicht nett zu sein, der kauft sich im Zweifel nämlich die inzwischen für alle Lebensbereiche existierenden Profis. In den Worten von Bas Kast:

„Unsere Möglichkeit, in so gut wie jeder Lebenssituation auf professionelle Unterstützung zurückgreifen zu können, hat unsere Freiheit, Unabhängigkeit und Mobilität einmal mehr erhöht – wenn man die Leute, auf deren Hilfe man angewiesen ist, nicht kennen muss, um diese Hilfe zu bekommen, kann man gehen, wohin man will. Sobald man genügend Geld hat ist man im Prinzip überhaupt nicht mehr auf persönliche Beziehungen, etwa einen Freundeskreis, angewiesen. Zugleich fördert die Professionalisierung des Soziallebens das Bruttoinlandsprodukt: Jeder Termin mit einem Psychotherapeuten schlägt konjunkturell zu Buche, während ein Abend unter guten Freunden in dieser Hinsicht weitgehend wertlos ist.“[2]

Geld löst also die sozialen Kontakte, das scheint auf mehreren Ebenen nachweisbar zu sein. Man muss schon nett sein, um stets viele andere mobilisieren zu können, mit Geld bekommt auch der größte Drecksack, was er will. Allerdings eben nur für die Dauer einer Geschäftsbeziehung und wir Menschen sind Beziehungswesen, die echte Kontakte brauchen. Obendrein sogar lange und tiefgehende Beziehungen, sei es zu engen Freunden, Familien oder Partnern. Geld dämpft den Schmerz sozialer Ausgrenzung aber glücklich scheint es nicht zu machen. Das sieht man daran, dass zwar viele reichere Länder vordere Plätze in in der Glücksstatistik einnehmen, aber eben auch arme, in denen sozialer Zusammenhalt groß geschrieben wird.

Man kennt sich. Und das ist auch gut so. © Abdul Rahman under cc

Soziale Bindungen und Glück

Was Bas Kast darstellt ist richtig, bedarf aber einer Ergänzung oder Vertiefung. Nicht allein das Geld könnte das Problem sein, sondern in einem größeren Maße noch, könnte es die Professionalisierung von Beziehungen in unserer Gesellschaft selbst sein. Das wird schon brisanter, weil wir viele dieser professionellen Beziehungen als Errungenschaften feiern, doch bei der Psychologie- und Psychiatrieprofessorin Diana Diamond finden wir, in ihrem Vergleich der kritischen Theorie mit der Psychoanalyse:

„Horkheimer, Adorno und Lasch führen das Auftauchen des Narzissmus als dominanten Charakterzug und die Ausweitung Narzisstischer Persönlichkeitsstörungen als vorherrschende Psychopathologie auf den Zusammenbruch väterlicher Autorität und die Verwässerung mütterlicher Fürsorge im Zuge veränderter familiärer Strukturen und ökonomischer Produktionsprozesse zurück. Die Übernahme elterlicher Funktionen durch Medien, Schule und Sozialeinrichtungen haben zu einer Verwässerung elterlicher Autorität und zur Beeinträchtigung der Fähigkeit von Kindern geführt, starke psychische Identifizierungen mit ihren Eltern auszubilden. Autorität und Autonomie des Vaters werden mehr und mehr durch die Trivialisierung seiner Rolle im Produktionsprozess unterminiert, während Effektivität und Fürsorge der Mutter durch die zunehmende Professionalisierung von Kindererziehung und den Mangel an gesellschaftlicher Anerkennung ihrer Rolle als Trägerin dieser Qualitäten (d.h. Liebe, Zärtlichkeit, Gegenseitigkeit) infrage gestellt werden – Qualitäten, die einer Reduzierung des Menschen auf ein bloßes Anhängsel von Produktionsprozessen entgegenstehen.

Nach Auffassung von Horkheimer, Adorno und Lasch interferiert dieser Schwund elterlicher (insbesondere väterlicher) Autorität mit ödipalen und präödipalen Internalisierungsprozessen. Der Ödipuskomplex dient in den Augen dieser Theoretiker nicht nur als Medium zur Internalisierung, sondern auch als Fundament moralischer Autonomie, die ihrerseits zum Hort gesellschaftlichen Widerstands werden kann. Viele Mitglieder unserer Gesellschaft, so die These, entbehrten aufgrund der Abwesenheit des Vaters von zu Hause sowie seiner Machtlosigkeit innerhalb der sozialen Welt einer starker Identifikationsfigur, was den Verlust eines starken Ichs zur Folge habe, das normalerweise den langwierigen Auseinandersetzungen mit einem geliebten und verehrten, wenngleich gefürchteten Vater entspringt. Vielmehr sei der Einzelne, so Lasch (1982), seinen primitiven Phantasien über einen unnötig strengen und strafenden Vater ausgeliefert, mit dem Ergebnis, dass auch das Über-Ich seine primitiven personifizierten Qualitäten behalte und auf die soziale Welt projiziere, die dann als gefährlich und irrational erscheine. Der Zusammenbruch väterlicher Autorität als zentrales Sozialisationsmoment machen so den Weg frei für die direkte Manipulation des Ich durch Massenmedien, Schule, Peergroups und politische Führer. Das Ich-Ideal entspringe nicht der Auseinandersetzung mit dem Vater, sondern einem unterentwickelten Ich bzw. dem direkten Einwirken von Kräften außerhalb der Familie. Eine derartige Aufpfropfung des Ich-Ideals auf das entstehende Ich prädisponiere zu dessen rascher Reprojektion auf äußere Figuren, sowie zu Regressionen, die mit einer Verdichtung von Ich und Ich-Ideal in Richtung narzisstischer Pathologie einhergehen.“[3]

Ein schwieriger, aber extrem guter Text. In einfachen Worten geht es darum, dass durch die Professionalisierung der Erziehung, die Eltern aus ihrem Rang dominanter Personen abrutschen und zu sonstigen Personen werden, die auch noch was sagen. Dieser Meinungspluralismus ist für Erwachsene vielleicht in Ordnung – doch wie wir hier sahen, ist die zu große Auswahl auch nicht zwingend ein Vorteil – für Kinder und die Beziehung zu ihren Eltern ganz offenbar nicht.

Denn die Marginalisierung der Eltern bedeutet dass der ödipale Konflikt oft ausfällt. Die Eltern, besonders der Vater, werden als übergroß und dominierend erlebt und die Kinder, besonders die männlichen, müssen sich von diesem Ödipuskomplex frei strampeln und das ist nicht immer leicht. Doch die elterliche Dominanz hat noch eine andere Seite, nämlich Schutz und Orientierung. Wenn man sich vergegenwärtigt, wie groß die Unsicherheit und Orientierungslosigkeit in unserer Gesellschaft geworden ist und wenn man betrachtet, dass so gut wie keiner Institution mehr vertraut wird, sollte man, bevor man das zu einpolig dem Kapitalismus, den Eliten oder den Ausländern in die Schuhe schiebt, auch mal einen Blick auf die notorisch vernachlässigten – weil komplizierten – psychodynamischen Zusammenhänge werfen.

Kurz und gut, die Autorität der Eltern ist für Kinder immer eine Belastung, fehlt diese Autorität, ist das für die Psyche der Kinder und der späteren Erwachsenen jedoch eine ungleich größere Belastung. Der Mensch ist ein Beziehungswesen und die Professionalisierung aller Arten von Beziehungen ist bestenfalls ein oft schlechterer Ersatz. Die schlechtere Variante ist aber längst zum gesellschaftlichen Normalfall geworden und es ist gut einen Blick auf die psychologischen Ursachen dahinter zu werfen, weil nun einmal jeder Mensch über eine Psyche verfügt. Die wachsende Verbreitung narzisstischer Pathologien hat zu einem größeren Maße hier ihre Ursache und wir werden das Problem nicht abstellen, wenn wir von Anfang an gestörte Objektbeziehungen der erwähnten Art zum gesellschaftlichen Normalfall machen, indem die Eltern immer weniger Zeit für ihre Kinder haben und mit ihnen verbringen.

Das kann man sich als Qualitätszeit, die man dann als Ersatz mit ihnen verbringt, zwar schönreden, aber Kinder lernen von ihren Eltern gerade dann und dadurch, dass sie sie im schnöden Alltag erleben, nämlich, wie man mit Welt umgeht. Wenn da nur die nette Frau von der Kita ist, ist die Gefahr groß, dass die Eltern zu Personen werden, die es dann auch noch gibt, was dem Kind im Sinne der Konstituierung seiner Objektbeziehungen nicht gut bekommt. Es ist nicht so, wie du denkst, auch hier.

Kapitalismus und Glück

Ist es also der Kapitalismus, der problematisch ist? Jein. Er ist inzwischen sicher überdreht, die Versprechungen, dass alle davon profitieren, wenn es einigen gut geht, haben sich nicht erfüllt, immer mehr Menschen fühlen sich abgehängt und sind es auch. Aber kann man ihm von A bis Z alles in die Schuhe schieben? Die Beziehung zu den Eltern müsste neu organisiert werden. Oder anders herum, man kann ja auch schauen, wann die Welt in diesem Zusammenhang noch in Ordnung war. 1979 wurde in den Staaten von Christopher Lasch zum ersten Mal das Zeitalter des Narzissmus beschrieben.

Es ist seit dem nicht besser geworden und der Kapitalismus hängt damit nur insofern zusammen, als er die Zeit, die eine Beziehung in Tiefe braucht, lieber als Arbeitszeit genutzt sähe, auf dass man Geld verdient, mit dem man sich dann am Ende des Tages die zweitbeste Lösung kaufen kann, wo die beste verschwunden ist, weil man wichtigeres zu tun hatte, nämlich seiner Arbeit nachzugehen. Wer das durchschaut, kann handeln.

Jedoch sehen sich viele Narzissten heute als hoch effektive Arbeiter, in einer Öffentlichkeit, die sie als Publikum brauchen, um sich und anderen die hohe eigene Bedeutung zu vermitteln, wo immer es geht und die im Privaten, wo sie keine Bühne haben, mit sich und dem Partner nichts anfangen können, wie in Narzissmus in der Liebe ausgeführt.

Doch bereits die Rede davon, dass der Kapitalismus entsetzlich ist, man aber rein gar nichts an ihm ändern kann, wenn es keine Weltrevolution gibt, ist eine auffallend bequeme Selbstentmachtung. Sie lässt dem Einzelnen seine Opferidentität, der sagen kann, er habe das weder gemacht, noch gewollt und wenn sich was ändern soll, dann sollen damit aus erwähnten Gründen bitte erst mal die anderen anfangen. Dieser an anderen desinteressierte Opportunismus, der das leichte Ankratzen der eigenen Komfortzone gerne zum Trauma umdefiniert, ist aber bereits eine Variante des Narzissmus, so kann man sich unausgesetzt selbst bedauern, anderen die Schuld geben und sich, da die anderen ja schuldig sind, demonstrativ weigern auch nur einen Finger zu rühren.

Da das Schicksal gemein ist, sind auch diese Menschen nicht glücklich, haben aber wenigstens den Schuldigen gefunden: Alle anderen, außer mir. Ob sie irgendwann erwachen?

Beim Glück auf das falsche Pferd gesetzt

Tatsächlich ist es aber auch kränkend, wenn man erkennen muss, dass man jahrelang aufs falsche Pferd gesetzt hat. Unser, es ist nicht so, wie du denkst, gilt ein weiteres Mal, denn niemand behandelt sich selbst mit Vorsatz schlecht. Man kann das Glück nicht erzwingen, nicht mal die Zufriedenheit, aber man kann vielleicht die Unzufriedenheit abmildern. Mit Geld tut es weniger weh, immerhin, aber die innere Leere mit immer mehr Konsum füllen zu wollen, führt zu nichts, außer suchtähnlichem Verhalten. Der kurze Kick, mehr ist es nicht, wenn das tägliche Paket ankommt.

Auf der anderen Seite hat man sich oft jahrelang dafür krumm gelegt und Opfer gebracht, damit man sich leisten kann, was man sich nun mal leisten kann, um abgesichert zu sein. Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt, heißt es oft. Vor allem aber in Kombination mit anderen Faktoren die wirklich glücklich machen, in erster Linie tiefe Beziehungen. Wenn Geld aber distanziert, also mit anderen Worten, Beziehungen eher verhindert, man darüber hinaus die Beziehungen die natürlicherweise die engsten sind auch noch zu zerstört. Wenn dann noch der Partner zuerst im Internet gefiltert wird, damit er zu mir passt und ja keine neuen Eindrücke in mein Leben bringt und wenn er das doch tut, sofort abserviert wird – da draußen im Internet warten doch noch so viele andere, schön in Dienstleistermanier für den passenden Lebenszweck optimiert und gerne als Polyamorie verbrämt – wo sollen Dauerhaftigkeit und Tiefe da herkommen?

Wenn wir auf längere Sicht glücklich werden wollen, müssen wir umsteuern und zwar genau an den Stellen, die weh tun, weil sie ehrlich sind und uns selbst betreffen. Man kann auf auf der Couch liegen bleiben und über andere schimpfen, solange das noch Spaß macht, wird genau das auch weiter getan werden. Nur die, denen das nicht mehr reicht, sollen wissen, dass es andere, fruchtbare Wege gibt. Sich von falschen und unnötigen Zielen und Idealen verabschieden und gleich den Weg einschlagen, der wirklich und viel wahrscheinlicher zu Glück und Zufriedenheit führt, ist dabei nicht die schlechteste Option.

Selbstverwirklichung und Selbsttranszendenz – Was ist dabei eigentlich schief gelaufen?

Neben Gesundheit, einem Wohlstand, der durchaus bescheiden sein kann und einer Orientierung an Werten, die einem hilft inmitten der Vielfalt nicht jedem Angebot hinter zu rennen, ist es gut und wichtig einen Sinn im Leben zu haben. Bei der Bedürfnispyramide von Abraham Maslow war noch halbwegs klar, dass nach der Selbstverwirklichung die Selbsttranszendenz kommt.

Die dort gemeinte Selbsttranszendenz ist nicht unbedingt spiritueller Natur, sondern meint, dass, wenn man sich in dem Sinne verwirklicht hat, dass man sein Leben gemäß seiner Neigungen gestalten konnte, es noch weiter geht. Wenn es also mit Beruf, Ehe, Auto, Kind, Haus und Hund geklappt hat, was kommt dann noch? In der Vorstellung von Maslow kommt, dass man ein Thema findet, das einen weiter trägt als nur bis zur Befriedigung des eigenen Wohlergehens. Gerade aus dem Überfluss des Gefühls, dass es einem gut geht, könnte ein Interesse an anderen erwachsen und an Themen die langfristiger, breiter und tiefer sind und nicht nur dazu dienen, mich zu schmücken, so dass ich das auch noch kann, bin oder habe. Weil der Personal Coach sagt, ein Doktortitel oder Ehrenamt würde mir karrieretechnisch oder für das soziale Ansehen weiter helfen.

Nein, im besten Fall sind das Themen, die mir selbst zwar wichtig sind, bei denen ich mich aber einer Aufgabe verschreiben kann, die es mir ermöglicht, mich selbst dabei zu vergessen und im besten Sinne des Wortes in den Dienst zu stellen. Das war in den 70er und 80er Jahren durchaus ein kollektiver Trend, Selbstfindung. Nicht selten tatsächlich verbunden mit den damals in der Breite neu aufkommenden spirituellen Bewegungen, bunt gemixt im ausklingenden Experimentierfeld der Flower Power Bewegung, mit freier Liebe und Drogenexperimenten und einem Schuss Exotik.

Gut war irgendwie alles, was nicht von hier, aus unserer Kultur kam. Das Interesse am Neuen war groß. Die Hippies hatte sich irgendwann erledigt, der Kampf um die Rechte der marginalisierten Gruppen und die freiere Sexualität wurde in den Alltag eingebaut und manche experimentierten mit der Selbsttranszendenz. Esoterik wurde ein Thema, östliche Religionen und ihre Praktiken, wie Yoga oder Meditation wurden für manche Menschen interessant. Man las die Weisheiten des Ostens, nur verstand man sie und vieles andere miss. Gerne in dem Sinne, dass Spiritualität irgendwie ein Weg sei, um sich das Leben zu ersparen oder wenigstens seine dunklen Seiten.

Wenn ich nur gut gelaunt, lieb und nett zu allen bin, dann wird mir auch nichts passieren. Darf ich eigentlich dem anderen helfen oder ist es nicht viel mehr so, dass ich dann in sein Karma eingreife? Wer sich solche Fragen schon stellt, sollte auch weiter machen, bis er Antworten findet. Statt dessen wurde aber vieles, nach durchaus ambitioniertem Auftakt versemmelt, weil daraus ein weiteres narzisstisches Projekt gemacht wurde und nun war man nicht nur erfolgreich und gebildet, sondern auch noch herrlich spirituell, konnte sich damit schmücken, diese Anfangs noch exotischen Dinge zu tun, oder gar erleuchtet zu sein.

Das Sprüchlein mancher indischer Weisen und Gurus, dass es nichts gibt, was der Guru für einen tun kann, ist ein Appell den eigenen Weg zu finden und sich dem Leben hinzugeben. Benutzt wurde er aber dafür sich dem Leben und vor allem den anderen zu entziehen, denn der Spruch des Meisters, dass er nichts für das Ich tun könne, um es vor dem Leben zu schützen, wurde so interpretiert, als sei man selbst Meister und als bestünde die Weisheit darin, anderen möglichst nicht zu helfen.

Krankheit als Weg, ein esoterisch-psychosomatisches Buch, geschrieben, um zu verstehen, was – falls die Idee stimmt – Krankheiten einem in einem tieferen Sinne sagen wollen, wurde ebenfalls, entgegen dem, was die Autoren beabsichtigten, die eine neue Art des Hinschauens lehren wollten, dazu benutzt, seinen Mitmenschen zu sagen, woran sie mal dringend arbeiten müssten.

Als fieses grünes Meme bezeichnete Ken Wilber das supersensible Selbst, das sich am liebsten in Watte packen lassen würde, weil es sich vom Leben – irgendwie vom ganzen – überfordert fühlt. Die Lösung ist auch hier einfach. Die Welt müsste sich einfach nur ändern und meinen Bedürfnissen anpassen. Dummerweise tut sie das nicht. Finde den Fehler. Auch dieses sensible Selbst meinte es anfangs gut und hatte in vielem Recht, nur hat es sich in den eigenen Fallstricken zu oft verirrt und wurde, statt das Ego im besten Sinne hinter sich zu lassen, zu einem Supermagneten für Narzissmus.

Es ist nicht so, wie du denkst. Aber wie denn dann?

All die gescheiterten Projekte können uns jedoch auch etwas lehren. Wir sind tatsächlich in vielem sehr weit gekommen und dann irgendwo an einer Stelle falsch abgebogen.

Dass Beziehungen das A und O sind, dürfte inzwischen als gesetzt gelten und Spiritualität bedeutet nicht, sich andere vom Leib zu halten, sondern ihnen so nahe zu kommen, dass die Grenze zwischen Dir und mir immer unklarer wird. Nicht weil man gaga ist, sondern nachgedacht, meditiert und seine Empathiefähigkeit entwickelt hat.

Ein gewisser Wohlstand ist weder böse noch falsch, ihn bewusst einzuschränken, weil man begriffen hat, dass und wo er der Welt schadet und mich selbst auch dann nicht zufriedener macht, wenn ich ihn exzessiv steigere, ist ein Frage der Einsicht. Man kann das nicht verordnen, weil dies nur zu Widerständen führt, aber das Ziel auszugeben die Lebensqualität und Zufriedenheit zu steigern, das sollte die uns interessieren.

Umsatteln wird man aber nur, wenn es ein Ersatzangebot gibt, das dann auch wirklich glücklich macht. Es ist wie beim Wohlstand, er ist und tut gut, keine Frage, doch der Punkt, wo er dann in die andere Richtung kippt, ist nicht genau zu markieren. So ist es auch mit den Alternativen. Soziales Ansehen ist eine gute, aber auch Erkenntnis, die die Neugierde, den Spaß am Leben und die Lust darauf vergrößert.

Das Leben wieder ein Stück weit einfacher und überschaubarer zu machen, ist ja durchaus als Strategie schon angekommen. Wir dürfen uns auch erlauben und es wäre sogar gut, wieder auszuwählen. Es ist nicht alles immer gleich gut und wenn die Freiheit zwischen 80 Schokoladensorten, 20 Internetanbietern und 150 Programmen zu wählen irgendwann kein Gewinn mehr ist, die Wahl der Freunde, Lebenspartner, des Berufs und der Interessen ist schon nicht ganz gleichgültig. Wer ich selbst bin, dem komme ich auch über meine Interessen näher, ein unendlicher Spaß. Wo ist die Auswahl stärker als in der Liebe? Wenn man das Glück hat, Liebe zu erfahren, am besten in beide Richtungen, geliebt zu werden und zu lieben. Liebe für Leistung zu geben, ist keine Liebe, auch wenn es Menschen gibt, die das glauben. Aber, ein letztes Mal: Es ist nicht so, wie du denkst.

Quellen