Wer kommt bei tiefen Regressionen an die Macht?

Der Einfluss der Massenmedien ist bei Regressionen der Gesellschaft erheblich. © Khalid Albaih under cc

Die gutartige Regression kann jedoch weiter fortschreiten, wobei das Über-Ich noch mehr abgebaut wird. Wir befinden uns dann in der Welt der regressiven Kampf- und Fluchtgruppe, die durch Misstrauen geprägt ist und in der, dem entsprechend öfter, ein paranoider Anführer an die Macht kommt, der verfolgend, verbietend, rivalisierend und Gewalt androhend ist, wenn man nicht genau das macht und sagt, was seinen Einstellungen und Vorgaben entspricht. Dies ist zweite Stufe der Regression, die stärker von Aggressionen durchsetzt ist.

Die Stimmung ist hier nicht mehr gutartig, man hat nicht das Gefühl in einer heilen Welt zu leben, sondern in Gefahr zu sein und ständig aufpassen zu müssen. Eine Mischung aus Angst, Misstrauen und Aggression macht sich breit. Wurde bei der gutartigen narzisstischen Regression der ersten Stufe noch jeder lächelnd ignoriert, der die große Party störte, wird hier eher jeder misstrauisch beäugt. Menschen, die versuchen eine ausgleichende, moderate oder ambivalente Position der Mitte einzunehmen, passen schon nicht gut in das Weltbild der regressiven Stufe davor. Das kindlich moderierende Element leugnet Aggressionen und möchte sich und andere am Ende versichern, dass sich unterm Strich doch alle lieb haben und wir alle Menschen sind und irgendwie dasselbe wollen.

Hier nun, in dieser fortgeschrittenen Regression ist jeder, der von der genauen Linie abweicht ein Feind, ein potentieller Verräter und der beste Schutz vor Verrat scheint die Ausweitung der Kontrolle, am besten in den privaten Raum und auf die Gedanken zu sein. Oder, dass man seinerseits zum Verräter wird und dem anderen zuvor kommt. Linientreue ist das A und O, wer nicht für uns ist, ist gegen uns und es erscheint auf einmal rational, die potentiellen Aggressoren von morgen schon im Vorfeld zu beseitigen. In der von Massenregressionen der zweiten Stufe durchsetzten Logik von Freund und Feind ist das folgerichtig. Um selbst nicht verfolgt zu werden, verfolgt man andere. So können aggressive Mobs entstehen als Großorganisation ein paranoider Überwachungsstaat. Hier wird Aggression nicht geleugnet, sondern agiert. Nicht für kurze Zeit, sondern als gefühlter Lebenshintergrund: Der Feind ist überall. Paranoia dominiert in der Regel über den (gutartigen) Narzissmus, auch wenn während aller Stufen der Regression, zwischen Narzissmus und Paranoia Oszillationen, Sprünge hin und her, stattfinden. Mit den genannten Schwerpunkten.

Die dritte Stufe der Regression

Die dritte Stufe der Regression erscheint zunächst ein wenig seltsam. Denn die aggressive Komponente der paranoiden zweiten Stufe scheint hier wieder etwas in den Hintergund zu treten. Ein anderes Ideal tritt in den Vordergrund, das einer phantasierten, allversorgenden großen Mutter, die unbegrenzt geben kann und gibt und daher eher belohnend als bestrafend erlebt wird.

Seltsam ist diese Stufe, weil der Fortschritt der Regression nicht unmittelbar erkannt wird. Wenn die nette Party, mit an sich guten Menschen, in behaglicher Umgebung der ersten Stufe, in die misstrauische und aggressive zweite Stufe übergeht, ist die Verschärfung der Kampf- und Fluchtgruppe unmittelbar zu erkennen. Doch die weitere Regression wirkt irgendwie doch nett. So allumsorgend und bedürfnislos, fast etwas paradiesisch.

Doch es ist das illusionäre Paradies eines Babys, das sich mit der Welt und ihren aggressiven Komponenten noch nicht abgeben kann. Welt existiert noch nicht, sondern eine symbiotische Einheit mit der Mutter und diese Illusion der guten Mutter schützt das Kind vor tatsächlich anwesenden Aggressionen: Umweltreize, die für das Kind störend, aversiv und angstauslösend sind. Die Illusion der heilen Welt und der allversorgenden Mutter wird durch eine radikale Abspaltung negativer Impulse vor der archaischen Aggression gegen die versagende Mutter geschützt, das Bild der nur guten Mutter wird aufrecht erhalten oder gegründet.

Bezogen auf Regressionen der Masse und Gruppen bedeutet das, dass man nur vollkommen eins mit dem Anführer sein muss und alles ist in Ordnung. Der Anführer und sein Volk verschmelzen zu einer regressiven Einheit und es gibt nichts mehr, was wichtiger wäre, als das Wohl und Leben des Anführers, denn er und das Volk sind eins. Das kann man nicht spielen oder inszenieren, so muss man als Persönlichkeit sein. Narzisstische und paranoide Elemente sind hier zusammengeflossen, noch oder wieder ungetrennt, dazu kommen die Elemente Sadismus und ich-syntone Aggression, was dem Syndrom des malignen Narzissmus entspricht.

Unter diesen Bedingungen, finden wir den wütenden, zerstörerischen Mob, aber auch die organisierte Dehumanisierung mit Massenmord in den Straf- und Konzentrationslagern. Wenn das Leben und Schicksal des Anführers mit dem Volk verschmilzt, erscheint es plötzlich rational mit dem Führer in den ewigen Kampf des Faschismus zu ziehen. Auf dieser Stufe der Regression gibt es nur die Alternativen des totalen Triumphs oder Untergangs. Es scheint der wichtigste Punkt des eigenen Lebens zu sein, sich hier vollkommen in den Dienst der ohnehin gefühlten Einheit mit dem Führer oder der großen, allumsorgenden Mutter der Säuglingswelt, vor jeder Moral zu stellen. Eine Welt weitestreichender Verschmelzung und damit auch weitestreichender Entindividualisierung.

Ein charismatischer und sadistischer Anführer, der so hemmungslos und brutal ist und jederzeit bereit ist alles aufs Spiel zu setzten, ist nicht leicht zu finden, mit Hitler und Stalin fanden sich zeitgleich zwei, die sich und ihr Volk in einem regressiven Taumel wechselseitig anfeuerten.

Die Führung und ihre Gefolgschaft – Weniger eine Einbahnstraße als man denkt

Bion spricht von einem Rollensog, das heißt, ist der Anführer erst einmal gewählt, kann er nicht willkürlich tun und lassen, was er will, sondern muss die Erwartungen der Gefolgschaft auch erfüllen. Wie man sehen kann gibt es in der Masse dieselben Stufen der Regression, wie im Individuum und wie im Anführer. Stets geht es um das Gleichgewicht von Narzissmus und Paranoia und den Verlust desselben, das sodann, wenn es nicht wieder hergestellt werden kann, auf eine niedrigere moralische Organisationsstufe absinkt.

Das heißt, der Anführer der gutartigen narzisstischen Regression der ersten Stufe kann schon deshalb besonders gut ein mittelmäßig begabter narzisstischer Mensch sein, weil dieser die beruhigenden Klischees, die diese regressive Masse hören will, besonders gut vertreten kann: Sie entsprechen seiner eigenen inneren Einstellung. Wir müssen nur das – vermeintlich – verlorene Gefühl alle eine große, an sich von Missgunst und Aggressionen freie Familien zu sein, wieder zurück gewinnen und alles ist in Ordnung. Begegnungsfeste dieser und jeder Art schaffen es einen Abgrund zu überwinden, der darin liegt, dass man den anderen einfach nicht ausreichend kennt. Lernt man sich kennen, erkennt man, dass alle dasselbe wollen, so die wohlmeinend optimale, aber oft naive Version.

Der Anführer der Kampf- und Fluchtgruppe muss ebenfalls liefern, was seine Gruppe will. Er muss misstrauisch und aggressiv sein, strafen und verbieten. Ein Anführer, der zwar auch gönnen kann, aber vor allem jeden Fehltritt ahndet. Auch hier muss eine entsprechende charakterologische Disposition vorhanden sein. Wer anderen vor allem gefallen will, kann diese Rolle nicht einnehmen.

Anführer der dritten Stufe der Regression werden auch ‚Urheber der Illusion‘ genannt, ich führte oben aus, dass es um die lllusion der allumfasseden Versorgung und der regressiven Einheit geht.

Wir haben manchmal sehr primitive Bilder des Verhältnisses einer Situation von Führung und Gefolgschaft entwickelt. Oft sehen diese so aus, dass der oder die Anführer, sei es ein Staatschef, ein Konzernchef, ein Vorgesetzter, ein Intendant, Dirigent oder Trainer vorgeben, was zu tun ist. Weil der eben der Chef ist und weiß, wie es geht oder gehen müsste.

Jede menschliche Beziehungen ist aber immer von zwei Seiten abhängig. Dabei ist die Größe der Gruppe wesentlich, ein Team, gleich welcher Art mit drei oder fünf Mitgliedern, ist dabei psychodynamisch anders aufgestellt, als das mittelgroße Unternehmen mit 100 Mitarbeitern, ein Weltkonzern mit 20.000 Mitarbeiter oder gar eine Religionsgemeinschaft, eine politische Bewegung oder ein Staat mit möglicherweise vielen Millionen Mitgliedern oder Anhängern.

Je kleiner die Gruppe, umso entscheidender das direkte Feedback für den Führer. Umso größer muss auch dessen Sachkompetenz sein, die nahe am Thema liegt. Wer ein kleines Team führt und ein aktiver Teil ist, sollte schon überdurchschnittlich gut sein, sonst wird er als Anführer nicht akzeptiert. Je größer eine Bewegung, umso mehr verschieben sich die Anforderungen in den administrativen Bereich. Schon der Fußballtrainer muss nicht der beste Spieler sein, aber er muss gute Spieler erkennen und passend einsetzen können.

Schön, wenn der Führer eines Weltkonzerns, das was dieser produziert oder anbietet selbst noch von der Pike auf gelernt hat. Doch Multikonzerne stellen so gut wie alles her, so dass der Führer dies gar nicht beherrschen kann. Der Chef mittelgroßer Unternehmen geht manchmal durch den Betrieb oder schüttelt jedem die Hand, bei einem Staat ist das nicht möglich. Doch je größer der Konzern oder die Organisation, umso mehr wird organisatorische Kompetenz benötigt.

Dennoch ist der einzelne Mensch, bei aller realen Asymmetrie nicht nur Rädchen im System, auch wenn man immer austauschbarer wird, je größer das System ist. Ein Sportverein kann vielleicht den Abgang eines Topstars kaum kompensieren, ein großer Krankenhauskomplex wird es verschmerzen, wenn eine Koryphäe in Rente geht.

Aber schon die Verhältnisse von Topstar zu Trainer, zu Manager zeigt, dass die Kräfteverhältnisse auf mehreren Schultern lasten und schnell wird klar, dass der beste Stürmer ohne gute Vorlagen auch nichts ausrichten kann. Auch eine so dominante Figur wie ein Dirigent braucht die Unterstützung des Orchesters und dort ebenfalls einflussreiche Personen, wie die wunderschöne Geschichte von Rainer Küchl, dem Chef der ersten Geigen der Wiener Philharmoniker zeigt.

Nun gibt man Menschen in hierarchisch niedrigen Positionen gerne zu verstehen, dass sie jederzeit ersetzbar sind. So hält man sie klein, der Nächste wartet schon, heißt es offen oder hinter vorgehaltener Hand. Das stimmt oft nur bedingt, denn viele Arbeitszweige finden kaum noch Nachwuchs und so hat es sich längst etabliert ein Heer von Fremdarbeitern und einen grauen Markt zu dulden. Die Rumänen oder Bulgaren in der Fleischindustrie oder als Erntehelfer, die Polinnen in der häuslichen Dauerpflege. Auch Reinigungskräfte sind oft Menschen mit Migrationshintergrund.

Also alles sehr einseitig verteilt? Einerseits durchaus. Andererseits sind auch Chefs in einem hohen Maße vom Feedback und der Stimmung abhängig. Sie möchten nicht als Trottel dastehen, die den Karren vor die Wand gefahren haben, das tut ihnen und ihrem Ansehen nicht gut. Aber entscheidender ist etwas anderes, nämlich die psychische Disposition des Anführers und seine Interaktion. Sie möchten geliebt werden, können neidisch sein, sind argwöhnisch und brauchen ihre Untergebenen mehr, als allgemein bekannt ist und sind daher auch mehr als man meint bereit, ihren Kurs zu korrigieren und anzupassen.