Die wenigsten von uns haben Vergangenes im Leben wirklich aufgearbeitet. Wir fühlen uns manches Mal innerlich in einem Ungleichgewicht und können nicht genau beziffern, wie sich dieses zusammensetzt. Wir haben Ängste, deren Ursprung uns unerklärlich erscheint. Unser Gemüt ist hin und wieder von dunklen Wolken verhangen und wir bekommen einfach nicht aufgebrochen, woher diese Gefühle stammen. Vielleicht haben wir eine Depression, eine Angststörung, eine Zwangsstörung oder eine Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostiziert bekommen. Vielleicht bemerken wir, dass wir in unserem Leben weniger zurechtzukommen scheinen als andere. Woran liegt das? Wir fragen uns: Bin ich traumatisiert?

Häufig können traumatische Erfahrungen in der Kindheit oder in der Adoleszenz die Ursache sein. Manche von uns können diese Ereignisse oder Erfahrungen genau benennen, andere haben nur eine Vermutung der belastenden Ursachen. Wie können sich belastende Lebensereignisse psychisch auswirken, welche traumatischen Manifestationen gibt es?

Traumatische Erfahrungen

Kind Straße Schatten Bäume

Bei chronischer Traumatisierung verschließen sich Kinder oft. © Jarle Refsnes under cc

Es gibt einzelne belastende Ereignisse, wie etwa der Tod einer nahestehenden Person, welche eine Traumatisierung hervorrufen können. Zum anderen gibt es chronische Traumatisierungen, hervorgerufen durch immer wiederkehrende Ereignisse und Behandlungen (häusliche Gewalt, Mobbing etc.). Diese werden vielleicht sogar vom heranreifenden Menschen als normaler Umgang erlebt, schlichtweg weil er eine andere Behandlung nicht kennt. Eine solche toxische Prägung geht dann in den Entwicklungsprozess einer Person über und kann komplexe Auswirkungen auf seine Psyche haben.

Aufarbeitung oft erst im Erwachsenenalter

Die Aufarbeitung ist oftmals erst dann möglich, wenn man im Erwachsenenalter eine einigermaßen gute psychosoziale Stabilität besitzt. Oft kommen die Betroffenen in Therapie, weil sie spüren, dass etwas nicht stimmt und sie diesem Ungleichgewicht auf den Grund gehen wollen. Andere haben ein Leben lang schon mit extremen Ängsten und immer wiederkehrenden Konfliktsituationen gekämpft und wollen dem endlich ein Ende setzen. Sie wollen endlich mehr Leichtigkeit im Leben spüren.

Bin ich traumatisiert? Mögliche Folgen von Traumata

Aus klinischer Perspektive können sich traumatische Erlebnisse im Hinblick auf die psychische Gesundheit verschieden äußern.

Akute Belastungsreaktion

Zunächst ist die akute Belastungsreaktion zu nennen, welche beispielsweise in Folge des Todes einer nahestehenden Person oder einer Gewalttat eintreten kann. Die akute Belastungsreaktion tritt häufig unmittelbar nach dem traumatischen Ereignis auf. Sie kann mit Verwirrung, Desorientierung und innerlicher emotionaler Abschottung einhergehen. Manche können dann nicht mehr sprechen. Sie finden die Worte nicht mehr. Oder sie können sich nicht mehr an das Geschehnis erinnern. Körperliche Symptome können unter anderem Herzrasen, Schwindel, Kopfdruck, kalte Hände, Erbleichen, aber auch innere Unruhe sein. Eine akute Belastungsreaktion klingt zumeist nach wenigen Stunden oder Tagen ab. Nach klinischer Definition dauert sie jedoch nicht mehr als etwa dreißig Tage.

Posttraumatische Belastungsstörung

Malerei rote blaue Striche

Bei akuten Krisen sieht man oftmals nur noch rot. Therapeuten können wieder Klarheit bringen. © Pedro Ribeiro Simões under cc

Eine akute Belastungsreaktion kann in eine Posttraumatische Belastungsstörung übergehen. Dies kann zum Beispiel der Fall sein, wenn man ihr nicht mit einer professionellen Krisenintervention begegnet oder wenn das Ereignis sehr einschneidend ist. Jeder von uns ist mit anderen Persönlichkeitseigenschaften ausgestattet. Jeder verarbeitet belastende Ereignisse anders. Die jeweiligen Lebensumstände können eine Rolle spielen genauso wie die individuellen Bewältigungsstrategien.

Symptome der PTBS

Wenn nach einem belastenden Ereignis Symptome wie beispielsweise Albträume oder Angstzustände, Erinnerungen, die wieder und wieder im Kopf nachklingen, nicht zurückgehen wollen, dann sollte besser früher als später eine psychologische Beratung/Unterstützung erwogen werden. Auch ist es möglich, dass sich die Symptome ausweiten. Zum Beispiel empfindet man neue Ängste, welche mit dem Belastungsereignis auf den ersten Blick gar nicht in Zusammenhang stehen. Die Belastungsreaktion weitet sich auf andere Lebensbereiche und Empfindungen aus. Man kommt womöglich gar nicht mehr zur Ruhe und reagiert nur noch fahrig auf alles und jeden. Das gedankliche Wiedererleben des Ereignisses sowie das Vermeiden von Situationen und Aktivitäten, die damit in Zusammenhang stehen, können als typische Verhaltensweisen von PTBS-Betroffenen verstanden werden.

PTBS: Symptome länger als vier Wochen

Eine PTBS tritt sozusagen längerfristig im Anschluss an ein belastendes Ereignis auf. Schlafstörungen, Substanzmissbrauch, depressive Symptome, aber auch Änderungen im Erleben und Verhalten können damit einhergehen. Sie führen zu subjektivem Leid und zu einer Beeinträchtigung im alltäglichen Leben. Damit erfüllen sie, sobald diese über einen bestimmten Zeitraum (mehr als 4 Wochen) andauern, die Kriterien für eine psychische Erkrankung.

Andere psychische Erkrankungen/Beeinträchtigungen

Mauer mit Spruch Domestic Violence

Bei häuslicher Gewalt hole dir Hilfe! Der erste Schritt ist der schwerste, danach wird es leichter. © David Howard under cc

Im Kindes- und Jugend- oder Erwachsenenalter können sich Traumatisierungen unterschiedlich zeigen.

Mögliche Anzeichen von Traumatisierung in der Kindheit

Durch chronische Traumatisierung in der Kindheit kann es zum Beispiel zu Entwicklungsstörungen/Entwicklungsverzögerungen kommen, aber auch zu Regulations- und Bindungsstörungen. Letzteres insbesondere wenn die Traumatisierung in Verbindung mit einer nahestehenden Person stattgefunden hat. Auch die Entwicklung starker Ängste, ein über die Maßen zur Schau getragenes, externalisiertes Verhalten oder oppositionelles, aufmüpfiges Verhalten bei Kindern können bei chronischen oder allgemein nach Traumatisierungen auftreten. Gleichermaßen wie etwaige Störungen bei der Nahrungsaufnahme oder in Bezug auf die Ausscheidungsfunktionen. (Selektiver) Mutismus ist in diesem Zusammenhang ebenfalls zu nennen. Bei Kindern, welche aufgehört haben zu sprechen, ganz gleich ob generell oder in bestimmten Kontexten bzw. mit bestimmten Personen, können neben einer sozialen Ängstlichkeit auch kritische Lebensereignisse oder ein instabiles familiäres Klima bzw. soziales Umfeld ursächlich sein.

Mögliche Manifestationen im Jugend- und Erwachsenenalter

Im Jugendalter zeigen sich vielleicht Essstörungen, autoaggressive oder aggressive, delinquente Verhaltensweisen oder Substanzmissbrauch. Die Suizidgedanken häufen sich womöglich und man trägt ernsthafte Suizid-Absichten mit sich herum, weil man für sich keinen anderen Ausweg sieht. Bei schweren Traumatisierungen kann es zu dissoziativen Störungen kommen. Diesbezüglich ist zum Beispiel die allgemein so bezeichnete Multiple Persönlichkeitsstörung zu nennen, welche sich nach anhaltendem sexuellen Missbrauch entwickeln kann. Auch somatoforme Erkrankungen können gehäufter auftreten, also das Auftreten körperlicher Krankheitssymptome, obwohl keine organische Ursache gefunden werden kann.

Wie ist mein Erleben, wenn ich traumatisiert bin? Ein Ausblick

In dieser Aufzählung sind noch lange nicht alle psychischen Störungen und Beeinträchtigungen benannt. Nahezu jede psychische Störung kann in Zusammenhang mit vergangenen Traumatisierungen stehen.

Doch gerade wenn Anzeichen nicht derart stark hervortreten und weniger eindeutig scheinen, wenn man das diffuse Gefühl im Inneren für sich nicht richtig deuten kann: Woran merke ich, dass ich traumatisiert bin bzw. sein könnte? Welche Anzeichen in meinem psychischen Erleben und meinem Verhalten sprechen dafür? Im zweiten Teil unserer Reihe zu Anzeichen von Traumatisierungen werden wir explizit einige Merkmale benennen, welche für eine akute oder chronische Traumatisierung stehen können. Hier geht es zum zweiten Teil: Traumatisierung in der Kindheit und ihre Folgen – Anzeichen von Traumatisierung (2).