Biologie, Kultur und Beziehungen

Strand, Holz, Dämmerlicht. Felsen

Alles kommt und geht, wie Ebbe und Flut, alles Einzelteile und doch ein Ganzes. © Bernd Thaller under cc

Aus der Gewohnheit unserer Denktradition meinen wir, der Biologie stehe der Vorrang zu. Wenn ich nach dem Tod weiterleben will, bedarf es eines biologischen Überlebens, wo das nicht geht, ist auch das Bewusstsein verschwunden, so meint man.

Aber wer wäre ich, ohne meine Beziehungen? Gesetzt, es sei möglich meine Alterungsprozesse aufzuhalten, aber nicht die meines Umfeldes. Würde ich das wollen? Man kann sich zwar sagen, dass es genug interessante und neue Menschen gibt, aber so eine richtige Beziehung zu mir werden die vielleicht nicht aufbauen, vielleicht auch bald völlig andere Interessen haben und all jene, die meine Erinnerungen an früher teilen, sind verschwunden. Biologisch wäre ich noch immer da, aber bin ich das immer noch?

Wer bin ich denn hier und heute? Die Summe meiner Biodaten, meiner Beziehungen, aber auch meiner Interessen und Neigungen, Ansichten und Einsichten, Werte und Träume. Gesetzt meine Biodaten bleiben alle, wie sie sind, Familie, Liebesbeziehungen, enge und ferne Freunde und Verwandte auch, nur meine Einstellungen wären auf einmal völlig andere. Wäre dieser Mensch noch ich?

Wenn ich nun die Summe zufälliger Genmischungen und anderer biologischer Parameter bin, zur Welt gekommen in einem zeitlichen, politischen, geografischen und kulturellen Umfeld, das auch ganz anders hätte sein können, inmitten von Menschen, die auch andere hätten sein können, wer bin ich dann überhaupt? Oder besser gesagt: Hätte ich unter anderen Umständen nicht auch ein völlig anderer Mensch werden können? Was ist überhaupt so originär ichhaft, was gehört so sehr zu mir, dass es alles andere überdauert oder überstrahlt?

Könnte man also sagen, ich bin zu 30% Biologie, zu 30% meine Beziehungen, zu 30% meine sonstige Umwelt und zu 10% bin ich ein nur zu mir gehörender Wesenskern?

Reinkarnation

Es ist ja dieser Seelen- oder Wesenskern, der irgendwie weiter gegeben werden soll. Das bisschen Ich, was sich, den Modellen der Reinkarnation nach immer ein wenig weiter entwickelt, bis zu einem Punkt der Erkenntnis seiner All-Einheit, Gottgleichheit oder wie auch immer das beschrieben wird. Oft als Form einer Lebensschule, bei der man, wenn alles gut geht, Leben für Leben dazu lernt.

So geht man, in mancher Vorstellung zusammen mit anderen Seelen durch die Inkarnationen und trifft sich in unterschiedlichen Konstellationen immer wieder, bis man sich karmisch nichts mehr zu geben hat. Dafür saust die Seele, als amtliches Zwischenergebnis der bisherigen Inkarnationen durch weitere, dazwischen durch die Bardo-Zustände oder ähnliche Zwischenreiche, in denen man Klarheit gewinnt, sich zwecks Weiterschulung wieder verkörpert oder eben reinkarniert und so schreitet die Geschichte fort, bis das Karma ausgeglichen ist oder man ins Klare Licht eintritt. Man kann, muss dann aber nicht mehr inkarnieren, so heißt es oft.

Nur, wie geht das? Wo wird das Zwischenergebnis abgespeichert? Das Gehirn ist weg, klar, doch wenn die Seele ganz anders als die Materie ist, wie kann sie mit derselben überhaupt in Kontakt kommen? Die alte Frage an den Dualismus, nach wie vor unbeantwortet. Wenn die Seele aber gar nicht so wirklich getrennt ist, wo befindet sie sich?

Im Buddhismus heißt es allerdings, dass der Glaube an ein Ich von Beginn an eine Illusion ist. In dem Moment, wo man das erkennt ist die Erleuchtung da, gleich ob nach einem oder 70.000 Leben. Aber jetzt einfach zu glauben, dass es mich nicht gibt oder nie gegeben hat, das klappt nicht. Schon beim nächsten Ärger kontrahiere ich wieder auf die Größe eines Ich.

Aber erneut: In anderen Zeiten, unter anderen Bedingungen würde ich mich über anderes ärgern und den jetzigen Anlass vielleicht gar nicht ärgerlich finden. Ist das Ich nun einfach ein Bündel Ärger? Nein, sagen Buddhisten. Ein Bündel Ärger, Schmerz, Bedürfnisse und Begierden, die sich irgendwo festhalten, um sich zu vergewissern, dass es sie wirklich gibt. Aber kann ich denn einfach alles loslassen?

Leben ohne Ich?

Nein, sagen die Biologen. Man muss essen, schlafen, atmen und weiteres, das ist das Ende der schönen Idee. Doch, sagen die Mystiker, denn es ist unerheblich ob irgendwo etwas passiert, das ist ja immer so, worauf es ankommt, ist sich nicht in die Idee zu verkrallen, man sei ein Ich. Darum sagen sie, man könne die Dinge auch anders betrachten. Wir tun es als Ich, muss man aber nicht. Man kann auf die Welt auch unter dem Aspekt Reduzierung von Leid schauen.

Leid hat Ursachen, nehmen wir Hunger als eine einfache. Wenn irgendwo Leid aufgrund von Hunger ist, holt man am besten was zu essen und gibt es dem, der am meisten Hunger hat. Ist man selbst derjenige, der Hunger hat und leidet, ist es sinnvoll selbst zu essen. So kann man mit allen Punkten verfahren. Da ist Leid, aufgrund von Durst, Schmerz, Liebeskummer oder Sinnleere, also kümmert man sich drum.

Mit all den ‚Das machst du ja nur, weil du selbst was davon hast‘-Konzepten kann man sich befassen, man muss es aber nicht. Auch die Frage, wer denn jetzt den größten Hunger hat, muss man nicht überstrapazieren. Wenn drei Menschen hungern lindere vielleicht am meisten Leid, wenn ich dem was gebe, der am hungrigsten ist. Vielleicht aber auch nicht, wenn ich zwei, die weniger hungern satt bekomme, statt dem einen. Aber sind solche Rechenspiele nicht egal?

Man bekommt raus, was man rein steckt, alles tautologisch, man erntet die Prämissen, die man sät. Wer die Ich-Betrachtung zugrunde legt, wird sie immer wiederfinden. Man braucht keine Zeit, um aus der Zeit auszusteigen. Das Ich hat eine Spur in der Geschichte, wenn diese Spur keine Linie mehr ist, wenn es nur noch einzelne Ereignisse sind, Gedankensplitter, Assoziationen, Erlebnisse in denen früher und jetzt verschwimmen, Ereignisse in denen andere und ich verschwimmen, die daher nur noch Ereignisse sind, auf die wir mit Mitgefühl reagieren oder auch nicht, dann ist diese Geschichte nicht mehr da.

Sterben tut man aber trotzdem, kann man sagen. Ja, aber was ist, wenn man dem eigenen Körper gar nicht im Übermaß identifiziert ist? Irgendwo stirbt immer jemand, irgendwo kommt immer neues Leben in die Welt. Dann ist man zwar kein Ich mehr, weil dem Ich keine herausgehobene Bedeutung mehr zugemessen wird, aber man ist. Irgendwo ist immer jemand Hunger und vergeht wieder, kommen Gefühle und gehen, ebenso Gedanken.

Wir haben gelernt auf unseren Körper beschränkt zu sein. Erlebnisse in denen wir die Körpergrenzen überschreiten, finden wir ganz sonderbar, haben aber immerhin schon eigene Begriffe dafür. Kann ich nach dem Tod weiterleben? Als Ich vermutlich nicht, aber dass man auch schon während Lebzeiten als Ich sterben kann erzählen uns die Mystiker seit ewigen Zeiten, sie machen es sogar zur Grundbedingung eines ewigen Lebens.

Quellen:

[1] Otto Kernberg in einem Interview mit Susan Bridle, in: Was ist Erleuchtung?, Herbst/Winter 2000, S.130