
Gewalt scheint nötig zu sein, um Gewalt zu reduzieren, aber sie sollte minimiert werden. © wwwuppertal under cc
Pazifisten werden gerade gerne überhört. Doch auch bei ihnen gibt es nicht das eine Motiv, sondern sehr unterschiedliche.
Die Zeiten sind verrückt und bedrückend. Haben wir eben noch über R-Werte, Inzidenzen und Impfungen diskutiert, lernen wir nun was leichte Waffen, Ringtausch und Militärstrategien sind. Grund genug mal wieder schüchtern darauf hinzuweisen, dass es ja auch noch Frieden als Option gibt, aber die Motive der Pazifisten sind nicht automatisch und immer so edel, wie sie klingen.
Soll heißen, Pazifismus ist kein moralischer Selbstläufer. Im Grunde meines Herzens bin ich auch Pazifist, ich finde bewaffnete Auseinandersetzungen überflüssig und meine, dass es bei weitem genug Leid in der Welt gibt. Ich bin nur selbst unsicher, wie weit man diese Position belasten kann und mich hat Navid Kermani mal in einem Interview beeindruckt, als er zu den Motiven eines Buches gefragt wurde, das er geschrieben hat und antwortete, dass er am Anfang auch nicht gewusst habe, was am Ende dabei heraus kommt, wenn er es gewusst hätte, hätte er kein Buch darüber zu schreiben brauchen.
Auch der Philosoph Olaf Müller, von dem gleich noch die Rede sein wird, legte sich die Aufgabe vor, seine pazifistische Position zu prüfen und in einem Essay zu verteidigen. Also versuche ich es auch so, nur knapper. Aber der Reihe nach.
Die Instrumentalisierung des Pazifismus
Ich will die Güteklassen der Argumente, wie sie mir erscheinen gerne sortieren, so, dass sie immer besser werden und werde sicher einige Aspekte dabei übersehen.
Das gar nicht überzeugende Argument ist das der achselzuckenden Gleichgültigkeit mit der einige sagen, es sei nicht unser Krieg und dass wir uns aus dem Grunde heraus halten sollen. Bisweilen kann man eine Identifikation mit dem Aggressor unterstellen, manchmal vielleicht sogar Sympathie, jeder ist anders geprägt, es gibt verschiedene Traditionslinien die wahlweise die Amerikaner, Deutschland oder den Westen als den Urgrund des Bösen ansehen und davon auch niemals abweichen, manchmal verbunden mit verschiedenen Ausprägungen des Antisemitismus.
Ebenfalls ohne Überzeugungskraft ist die Willkür mit der man in jeder passenden und unpassenden Situation einen Einwand als Whataboutism, also eine Form der Ablenkung von dem Thema, das man sich eigentlich vorgelegt hat, ansieht, um dann bei dem russischen Angriffskrieg sofort auf ‚den Westen‘ und seine Verfehlungen zu verweisen.
Ohne ideologischen Hintergrund ist diese Einstellung eher unterkühlt bis narzisstisch, der Tenor ist: Was interessieren mich die anderen, wenn ich selbst Nachteile davon haben könnte? Das überzeugt nicht, weil man im Fall eigener Betroffenheit die Hilfe anderer sofort einfordern würde, aber auch wenn man es nicht tut: Die Perspektive des Lebens als Kampf aller gegen alle ist ebenfalls nicht überzeugend, wie in Aggressives oder friedliches Verhalten: Wer gewinnt? ausgeführt.
Die Angst um das eigene Leben
Die Angst um das eigene Leben ist ein Motiv, was man nachvollziehen kann. Pazifisten müssen keine Helden sein, aber es ist kein genuiner Pazifismus, wenn man um sein eigenes Leben fürchtet. Es ist jedoch sehr gut verständlich, wenn jemand denkt oder sagt: Ich habe eine Scheißangst zu sterben, erst recht vor einem Atomkrieg und da ist mir eigentlich jeder Weg egal, Hauptsache, es wird nicht mehr gekämpft.
Das Problem dieser Sichtweise beginnt in dem Moment, wo man sich fragt, ob man eigentlich der einzige Mensch auf der Welt ist, der diese Einstellung haben darf. Solange man denkt, dass der Nachbar das gleiche meint, ist es unproblematisch, aber dürfen Ukrainer diese Einstellung nicht auch für sich in Anspruch nehmen? Die andere Seite der Einstellung ‚Frieden, egal wie‘ ist nämlich, dass sich gegebenenfalls andere Menschen für mich opfern sollten, auch wenn sie ihr Leben verlieren. Das wäre die Konsequenz, wenn man eine Position für sich selbst in Anspruch nimmt – aus Angst um das eigene Leben – die man den Ukrainern abspricht.
Die goldene Regel oder Kants kategorischer Imperativ sagen, dass man von anderen nicht verlangen sollte, was man selbst nicht leistet und zudem, dass man für sich nichts beanspruchen sollte, was man anderen verwehrt. Es sind die Grundlagen, auf die sich unsere Gesellschaft zumindest offiziell beruft, die Symmetrie des Rechts und der Gerechtigkeit.
Argumentative Probleme der Pazifisten
Es gibt eine pazifistische Position, die heute schwer zu halten ist, der gesinnungsethische Pazifismus. Sein Inhalt: Komme was da wolle, Gewalt ist immer falsch. Olaf Müller weist diese Position für sich selbst ebenfalls zurück, bezeichnet sie als selbstüberheblich und arrogant.
Die Position zerschellt auch, wenn es Menschen auf der Welt gibt, die keine Pazifisten sind und andere überfallen und umbringen. Der Pazifist kann dann hoffen, dass diese irgendwann zur Einsicht kommen oder andere die Aggressoren aufhalten. Man selbst hätte sich dann nicht die Finger schmutzig gemacht und ganz nebenbei auch das eigene Leben nicht in Gefahr gebracht. Man macht sich einen schlanken Fuß, während man anderen die Drecksarbeit zumutet, mir scheint das in dieser Variante einfach eine weitere narzisstische Einstellung zu sein.
Aber das ist vielleicht die letzte pazifistische Position, die man problemlos abräumen kann, ansonsten hat der Pazifismus schon von daher einen Punkt, weil er einen starken moralischen Wert an sich darstellt: Keine Gewalt, zumindest keine Gegenwehr mit Waffen und wenn schon, dann so sparsam, wie es eben geht.