
Wenn die Schmerzen nie aufhören © Ryan Weisgerber under cc
Verkannte Leiden haben viele Gesichter. Die meisten Menschen reagieren geschockt und voller Mitgefühl, wenn sie eine blutende Wunde sehen. Das sieht dramatisch aus, umso mehr, wenn das Blut Kleidung oder Haare verschmiert. Doch der Grund kann eine medizinisch harmlose Platzwunde sein, wohingegen eine innere Blutung, die man nicht sieht, medizinisch viel dramatischer verlaufen kann. Ärzte wissen, dass hier höchste Not bestehen kann, nehmen den Vorfall gebührend ernst und klären alles ab, was wichtig erscheint.
Verkannte Leiden im Kontext von psymag.de könnten natürlich psychische Erkrankungen sein. Der großen Zahl von depressiven oder Angstpatienten sieht man äußerlich nichts an. Sie fangen nicht an zu bluten, ihre Nase beginnt auch nicht zu leuchten und sie ziehen das Bein nicht nach. Kurz gesagt, sie machen in der Vielzahl der Fälle einen vollkommen normalen Eindruck und das immense Leid was sich in ihnen abspielt ist oft nicht zu erkennen. Doch auch um diese Erkrankungen soll es nicht gehen, sondern um eine Form stiller und chronischer Leiden, die zwar erst einmal ernst genommen werden, bei denen aber eine Vielzahl von Gründen dafür sorgt, dass die Patienten im Laufe der Zeit an Mitgefühl und Ansehen verlieren und zu ihrer Erkrankung noch weitere Probleme psychischer und gesellschaftlicher Art hinzukommen.
Warum chronische Erkrankungen?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Die Medizin ist heute nicht nur eine Methode, um leidenden Menschen zu helfen, sondern auch ein Platz ideologischer Auseinandersetzungen und vor ein riesiger Markt. Die Debatten in diesem Zusammenhang sind Legion und wichtig, sind sie doch Ausdruck von wechselseitiger Kritik und gesellschaftlicher Vorstellungen. Die Zahl der an Wunder grenzenden Möglichkeiten der modernen Medizin und die ständig steigende Lebenserwartung in den Länder, die von dieser Medizin profitieren wird von der einen Seite ebenso stark betont, wie von der anderen die Zahl der Fehlschläge, Irrtümer und Kunstfehler. Die Mehrzahl der Menschen mag eine pragmatische Einstellung gegenüber diesen Themen haben, doch die Grabenkrieger auf beiden Seiten sind zuweilen erstaunlich starrsinnig.
Eine Vermittlung ist schwer möglich und soll hier auch nicht versucht werden, aber ich denke es ist nicht ganz falsch zu konstatieren, dass die Mehrzahl der Stärken der modernen Medizin im Akutbereich liegt und die Mehrzahl ihrer Schwächen im Bereich chronischer Erkrankungen. Es ist beeindruckend zu sehen, was mitunter akut- und intensivmedizinisch geleistet wird, sie es konservativ oder operativ. Und es ist tragisch zu sehen, wie Patienten mit chronischen Erkrankungen im Laufe ihrer „Patientenkarriere“ in einigen Fällen zunehmend verzweifeln. Davon wollen wir berichten, ohne die andere Seite zu vergessen.
Ein weiterer Grund: Die psychische Komponente bei diesen Erkrankungen ist oft erheblich, aber die Lage ist kompliziert und zwar gleichermaßen aus der Sicht des Umfeldes, wie des Patienten, wir wollen das genauer betrachten.
Das medizinische Umfeld
Ärzte wollen ihren Patienten helfen, das darf man erst einmal voraussetzen. Wenn dies gelingt und ein Verfahren anschlägt, sind beide Seiten zufrieden und oft genug ist das der Fall. Ebenso normal ist es, dass eine zunächst Therapie nicht anschlägt, da oft nach dem Ausschlussverfahren therapiert wird, verschwinden die vermuteten Symptome nicht, muss man genauer hinschauen oder den Facharzt konsultieren. Der kann in den meisten Fällen weiter helfen, aber nicht in allen. Wenn eine gut gewählte Therapie nicht anschlägt ist das für den Patienten, wie für den Arzt enttäuschend. Eine mögliche Reaktion ist Ärger, der kann einmal auf der Seite des Patienten liegen, was verständlich ist, aber ebenfalls auf der Seite des Arztes. Eine Variante mit seinem Ärger umzugehen ist, dem Patienten zu unterstellen, dass da wohl irgendwas bei ihm nicht stimmen kann und oft ist damit gemeint, psychisch nicht stimmen kann. „Psychisch überlagert“ ist der zwar offiziell nicht verwendete, aber durchaus gebräuchliche Ausdruck für Patienten mit hartnäckigen Symptomen. Nun ist der Patient doppelt gekniffen, weil er noch immer sein Symptome hat und auf der anderen Seite das Vertrauensverhältnis zum Arzt gestört ist.
Das persönliche Umfeld
Man sollte erwarten, dass ein Patient dann wenigstens in seinem Umfeld Unterstützung bekommt, doch auch das ist nicht immer Fall. Denn in den Köpfen der Mitmenschen existiert eine bestimmte Vorstellung, eine Art stiller Choreographie, wie eine Krankheit abzulaufen hat. Auch hier kann über kurz oder lang der Verdacht aufkommen, der Betroffene würde vielleicht etwas übertreiben, sich gehen lassen, nicht konsequent mitarbeiten und das schmerzt natürlich noch einmal, gerade dann, wenn jemand selbst verunsichert ist.
Andererseits ist die Erwartung, dass es wieder besser wird nicht böse gemeint und halbwegs normal, denn so hat es das Umfeld schon zigfach mit anderen Mitmenschen erlebt. Spannungen und Konflikte sind hier oft vorprogrammiert, weil die Erwartung auf ein (bald wieder) normales Leben beim Umfeld bedroht ist. Es wird umso unverständlicher, wenn der Patient keine dramatischen Untersuchungsergebnisse vorzuweisen hat. Viele verkannte Leiden haben diesen Hintergrund.
Der Patient
Auch der Patient ist im höchsten Grade verunsichert, denn in den meisten Fällen existiert auch in seinem Kopf die erwähnte Choreographie und die Enttäuschung der stillen Erwartungen bedroht mehr als nur die Gesundheit, das ganze Weltbild gerät ins Wanken. Kommen die erwähnten subtilen oder offenen Zurückweisungen noch hinzu, verschlimmert sich die Lage noch einmal. Das diese Mixtur im höchsten Maße verwirrend ist, ist leicht nachvollziehbar.
Doch da ist noch etwas. Viele Patienten mit chronischen Erkrankungen scheuen die Aussage, dass ihr Leiden auch psychisch oder psychosomatisch bedingt sein könnte, wie der Teufel das Weihwasser. Viele fühlen sie sich dadurch stigmatisiert und nicht mehr ernst genommen, was einerseits verständlich und andererseits bedauerlich ist. Verständlich, weil „psychisch“ bei uns (leider) noch immer die Assoziation „eingebildet“ oder „verrückt“ hat und auch überforderte Ärzte manchmal zu dieser Vermutung neigen. Schade ist es, weil viele Patienten sehr gut profitieren davon könnten, gerade in dem Bereich, über den wir sprechen wollen.
Erster Schritt: Empathie für alle Beteiligten
Es ist nicht die Heilung der Krankheiten, aber ein wichtiger Schritt um die zusätzlichen Spannungen wenigstens abzubauen besteht darin, dass alle Beteiligten in sich gehen und ihre Rolle und Erwartungen reflektieren. Für den Patienten bedeutet das, dass er, obwohl er verwirrt ist und leidet, auch die Situation seines Umfeld betrachten sollte. Wie muss es für den Mann, die Lebenspartnerin, die Kinder sein, wenn jetzt auf einmal alles anders ist und ein Familienmitglied nicht mehr so selbstverständlich „funktioniert“ wie früher? Das macht traurig und betroffen, aber wenn es offen angesprochen wird, kann es den anderen viel erklären und zeigen, dass man auch sie nicht vergessen hat. Zudem kann es helfen unberechtigte Ängste und Schuldgefühle abzubauen, Erwartungen, dass der andere mich nun nicht mehr liebt oder was auch immer es sei.
Das Umfeld sollte sich trauen seine Ängste, Erwartungen, Enttäuschungen und Bedürfnisse zu artikulieren und dem Patienten zuzumuten. Das erfordert Mut und Offenheit. Das Resultat muss nicht zwingend ein Happy End sein, aber es schafft Klarheit, was in einer durch und durch verworrenen Situation schon ein Gewinn ist. Und es kann zu einer weitaus tieferen Basis der Zusammensein führen, in der man sich traut über seine Gefühle zu reden, etwas, was in Beziehungen nicht zwingend an der Tagesordnung ist.