Narzisstische Kränkungen

Ein zu großartiges Selbstbild unterliegt leicht Kränkungen. © Anthony Majanlahti under cc
Wer also mit einem pathologischen Größenselbst unterwegs ist und das Gefühl hat, irgendwie die wichtigste Person der Welt zu sein, ist natürlich in einem hohen Maße darauf angewiesen, dass andere Menschen seine Bedeutung ebenso einschätzen, wie er selbst. Das ist durchaus nicht immer der Fall und das merkt auch jemand mit einem pathologischen Größenselbst durchaus und so entstehen eine ganze Reihe skurriler Kompensationsmechanismen.
Anders gesagt: Wer besonders glänzen will, macht sich besonders abhängig. Genau das können Menschen mit narzisstischer Pathologie aber nicht ertragen und so wollen sie Lob und können es doch nicht annehmen, weil sie anerkennen müssten, dass der andere damit über eine Eigenschaft verfügt, die sie nicht haben: Sich mit anderen freuen und sie von Herzen loben und anerkennen zu können. So beißen Narzissten ständig die Hand, die sie füttert und sind gezwungen, diejenigen, die sie loben entwerten zu müssen, als ahnungslose Leute, die überhaupt nicht zu beurteilen vermögen, was man da geleistet hat. Und schon ist das erhaltene Lob nichts mehr wert. Nur von einigen handverlesenen Menschen, die sie idealisieren, möchten sie gelobt werden, die Freude und das Lob „des Durchschnitts“ lässt sie, aus genannten Gründen, kalt.
Paradoxerweise ist es aber zudem so, dass, wenn sie nicht ausreichend, also eigentlich immer, gelobt und beachtet werden, wenn man sie nicht ihrem gefühlten Status entsprechend behandelt, die Situation nicht besser wird. Sie fühlen dann sich schnell und stark gekränkt und beruhigend wirkt hier wiederum nur, wenn sie sich einreden können, dass derjenige, der sie nicht hinreichend beachtet oder gar kritisiert hat, ja ein kleiner Idiot ist, der von der Welt im Allgemeinen und dem was er kritisierte im Besonderen, keine Ahnung hat.
Warum will man so wichtig sein?
Das ist zwar einigermaßen kompliziert, aber auch nicht so kompliziert, dass man es nicht verstehen kann. Auf unsere Kränkungen bezogen heißt es: Wer groß oder bedeutend sein will, ist schnell gekränkt. Nämlich dann, wenn die anderen den gefühlten Erwartungen, die eigene Bedeutung betreffend, nicht erfüllen, weil sie sie nicht teilen. Es wäre logisch, die Ansprüche und Erwartungen einfach herunter zu drehen, frei nach dem Motto: Wer nichts erwartet, kann nicht enttäuscht werden.
Allein, die Aussicht keine herausragende Rolle zu spielen – und oft ist es nur eine phantasierte – ist noch kränkender, als die Enttäuschungen, die man als vermeintlich besonderer, aber unbeachteter Mensch ertragen muss. Einer von vielen zu sein, das geht nicht. Das pathologische Größenselbst ist ja bereits eine Kompensation, eine Antwort, ein Kunstgebilde was von der Psyche gegen das Grundgefühl der Kleinheit und Ohnmacht installiert wird. Klein, unbedeutend, unwichtig, ein Niemand zu sein und vor allem Ohnmacht zu erfahren, das ist etwas, was wir überhaupt nicht gut ertragen können.
Lieber beginnt man über die eigene Größe und Bedeutung zu phantasieren, als sich einzugestehen hilflos zu sein oder wieder werden zu können. Das ist verständlich und ein Überlebensmechanismus der Psyche. „Wenn ich von den Eltern nie beachtet werde, dann vielleicht deshalb, weil ich besondere Fähigkeiten habe, vor denen sie Angst haben.“ Das könnte so eine Phantasie sein, die dann immer mehr zu einem ganzen Ideengebäude ausgebaut wird. Da diese Phantasiewelt oft keine Rückmeldung durch die Eltern fand und die Umgebung findet, müssen die Phantasien – und damit auch die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit – immer mehr ausgeschmückt werden. Das könnte so aussehen, dass jemand in puncto Stärke, Schönheit, Intelligenz, Originalität so weit über den anderen zu stehen meint, dass diese die Überlegenheit gar nicht mehr erkennen können. „Ich bin so krass, so anders, das kann keiner verstehen.“ Nun wird man vielleicht immer noch nicht gewertschätzt, hat aber zugleich eine Erklärung dafür, warum dies nicht so ist. Man spielt einfach in einer eigenen Liga, da kommen die anderen nicht hin, darum können sie nicht verstehen, wie ich bin. Damit lässt es sich leben und damit lassen sich Kränkungen kompensieren.
Nur hat man sich jetzt in eine Situation gebracht, in der man aufpassen muss nicht mit der Realität in Kontakt zu geraten. Denn, wenn ich mich übermäßig talentiert fühle, aber an einfachen Aufgaben scheitere, ist das wiederum kränkend. Narzissten meiden daher oft das, was ihnen schwer fällt und wo sie Mühe und Anstrengung investieren müssten (wie alle anderen, auch dies kränkt sie) und fokussieren sich statt dessen auf Bereiche, die ihnen leicht fallen, in denen sie tatsächlich talentiert sind. Da das eben nur Teilbereiche des Lebens sind, werden diese als besonders wichtig angesehen, als das, was im Leben wirklich zählt, während alles andere, wo sie nicht so gut sind, entwertet wird. „Was will man denn damit? Wozu soll das gut sein, dieser Quatsch?“