Paarbeziehungen

Wagen der Hamburger Tafel

Soziales Engegement kann ein Ausdruck des Interesses am anderen sein. GeorgHH under gemeinfrei

Was in der Welt von Eltern und Kindern, Geschwister und andere Verwandtschaftsbeziehungen jetzt man ausgeklammert, noch in der Natur der Dinge liegt, bekommt in der Paarbeziehung noch einmal eine andere Relevanz. Auf der einen Seite lieben wir unser Gegenüber ja gerade deshalb, weil er oder sie ist, wie wir es liebenswert finden. Oft lebt der andere einen Schattenaspekt von uns, den wir in uns haben und bewundern, aber den wir irgendwie nicht zu greifen bekommen. Der Partner lebt es dann vor: den Freiheitsdrang, die Selbstsicherheit, das Unkonventionelle, die Liebenswürdigkeit, die Geduld, die Kreativität, die Stilsicherheit und so weiter.

Es ist eine wirklich eigenwillige Dynamik, die wir hier finden, weil wir das was wir lieben auch irgendwie verändern wollen. Vielleicht gerade weil wir es als eigene Ressource nicht so direkt zur Verfügung haben. „Ich liebe Deine Spontaneität, aber könntest Du nicht doch ein bisschen mehr planen?“ Irgendwie passt das nicht und doch ist es nicht selten. Denn einerseits sehe wir, dass es dem anderen, lässt man ihn so wie er ist, damit auch gut geht. Der empathissche Anteil in uns bemerkt das sehr wohl. Der eine liebt das Chaos, der andere die Ordnung. Nur sind auch Partner nicht immer nur glücklich und wenn sie leiden, tut uns das weh, weil wir sie lieben und uns um ihr Wohlergehen sorgen. Und wir könnten auf die Idee kommen, dass das was an guten Tagen ihre unbeschwerte Lebenslust ausmacht an schlechten Tagen dafür verantwortlich ist, dass der Mensch Probleme hat. Spontaneität ist gut, aber vielleicht nicht, wenn die Steuererklärung dran ist.

Ein wenig in seiner eigenen Welt zu leben ist schön, aber wenn man die Realität, mindestens die gesellschaftliche, zu sehr ausblendet, bekommt man ziemlich sicher Probleme mit den anderen. Der eigene Partner steht da oft an vorderster Front, weil er uns das, worunter wir leiden schon öfter mal aufs Butterbrot geschmiert hat. Wenn der spontane Mensch dann doch mal zur Gründlichkeit gezwungen ist, wird er in einer ersten Reaktion oft nicht daran denken, dass er den guten Rat früher hätte annehmen sollen, denn wieder mal bewahrheitet sich, was die eigene Frau sagte, sondern er könnte ärgerlich über die Spießigkeit der Welt sein und dass doch alles viel einfacher wäre, wenn man nicht in so kleinkarierten Verhältnissen leben müsste und die erste, die den Ärger abkriegt, ist dann vielleicht die eigene Frau.

Kollusionen

Es gibt verschiedene Wege mit dieser Dynamik umzugehen, einige davon gehen in die Richtung Kollusionen als feste Beziehungsmuster zu etablieren, die zwar pathologisch sind, aber auch stabil. Sie sehen oft schroff asymmetrisch aus, aber auch der Rechthaber braucht jemanden, der gedukdig und dankbar abnickt, wie die Luft zum atmen, denn ein Beziehungsmodell auf Augenhöhe würde ihn verwirren.

Doch auch im Kontext der Zweierbeziehung kann man sich für andere Menschen interessieren, so dass man es eigentlich gut meint und den anderen nur auf Gefahren hinweisen will. Im besten Falle tut man dies, der oder die andere hört geduldig zu bedankt sich für den gut gemeinten Hinweis und verspricht, diesen in künftige Überlegungen und die eigene Lebensführung mit einzubauen, zumindest sehr ernsthaft drüber nachzudenken. Soweit die Theorie. Schön, wenn es mal so klappt, die Regel ist es nicht.

Schnell sind beide Seiten genervt, die eine hat das Gefühl gegen eine Wand zu reden, der andere weil das ewig gleiche Thema wieder und wieder aufgetischt wird. „Ich bin nun mal so wie ich bin, so hast Du mich kennen und lieben gelernt, basta.“ Auch wenn es gut gemeint sein sollte, es passt irgendwie nicht zum eigenen Leben. Doch auch das Gefühl gegen eine Wand zu reden ist nicht erfüllend, wenn dann jemand nach langer Auseinandersetzung endlich ein wenig im Auge hat, was der andere möchte, diesem dann aber stolz erzählt, die Bürokollegin habe ihm diesen guten Tipp gegeben, ist die Kränkung oft perfekt und die Verwirrung damit noch größer.

Gut und gut gemeint

Wie ist das richtige Verhältnis von Empathie auf der einen Seite, die erkennt, dass der andere dann besonders vital, kreativ und liebenswert ist, wenn wir ihn nicht ausbremsen und zu Tode korrigieren wollen und Sorge auf der andere, die nicht einfach in naiver Bewunderung dabei steht und abwartet, wie sich der anderen seine eigenes Grab schaufelt?

Der unbefriedigende Teil der Antwort ist, dass man (noch) nicht sagen kann, wie das funktioniert. Zwang trifft auf Chaos kann für beide bereichernd sein, aber auch grandios schief gehen. Der befriedigendere Teil ist, dass man sich nur gemeinsam abstimmen kann – und muss. Es gibt keine Schiedsrichter von außen, keinen Papa, der das ungezogene Kind ermahnt und wer als Partner selbst in diese Rolle schlüpft, sollte das reflektieren und zusehen, dass er dieses Spiel bald wieder hinter sich lässt.

Eine gute Beziehung zwingt einen lebendig zu bleiben und sich zu öffnen, vor allem auch die eigene Position immer wieder zu hinterfragen. Mit wieviel schlechtem Gefühl muss man leben lernen, wo beginnt die übergriffige Kontrolle? Mancher nimmt als Hinweis dankend an, was der andere als Übergriff rundweg ablehnt, auch das ist von Paar zu Paar verschieden. Um sich in einem gesunden Sinne für den Partner und darüber hinaus für weitere für andere Menschen interessieren zu können, ist es wichtig die Dynamik von Beziehungen zu sehen. Ein nicht uneleganter Weg den Partner zu ändern, ist sich selbst zu ändern. Mag sein, dass es nicht der einzige Weg ist, es mag auch sein, dass dieser Weg seine Grenzen hat, aber bevor man sich aneinander die Zähne ausbeißt, ist es allemal besser diese Ansatz zu versuchen. Der Partner hilft bestimmt gerne dabei, was noch einmal eine ganz neue Variante ins Spiel bringt.

Oft geht man unbewusst jenen Weg, bei dem der andere am besten funktioniert, indem man genau die Punkte bearbeitet, bei denen der andere seine Schwächen hat und verletzlich ist. Das können Schuldgefühle sein, Appelle an die Ehre, der Tadel nicht perfekt zu sein oder sonst etwas. Man tut das oft ohne böse Absicht und nicht immer bewusst, einfach, weil man so leichter ans Ziel kommt. So verfestigt man unbeabsichtigt bestehende Muster und das zu bemerken und schrittweise zu ändern, ist anspruchsvoll.

Nach meiner Erfahrung ist es nie besonders gut, wenn man der Welt die eigenen Projektionen überstülpt, allerdings ist es leichter gesagt, als getan, dies mal eben zu lassen, weil damit nicht selten das ganze Selbstbild verknüpft ist. Die Aussagen vieler Weisen der Welt gehen jedoch in die Richtung, dass es an der Welt nicht viel zu verbessern gibt, aber dafür umso mehr an der eigenen Einstellung. Das passt vielleicht nicht immer und in allen Fällen und es gibt auch nachvollziehbare Gründe, die genau das Gegenteil behaupten, dennoch glaube ich oft und gerne, dass der Status des Weisen nicht völlig umsonst zugesprochen wird und man sich deren Aussagen wenigsten genauer anhören sollte. Aber vielleicht sind diese Wort auch nur gut gemeint.