Kleiner Junge mit Krone

Der kleine König hat es oft alles andere als leicht im Leben. © John Paul Marcelino under cc

Die Erziehung wandelt sich im Laufe der Zeiten, macht wie alles andere auch Modebewegungen mit und für die letzten Jahrzehnte galt ein Baustein der Erziehung als gesetzt: das Lob.

Loben, so lautete bis vor kurzem die Überzeugung, könne man nie genug. Damit könne man nichts falsch machen. Inzwischen ist dieser Ansatz der positiven Verstärkung sogar bis in die Hundeerziehung vorgedrungen und das mit Erfolg. (Man verzeihe mir den Vergleich, aber dass Ergebnisse der Tierforschung oft eins zu eins auf den Menschen angewendet werden, hat in der Psychologie und Erziehung durchaus Tradition und wird ironischerweise als besonders wissenschaftlich angesehen.) Das hat positive Seiten, die erste und wichtigste war, dass man die Relikte der Schwarzen Pädagogik in der Erziehung zurückdrängen konnte.

Schwarze Pädagogik

„Schwarze Pädagogik ist ein negativ wertender Sammelbegriff für Erziehungsmethoden, die Gewalt und Einschüchterung als Mittel
enthalten. Der Begriff wurde 1977 von der Soziologin Katharina Rutschky mit der Veröffentlichung eines Buches unter gleichem Titel eingeführt.“[1]

Durch Diskussionen und eine zunehmende Sensibilisierung in der Gesellschaft ist immer klarer geworden, dass Gewalt und Einschüchterung als Mittel der Erziehung nicht taugen und letztlich nur arme unterdrückte Kinder hervorbringt, die, so arbeitete die Schweizer Psychologin Alice Miller heraus, zu allem Überfluss das Muster ihrer Unterdrückung auch noch an ihre Kinder weitergeben. Das ist als Wiederholungszwang in der Psychoanalyse, in der auch Alice Miller ihre Wurzel hatte, weitgehend bekannt und akzeptiert.

Doch keine Bewegung kommt ohne Übertreibung aus und so wurde der Begriff des Missbrauchs vor allem von Alice Miller so weit ausgedehnt, dass man kaum mehr ein Kind finden konnte, was in ihrem Sinne nicht missbraucht war. Auf einmal war alles Missbrauch, selbst banale Alltagsereignisse. Paradigmatisch beschreibt Miller in einem ihrer Bücher eine von ihr beobachtete Alltagssszene eines jungen Paares, mit Kind. Hellsichtig und einfühlsam, vielleicht aber auch überzeichnet, beobachtet Miller, wie das kleine Kind neben den Eltern hertrottet, die sich eben ein Eis kauften. Ein ganzes Eis sei für das Kind zu kalt, darum ließ die Mutter das Kind von ihrem Eis abbeißen. Das Kind wollte aber nicht abbeißen, sondern ein eigenes Eis, was die Eltern nicht verstanden oder ignorierten und so weinte das Kind herzzerreißend. Die durchaus liebevollen Eltern nahmen sein Weinen nicht so wichtig und als der Vater dem Kind am Ende den von ihm abgeschleckten Eisstiel gab, war das Drama perfekt. Miller deutet das Verhalten der Eltern als unempathisch und in der Weise, dass die Eltern, in dem sie das Kind und seine Bedürfnisse klein halten und verachten, nicht mit ihren eigenen Wunden und Enttäuschungen aus ihrer Kindheit in Kontakt kommen. [2]

Doppelbindungen bei dem Konzept von Alice Miller

Denn, das ist ein Problem bei Millers Ansatz, man kann bei ihr nicht nicht missbraucht worden sein. Entweder man erkennt, anerkennt und bearbeitet den eigenen Missbrauch oder man leugnet ihn und ist so gezwungen, ihn an die nächste Generation weiter zu geben. Wer behauptet, ihm sei in seiner Kindheit gar nicht übel mitgespielt worden, der steht schon im Verdacht zu leugnen, zu bagatellisieren und Täter zu werden.

Unterstellen wir, dass Miller tatsächlich besonders feinfühlig war, so bleiben doch gewaltige Probleme zurück. Man muss schon ähnlich hellsichtig um ihr Idealbild zu erreichen und vielleicht ist dieses auch gar nicht immer wünschenswert, dazu unten mehr. Auf jeden Fall baut die Forderung nach Hellsichtigkeit, Empathie und Feinfühligkeit einen immensen Druck auf Seiten der Eltern auf, denn im Grunde können sie nun kaum mehr etwas richtig machen und der Begriff der das bezeichnet, was dann im Raum steht, ist ziemlich vernichtend: Missbrauch!

Vor allem das Buch Das Drama des begabten Kindes von Alice Miller traf den Nerv der Zeit. Und diese Zeit waren die frühen 1980er Jahre. Um zu verstehen, was dort passierte muss man sich das damalige gesellschaftliche Klima vor Augen führen: es war eine noch immer euphorische Zeit, in der die Fortschrittsgläubigkeit aber erste Risse bekam (vgl.: Geschehen die Veränderungen in der Welt zu schnell?). Es war die Zeit in der der US-Historiker Christopher Lasch in Amerika ein Zeitalter des Narzissmus diagnostizierte.

Es traf den Nerv nicht, weil alle Eltern sich nun um ihre Kinder sorgten, sondern weil diejenigen, die das Buch lasen, auf einmal eine prima Entschuldigung dafür hatten, wenn es in ihrem Leben nicht so doll lief. Die Entschuldigung war ganz einfach: „Was hätte alles aus mir werden können, wenn meine Eltern nicht so grauenhaft versagt hätten?“ Ein Teil der Menschen, die das Buch gelesen haben, fühlten sich zum ersten Mal in ihrem Leben richtig verstanden und eingeschätzt, nämlich als verkanntes Genie, das bisher nur deshalb nicht durchstarten konnte, weil die Eltern es missbrauchten und seine Fähigkeiten und Talente unempathisch missachteten.

Ken Wilber weist darauf hin, dass Millers Erstling zunächst unter dem Titel Gefangene der Kindheit erschien und nur mäßige Beachtung fand. Erst durch ein Genie in der Marketing Abteilung erhielt das Buch den Titel Das Drama des begabten Kindes und wurde zum Renner. [3]

Wie das Drama begann

Es gab in den später 1970ern etwa zehn Jahre lag einen gesellschaftlichen Streit, zwischen einem Lager das meinte so ziemlich alles an und in der Kindheit fest machen zu können, was im Grunde richtig ist, verbunden mit einer Idee nachträglich alles wieder korrigieren zu können und diese etwas leichtfertige Sicht erwies sich als kapitaler Fehler. In einer Bemerkung über diese Zeit hörte ich, sie sei bei einigen von der Überzeugung durchdrungen gewesen, dass man jeden verstehen und auch Hitler resozialisieren hätte können. Es war die Zeit in der Soziologie und Sozialarbeit groß geschrieben wurden und Reintegration in die Gesellschaft, die ungemein wichtig ist, auf dem Boden eines allumfassenden Verständnisses für alles und jeden erwirkt werden sollte.

Die berühmt-berüchtigte Rede von der „schweren Kindheit“ hatte hier ihre Geburtsstunde und das Konzept hieß geduldiges Zuhören, Verständnis und dann darauf hoffen, dass eine bedingungslose Annahme den anderen dazu bringt, sich zu öffnen, seine Probleme zu erkennen und zu bearbeiten und dass er in der Folge auch selbst seine Umgebung annimmt und wertschätzt.

Dieser Ansatz hat seine Berechtigung aber auch seine Grenzen. Skepsis gab es schon immer. Auch die Euphorie hinsichtlich der Möglichkeiten der Sozialarbeit wurde kritisch gesehen und so bildete sich parallel zur Gruppe jener, die auf die Wirksamkeit von Verständnis und Empathie setzten, eine andere Gruppe, die Verständnis und Empathie zwar als Grundlagen akzeptierte, aber sagte, dass das erst der Anfang sei.

Verstehen, warum man unter den Bedingungen so geworden ist, ja, aber dann sei der eigentlich befreiende zweite Schritt nötig, nämlich zu erkennen, dass man, egal was gewesen ist, nun ein Leben selbst bestimmen kann und das schafft man insbesondere und nur dann, wenn es gelingt, die Projektionen zurück zu nehmen und künftig die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Was wiederum die erste Gruppe als kaltherzigen Rückfall und abermalige Rechtfertigung der Schwarzen Pädagogik ausdeutet und sagt, damit werde jemand nur ein weiteres Mal zum Opfer gemacht. Die Diskussion kann man bis in feinste Feinheiten treiben, wir brechen an dieser Stelle ab.