Der Pyrrhussieg

Grotesk oder großartig? Die Perfektionierung des Körpers. © NAPA MEDIA under cc
Es gab wie immer moderate und extreme Vertreter des einen und anderen Lagers, durchgesetzt hat sich aber in der Breite die Ansicht, dass es besser sei maximales Verständnis aufzubringen und dass so die Probleme am besten zu lösen seien. Ein Pyrrhussieg, wie sich herausstellen sollte.
Eine Generation später. Man hat seine Alice Miller gelesen und weiß nun was Kinder brauchen um erfolgreich zu sein: Lob, Zuspruch und ein Umfeld was nicht nur bedingungslos zu ihm hält, sondern möglichst auch noch alle Hindernisse aus dem Weg räumt. Und so legten die Eltern los: Mit dem Panzer (SUV) zur Frühförderung, zur Schule, zur Nachhilfe, aber auch die musischen Fähigkeiten, soziale Kompetenz und auch der Körper sollten in dem Megaprojekt „unser Kind“ gefördert werden, auf dass es so perfekt werde, wie man selbst gerne geworden wäre und hätte werden können, wenn die eigenen Eltern sensibler gewesen wären.
Inzwischen sind diese Eltern als Helicopter Eltern bekannt und gefürchtet, die ihr Kind und sein Umfeld allzeit kontrollieren und aufpassen, dass auch ja alles perfekt läuft und wehe dem, der das eigene Kind nicht umsorgt, behütet und in ihm das kommende Genie erkennt, wie die Eltern es selbst sehen. Oder als Curling Eltern, weil sie, wie beim Curling, jedes antizipierte Hindernis auf der Karrierebahn des Kindes aus dem Weg schießen.
Das Lob wird zur Allzweckwaffe
Dass diese Kinder allumfassend beachtet und gelobt werden ist selbstverständlich. Nichts können sie falsch machen und wenn ihnen der frühe Erfolg nicht vergönnt ist und nicht spätestens in der Kita die Hochbegabung auffällt, so liegt das nur daran, dass die Kita Frau so unsensibel und missachtend ist, wie es ehedem die eigenen Eltern waren, aber da hat man die Rechnung ohne die Helicopter Eltern gemacht, die noch jedem erklären, wie der Beruf, den man seit 20 Jahre ausübt, tatsächlich, richtig und viel besser geht, ob bei Lehrerin oder Arzt, spielt keine Rolle.
Das Kind und wie es aussieht, besonders das männliche, kann vor seinem Erfolg kaum fliehen und nichts mehr falsch machen. Ständig und immer wird des gelobt, um nur ja zu verhindern, dass es ein geringes Selbstbewusstsein hat, denn man weiß, wie gefährlich der Einfluss der Umwelt ist. Das Lob wird so ständig angewandt, losgelöst vom Kontext, doch wer immer gelobt wird, lernt nicht, sich im Leben angemessen zu orientieren, weil man ja nichts falsch macht und wenn es doch mal dumm läuft, der Fehler woanders gesucht wird. Kraftfutter für ein hypertrophiertes Ego und für Narzissmus. Dieser Ansicht ist der Neurowisssenschaftler, Psychiater und Psychotherapeut Raphael Bonelli, der sich in seinem Buch Männlicher Narzissmus: Das Drama der Liebe, die um sich selbst kreist vor allem auf eine Studie von des niederländischen Psycologen Eddie Brummelman und Kollegen beruft, die Studie sehen Sie hier: klick.
Sie belegt, dass Kinder, die zu viel gelobt werden in zweierlei Arten negativ auf Lob reagieren. Unsichere Kinder werden durch Kübel von Lob nicht etwa sicherer, sondern blockieren. Da sie unsicher sind und gelobt werden, haben sie Angst die offenbar hohe Meinung die ihre Eltern von ihnen haben zu gefährden und versuchen nun keinen Fehler mehr zu machen, um diesen Status nie wieder zu verlieren. Die anderen, selbstsicheren Kinder saugen das Lob auf wie ein Schwamm und meinen tatsächlich, sie seien kleine Könige und der Rest der Welt ihr Hofstaat. Genau so kennen sie es ja auch. Vorbei mit dem lustvoll kindlichen Ausprobieren, die einen werden immer gehemmter, die anderen maßloser. Sie werden Narzissten.[4]
Dabei ist das Lob an sich kein Problem, wenn es dort ein gesetzt wird, wo es passt und mit liebevoller Kritik und klaren und nachvollziehbaren Grenzen (die nicht täglich anders sind) Hand in Hand geht. Das Lob ist gut und wichtig, man darf das Thema nicht schwarz/weiß verstehen und entweder gar nicht oder ständig loben, das angemessene Lob ist nach wie vor wunderbar und hilft dem Kind seine Welt realistisch einzuschätzen.
Zur Klärung
Hinter der Ansatz von Alice Miller steht die Idee, dass Narzissmus eine mehr oder weniger normale Stufe der kindlichen Entwicklung ist (primärer Narzissmus), der sich irgendwann auswächst und das am ehesten dann, wenn das Kind seine narzisstischen Bedürfnisse stillen kann. Wer seine orale Gier und seine Selbstbezogenheit als Kind ausleben darf, dessen Bedarf ist zeitlebens gedeckt und wird sich von selbst auf ein angemessenes Normalmaß herunter regeln.
Aber es spricht nicht viel dafür, dass Narzissmus sich auswächst. Der Arzt für Psychosomatik und Psychotherapeut Rüdiger Dahlke erzählte im Kreise von Auszubildenden, von einer Mutter mehrerer Kinder, die mit dieser Einstellung an das Thema Abstillen heran ging mit dem Ergebnis, dass ihr inzwischen 6-jähriges Kind zusätzlich zu den anderen noch immer an die Mutterbrust will.
Hinter all dem steckt die Idee, dass Kinder es nicht ertragen und verwinden können (und psychisch krank werden), wenn man ihnen Grenzen setzt und diese Idee ist falsch. Die Grenzen müssen nur verlässlich sein. Wenn sie täglich geändert werden, kann das Kind damit nicht klar kommen, etwa wenn sich die Regeln nach den Launen der Eltern richten. Ist die Stimmung gut, ist das Kind toll und darf alles, bei schlechter Laune der Eltern, wird es angeblafft und kriegt verboten, was gestern noch erlaubt war. Wenn Regeln Ausdruck einer sadistischen Machtdemonstration sind, die dem Kind nur zeigen sollen, wer die Hosen anhat, strukturieren Regeln nicht, sondern erniedrigen. Das betrifft jedoch nur gestörte Eltern und die erreicht man ohnehin leider nicht.