Polarität und Widerspruch

Die Regeln des Schwarms sind simpel und robust © Bernd Baltz under cc
Eine andere, ebenfalls bei uns verbreitete Lesart ist die, dass Pole notwendigerweise Widersprüche darstellen müssten. Entweder ich mag etwas, bin etwas, sage „Ja“ zu etwas, oder eben nicht. Aber so einfach ist es ja nicht und gerade in der Psychologie weiß man, dass Entwicklung und Humanität ganz wesentlich mit der Toleranz von Ambivalenzen zu tun hat. Zu deutsch: Etwas kann sehr wohl mit seinem vermeintlichen Gegenteil zusammen hängen.
Die Liebe ist vielleicht der schönste Spiegel, in den wir dabei schauen können. Der Mensch, den wir wirklich lieben ist automatisch auch der, der uns am meisten verletzen und auf die Palme bringen kann. Ja, Liebe und Aggression, Liebe und Wut, vielleicht in Grenzen sogar Hass, sind keine inkompatiblen Gegensätze, sondern fließen im anderen, den wir lieben zusammen. In dem Moment, in dem man die Liebe besonders intensiv spürt, ist kaum Raum für Wut da, aber wir wissen oft, dass der andere Pol nicht ewig weit entfernt ist und wenn einer Beziehung erlaubt wird stabil zu werden, wissen wir ebenso, dass die aktuelle Wut nicht das Ende der Welt und der Beziehung bedeutet, sondern, dass der Mensch den wir lieben uns größte Sorgen bereiten und Verletzungen zufügen kann und das ist das Wagnis, was es bedeutet, wenn man sich auf die Liebe einlassen will und kann.
Ein Gesamtgebäude
Wir haben uns aktuell eine äußerst merkwürdige Mischung angeeignet. Wir sind irgendwo davon überzeugt, dass es Fortschritt gibt und dieser Fortschritt durchaus bedeutet, dass unser Leben besser wird, gleichzeitig scheuen wir uns aber zu benennen, was wir unter besser verstehen, das wohl auch, weil jeder etwas andere Vorstellungen davon hat, wie eine bessere Welt denn nun aussehen soll.
Ganz polar und pluralistisch geht es jedoch darum, beide Sichtweisen zu vereinen. Es gibt zwar eigene Bücher und Weltanschauungen, die uns sagen, dass beide Pole wichtig sind, wir haben aber gelernt, dass es richtig ist, sich zu entscheiden und zwar für die Wahrheit und das Gute. Das klappt im Grunde auch ganz gut, solange wir ein klares und übersichtliches mythisches Weltbild haben, in dem richtig und falsch, Freund und Feind verlässlich zugeordnet sind. Es klappt, wenn alle einen Mythos – religiöser, politischer oder sonstiger Art – teilen und nicht zu viele kritische Fragen stellen. Darum sind mythische Gruppierungen auch nicht sonderlich an kritischen Fragen interessiert. Sie sind oft intolerant, aber durchaus stabil und schlagkräftig.
Aber wir wissen, dass kritische Fragen gestellt wurden und sich schon allein dadurch ergeben, dass es eben nicht nur einen Mythos auf der Welt gibt, sondern viele. Viele, vor allem inhaltliche verschiedene Mythen, so dass die Frage aufkam, was denn nun stimmt und wieso man, über den Zufall, dass man eben hier und nicht dort geboren ist, hinaus, unserem Mythos glauben sollte. Und so kam der Mythos in Bedrängnis, trudelte und stürzte – wenigstens in Europa.
Und auf einmal stand ein anderes skeptisches, wissenschaftliches Denken sozusagen dem Gesamtphänomen Mythos als Angebot gegenüber, so will es zumindest unsere Legende: die Wissenschaft. Und sie siegte auf ziemlich breiter Linie, vermutlich vor allem dadurch, dass man reichlich Praktiken entwickeln konnte, von denen die Menschen profitierten (vgl.: Die wissenschaftlich-technische Revolution). Und auf einmal war gar nicht mehr so klar, was gut und böse, richtig und falsch war, denn man konnte nun alles hinterfragen und tat das auch, mit großem Erfolg.
Aber irgendwann wurde auch klar, was die Wissenschaft nicht beantworten kann, nämlich Sinnfragen. Fragen, die uns Antworten auf das Warum und Wozu geben, denn das fehlte auf einmal. Man wusste prima, wie alles funktioniert und noch besser funktioniert, aber wieso soll man eigentlich funktionieren? Worum geht es eigentlich in dieser komischen Welt? Mit der Reihe über Weltbilder (hier der erste Artikel) haben wir zu zeigen versucht, dass die Antwort darauf von Stufe zu Stufe anders aussieht und dass der Kampf ums Überleben keinesfalls alles ist, worum es geht.
Wenn die Wissenschaft versucht auch auf diese Fragen Antworten zu geben, wird es fürchterlich und Wissenschaft zur Ideologie. Dann wird der Funktionalismus zum Ideal erhoben. Ideologen, die meinten im Namen der Wissenschaft zu sprechen machten sogar den Fehler, die Moral als Ganzes zu diskreditieren. Das taten vor ihr schon andere, aber nun kam das Ganze mit dem Segen der Wissenschaft daher. Doch 25 Jahre vorher erzählte die Esoterik schon dieselbe Geschichte:
„Der Atem ist ein gutes Beispiel für das Polaritätsgesetz: Beide Pole, Einatmen und Austamen bilden durch ihren ständigen Wechsel einen Rhythmus. Dabei erzwingt ein Pol seinen Gegenpol, denn Einatmen erzwingt Ausatmen usw. Wir könnten auch sagen ein Pol lebt von der Existenz seines Gegenpols, denn vernichten wir die eine Phase, verschwindet auch die andere. Der eine Pol kompensiert den anderen Pol, und beide zusammen bilden eine Ganzheit.“[2]
Hier ist die Polarität bereits ein Gesetz, aber ansonsten klingt das wie unser einleitendes Wikipedia Zitat. Und wie dort, wird auch hier das rhythmische Geschehen auf das Leben, die Wirklichkeit ausgedehnt. Und so wird auch hier sehr schnell gefragt, was denn nun eigentlich das Gute ist, wenn es das Böse nicht gibt und alles Rhythmus ist. Gibt es das Böse, im ontologischen Sinn? Oder brauchen wir nur den Kontrast, also das Böse um das Gute erkennen zu können, erkenntnistheoretisch? Wenn alle einigermaßen finanziell abgesichert, sozial anerkannt, nett und friedlich wären, wäre die Welt vielleicht kein Paradies, aber doch immerhin erträglich. Wären dann alle zufrieden?