Sind wir polare Wesen?
Die Grunderfahrung der Polarität ist der Atem, wie wir sahen. Aber das ist Esoterik. Was bietet die Wissenschaft? Von der Psyche gibt sie uns folgendes Bild: Wir kommen als Wesen mit Affektdispositionen auf die Welt, mit einigen Basisemotionen, fähig anhand dieser auf die Reize aus unserer Umwelt zu reagieren. Die einen schneller und heftiger, die anderen später und gelassener. Jede dieser Welterfahrungen ist für das Kind entweder angenehm, dann trachtet es danach diese Erfahrung zu wiederholen, oder unangenehm, dann versucht das deutlich aversiv reagierende Kind diese Erfahrung künftig zu meiden. Die Erfahrungen mit Welt lassen eine erste Polarität entstehen: Die Summe all dessen, was abgelehnt ist und dessen, was erwünscht ist. Gut und Böse sind so ganz ohne metaphysischen Überbau in der Welt, wenigstens in der Erlebenswelt.
Und das ganze Ziel späterer Entwicklung und Erziehung ist, diese erste Spaltung zu versöhnen, zu vereinen, zu integrieren und wenn das gelungen ist, hat das Kind eine neue Weltsicht erreicht, was die ersten Male geschieht, ohne dass das Kind überhaupt weiß, was eine Weltsicht ist, doch wissen wir aus Experimenten (vor allem von Piaget), dass es seine Perspektive dramatisch verändern kann. Dann ist das Kind auf einer höheren Entwicklungsstufe mit einer anderen Sicht auf die Welt und neuen Fähigkeiten und Möglichkeiten … und, so lehrt uns Ken Wilber, mit neuen Pathologien. Denn bestimmten Zweifel, Sorgen und Nöte treten erst ins Bewusstseins, wenn man bestimmte Stufen erreicht hat. Abschließend zufrieden ist der Mensch also nicht.
Und so sieht man sich wieder in einer Polarität, bestimmte Aspekte der Welt, gleich ob Innen- oder Außenwelt, treten einem wieder als fremd gegenüber, werden erst jetzt erkannt und wollen bearbeitet und integriert werden. Der polaren Sicht auf die Welt wohnt also eine eigene Hierarchie inne, mit unterschiedlichen Inhalten von Stufe zu Stufe. Und auch hier stellt sich auf einmal die Frage, was denn nun, die Rede vom Guten und Bösen wert ist, wenn das eine Frage der Entwicklung ist. Sind Gut und Böse dann nicht relativ oder noch deutlicher gesagt, einfach überflüssig?
Andererseits, wenn es höhere und niedrigere Stufen gibt, sind dann nicht die höheren auch besser? Wieder kommt es darauf an, was man als besser bezeichnet. Höhere Intelligenz ist nur dann besser, wenn man sie als solche bewertet, aber bei einem Betrüger würden wir uns vielleicht wünschen, dass er weniger intelligent ist. Das wäre besser, für uns alle, die wir nicht betrogen werden wollen. Also wäre etwas, was die Stabilität erhält gut? Sicher, in einem gewissen Rahmen mag das sein, aber irgendwann wird Struktur zur Erstarrung, die auf aller Kreativität und Lebendigkeit lastet wie Blei. Gut und böse/schlecht sind einerseits moralische, andererseits dynamische Größen, die sich je nach Situation verändern, aber natürlich wurde versucht daraus ethische Prinzipien zu extrahieren, brauchbar sind einige, unumstritten ist keines.
Schöpfungsmythen
Mythen und vor allem Schöpfungsmythen präsentieren oft ein polares Weltbild. Oft ist die Schöpfung ein Akt der Teilung und Zerstückelung, Schöpfen heißt Teilen, heißt, aus der Einheit eine Polarität zu machen: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“, lautet der Anfang, im alten Testament. Aber nur, um dann aus der Polarität wieder in die Einheit zu kommen. Auch die Einheit ist so ein gefährlicher Begriff, vor allem deswegen, weil es Denker gab und gibt, die die Existenz einer Einheit bezweifeln, Niklas Luhmann bezeichnete dies als „das alte, ontologische Denken“, und Markus Gabriel ist als ein Vertreter des „Neuen Realismus“ einer ähnlichen Auffassung.
Aber selbst wenn es eine Einheit gibt, könnte man fragen: Wozu das alles, wenn nach ihrem Erreichen alles so ist wie vorher? Und eine häufige Antwort ist, dass man auf dem Weg der Entwicklung von einer unbewussten tierhaften Eingebungenheit in die Natur, in der man noch nicht moralisch verwerflich agieren kann, weil kein Sinn für Moral vorhanden ist, in eine entwickelte Einheit kommt, in der man sich aus Einsicht beherrscht. Dann wäre Zivilisation das Ziel, weiter geht der Gedanke der Erleuchtung, bei der Regelkonformität gerade nicht das Prinzip darstellt sondern ein weiser Ausgleich der Pole das übergeordnete Ziel ist.
Yin und Yang
Die daoistische Lehre von Yin und Yang, fußt zentral einerseits auf dem Gedanken des Polarität und andererseits auf dem Dao oder Tao, das die beiden Pole vereint. Im I Ging, dem Buch der Wandlungen, ist die Dynamik der Polarität schön abgebildet. Man kann aus der Polarität deutlich mehr machen, als ein schwarz/weiß-Weltbild und Polarität ist mehr als schwarz und weiß. Aus der Vereinigung der Pole erscheinen neue Ebenen, aus denen sich wieder Polaritäten bilden, auch hier.
Aber was ist mit dem Dao, der Polarität zu den Polaritäten, der Einheit? Wenn wir mit unserem Denken an die Antwort herangehen, sind wir aus kultureller Gewohnheit eher unbefriedigt. Zu unkonkret, bzw., immer wenn man das Dao näher definieren will, zieht es sich zurück und im Daodejing (Tao te king) heißt es an mehreren Stellen recht lapidar, dass man, alles verfehlt und zerstört, wenn man das Dao zu fassen versucht.
Wir sind es gewohnt anders an die Dinge heran zu gehen und auch das ist nicht falsch, nur eben der polare Ansatz. Wir wollen es positivistisch, wollen klären, was gemeint ist, wenn wir einen Begriff verwenden. Das ist an sich auch gut, die Klärung der Begriffe ist eines der Hauptanliegen der Philosophie. Nur kennen wir eben auch Begriffe bei denen im ersten Augenblick und für den Alltagsgebrauch jeder weiß, was gemeint ist, aber wenn man die philosophische Maschine ankurbelt, wird es auf einmal nicht mehr so einfach. „Sein“, „Natur“, „Welt“ sind nur drei beliebige Begriffe, die unbestimmt sind, soll heißen, man kann auch etwas anderes darunter verstehen und keine Deutung hat sich endgültig durchgesetzt.
Nun kann man, wie man es zuweilen hört, ja auch sagen, dass die Philososphie und mit ihr die Gesellschafts-, Geistes- und Sozialwissenschaften ja eher diffus und unpräzise seien. Doch auch in der Biologie, der Wissenschaft vom Leben, ist der zentrale Begriff, nämlich „Leben“, nicht definiert. Und in der Basiswissenschaft Physik tobt der Streit seit Jahrzehnten, man kann den Welle-Teilchen-Dualismus noch immer nicht erklären und während die eine Gruppe meint, alle bedeutenden Physiker seien heute Quantenphysiker, meint das andere Lager gerade das Gegenteil, setzt auf die Mathematik und beides ist völlig unentschieden. Soll heißen, ein positivistischer Ansatz ist nicht falsch, nur an vielen Stellen eben auch nicht erfolgreich.