Supergirl fliegend

Der Wunsch nach immer mehr Perfektion, kann schnell überfordern. © Mike Ownby under cc

Ob es nun eine Ausdruck einer tiefen Polarität oder nur ein Kalenderspruch ist, dass die Extreme sich berühren, oft genug kippt ein heldenhafter Versuch alles im Leben richtig zu machen und das Schlechte des Guten wird offenbar. Was letzten Endes gut oder schlecht ist, ist relativ, man könnte auch sagen: dynamisch. Es muss nicht nur zum Einzelnen, sondern auch zu dessen aktueller Lebenssituation passen. Damit ist im Grunde schon alles gesagt, hinzuzufügen wäre allenfalls noch, dass der Betreffende das nach Möglichkeit noch selbst merken und ansonsten die Augen und Ohren ein wenig offen halten sollte, was wohlmeinend kritische Bemerkungen von Außen angeht.

Aber die Lebensrealität ist heute oft eine andere. Die oftmals turmhohen Ansprüche der Eltern werden früh verinnerlicht, so dass sie zu dem werden, was man als „Ich will das so“ fühlt. Und diese Ansprüche werden als solche oft gar nicht mehr besonders wahrgenommen, weil das Umfeld auch so tickt. Ob brennender Ehrgeiz, die andauernde Warnung, dass die Konkurrenz nicht schläft oder die satte Wucht der Normalität, die uns sagt, dass das eben heute einfach so ist: gar nicht so wenige Menschen sind auf Konkurrenz gebürstet und meinen das nicht mal böse, denn die Welt um sie ist tatsächlich so.

Der Wunsch es gut und richtig zu machen

Und so ist das Motiv, das oft das Schlechte des Guten zum Vorschein bringt, auch kein schlechtes. Man will sein Leben gut und richtig führen, in dieser stets merkwürdigen und individuellen Weise, mit der man versucht fremden und eigenen Ansprüchen, gesellschaftlichen Normen und privaten Vorlieben gleichzeitig gerecht zu werden. Doch da Teile des Außen, seiner Werte und Normen über Internalisierung nach innen dringen und zum eigenen Ich oder Über-Ich werden, spürt man in sich mit der Zeit einen gewissen Druck.

Den Druck in einer Welt zu leben, die etwas kompliziert ist und als Antwort darauf Lösungen präsentiert, die etwas einfach sind. Eine dieser einfachen Antworten lautet: Wenn die Welt wirklich immer ungleicher wird und man schnell abrutschten kann (wenigstens das Gefühl ist in vielen von uns präsent), dann sieh‘ zu, dass du nicht nicht zu den Verlierern gehörst.

Und so strengt man sich an und das ist als Strategie gar nicht schlecht, weil man inzwischen aus zahllosen Büchern und Artikeln weiß, dass Intelligenz nicht alles ist, man mit Fleiß und Disziplin weit kommen kann und das gibt ja immerhin auch Hoffnung, für Menschen, die nicht vor Schönheit, Talent und Intelligenz aus allen Nähten platzen. Aber wenn und weil man meint, dass die Konkurrenz nicht schläft ist es nicht damit getan fleißig zu sein, denn man hört ja immer wieder, wenn man sich umhört und das gehört eben dazu, wenn man vorne dabei sein will, dass man mit vielen jungen Erwachsenen heute nicht viel anfangen kann. In Rekordzeit zum Bachelor durchgestartet, haben sie im Leben wenig gesehen, außer der Schulbank und das soll den eigenen Kindern natürlich nicht passieren.

Und man weiß, dass viele junge Erwachsene etwas linkisch sind, es manchmal schon an den Grundtugenden mangelt und hieran kann man arbeiten. So etwas lernt man in der Tanzschule, beim Reiten oder Sport, oder wenn man früh Praktika macht, gerne auch im Ausland, man mit dem realen Leben konfrontiert wird und so bessert man auch hier nach und verschafft sich und dem Nachwuchs Wettbewerbsvorteile.

Und außerdem ist es ja auch tatsächlich gut, wenn das eigene Kind nicht sozial inkompetent ist, denn auch Teamfähigkeit gehört ja wenigstens offiziell zu den geforderten Eigenschaften, die man haben sollte. Und so verfeinert man sich immer weiter, getrieben von Sorge, hoffentlich manchmal Spaß und oft von Getriebenen.

Und die Eltern?

Viele Eltern, aber auch kinderlose Paare und Singles, haben das Gutseinwollen verinnerlicht. Nicht unbedingt nur noch den Wunsch nach Erfolg, sondern das Leben soll gelingen, man will kein Loser aber auch kein schlechter Mensch sein. Und das eben auch, aber nicht nur karrieretechnisch, denn man weiß, heute zählen, neben dem was inzwischen die meisten drauf haben und was deshalb auch schon wieder out ist, auch die Soft Skills immer mehr.

Und auch da will man nicht außen vor sein, weder die Kinder, noch man selbst, Frau auch nicht. Und so ist der nicht so ganz leicht einlösbare Wunsch in der Welt Supergirl zu sein. Die Stellschraube sind Ernährung, die neue Wunderdiät, Folge 282 und Bewegung, Fitness. Die Top Figur direkt nach der Geburt des einen Kindes, ein „must have“, wird mit Disziplin, Power Yoga und Hormon Yoga erhalten, effektive Entspannung inklusive, daneben auch soziale Kompetenz und ein Interesse für die Welt, aber genau so läuft es nicht, denn ein Interesse an anderen kann nicht im Dienste des Egoismus stehen und dem Wunsch, immer perfekter werden zu wollen. Aber das interessiert nur die eine große Gruppe der Gesellschaft, der anderen ist und kann das egal sein.

Ist es für die Frauen schon aufreibend Supergirl zu werden so hat man doch zuweilen den Eindruck, dass die Männer die tragischeren Figuren in dem Spiel sind. Bei ihnen vor allem deswegen, weil die Erfüllung des von allem etwas Ideals so schwierig ist: oben Vollbart, unten rasiert und mit Waschbrettbauch, dazu die nerdig großrandige Brille, aber voll der liebe Papa und Familienmensch, der dennoch selbstbewusst ist, im Beruf ebenso seinen Mann steht, wie beim Sex und den das irgendwie doch noch Wilde, wenn es gefordert wird auch noch umweht, wenn er die fettarme Hähnchenbrust mit Zucchinischreiben grillt und perfekt im unteranderthalbtausendeurogehtgarnix Grill zubereitet und von den beeindruckten Besuchern Bestnoten für Performance und Geschmack erhält. Wild und manierlich, perfekt kredenzt, in der legeren, aber stylischen Safarihose, mit Taschen über den gut gebräunte, bemuskelten und rasierten Beinen. Wow, oder auch ein Typ, der auf dem besten Weg ist, seine eigene Karikatur zu werden. Der Weg der Selbstoptimierung kann aber in zwei Richtungen gehen und die eine ist dabei durchaus diese: