Herauf dämmernde Zweifel

Zuneigung, mal wörtlich. Ersatz für Verpasstes, eigene Welt oder irgendwie beides? Carl Spitzweg, in Wikimedia under gemeinfrei
Der Anzug kann chic sein, aber man kann das Gefühl haben, dass er irgendwie nicht das ist, was ich will. Im ersten Affekt weist man dann oft alles Etablierte und Konventionelle zurück, will so ganz anders sein, alles anders machen, nur wird man dabei oft schnell ausgebremst. Auch weil einem manches, was konventionell und ein Massenprodukt ist, vielleicht sogar gefällt. Es ist anstrengend bis aufreibend in jeder Lebenslage originell sein zu wollen und es ist nur eine weitere Rolle, es zu müssen. Der Tanz um das goldene Kalb, von der anderen Seite.
Gut ist, sich selbstbewusst aus dem großen Angebot Welt zu bedienen und wenn man die Rollenspiele tatsächlich überwunden hat, merkt man das meistens daran, dass man bunt mischt, Konventionelles und Unkonventionelles, Banales und Spezielles, je nach individueller Neigung und nicht länger den Snob gibt.
Ken Wilber weist darauf hin, dass es ein Unterschied ist, das was möglich wäre in feuchten Träumen gelegentlich zu antizipieren oder dieses Stufe zum Bestandteil der eigenen Psyche zu machen und zu etablieren:
„Das Auftauchen der formal-reflexiven Basisstruktur eröffnet die Möglichkeit der D-5-Selbstentwicklung: eine hochdifferenzierte, reflexive und introspektive Selbststrukturierung. Das D-5-Selbst ist nicht mehr unreflektiert an soziale Rollen und konventionelle Moral gebunden; zum ersten Mal kann es sich auf seine eigenen individuellen Prinzipien von Vernunft und Gewissen stützen (Kohlbergs postkonventionelles, Loevingers gewissenhaft-individualistisches Selbst etc.). Zum ersten Mal kann das Selbst eine mögliche (oder hypothetische) Zukunft konzipieren (Piaget) mit ganz neuen Zielen, neuen Möglichkeiten, mit neuen Wünschen (Leben) und neuen Ängsten (Tod). Es kann mögliche Erfolge und Misserfolge abwägen auf eine Art, die es sich zuvor nicht vorstellen konnte. Es kann nachts wachliegen vor Sorge oder Begeisterung über alle seine Möglichkeiten. Es wird Philosoph, ein Träumer im besten und höchsten Sinn; ein innerlich reflexiver Spiegel, staunend über seine eigene Erkenntnis. Cogito, ergo sum.
„Identitätsneurose“ bezeichnet spezifisch alle Dinge, die beim Auftauchen dieser selbstreflexiven Struktur schiefgehen können. Ist sie stark genug um sich von Regel/Rollen-Geist freizumachen und für ihre eigenen Gewissensprinzipien einzustehen? Kann sie, wenn nötig, den Mut fassen, nach einer eigenen Melodie zu marschieren? Wird sie es wagen, selbst zu denken? Wird sie von Angst und Depressionen erfasst angesichts ihrer eigenen Möglichkeiten? Diese Dinge – die leider von vielen Theoretikern der Objektbeziehungen auf die D-2-Dimension von Trennung und Individuation reduziert werden – bilden den Kern des D-5-Selbst und seiner Identitätspathologie. Erikson (1959, 1963) hat die vielleicht definitiven Studien über die D-5-Selbstentwicklung geschrieben („Identitiät vs. Rollenkonfusion“). Hier kann nur die Beobachtung hinzugefügt werden, dass philosophische Probleme ein integraler Bestandteil der D-5-Entwicklung sind und philosophische Erziehung ein integraler und legitimer Bestandteil der Therapie auf dieser Ebene ist.“[1]
Die Philosophie ist auf dieser reflexiven Ebene gleich mit eingepreist und dann machen wir doch da mal weiter.
Die gesellschaftliche Komponente und das ethische Dilemma
Wir leben in einer angespannten Zeit, wie in Verunsicherung oder Weltuntergang bereits thematisiert. Eine irgendwie verständliche Gegenreaktion auf die Verunsicherung, wenn auch zu früh abgebogen, ist der Fundamentalismus. Ein klares Bekenntnis zu bestimmten Werten, die einem Halt und Sicherheit geben. Aber auch das ist nichts für alle und nicht für die Menschen, um die hier geht.
Wie in Besser und schlechter oder nur anders? – Die Entwicklungsstufen der Weltbilder ausgeführt, ist nicht ganz klar, ob Entwicklung nun bedeutet: zum Höheren und irgendwie Besseren oder ob Entwicklung eher immer währende Anpassung an immer neue äußere Bedingungen ist. Favorisiert man die erste Version, dann kann man zu der Idee gelangen, zu der viele Menschen, die sich mit den Themen, Entwicklung, Psyche, Gesellschaft und Umwelt beschäftigt haben, durchaus kamen, dass nämlich an vielen äußeren Problemen, vom Hunger in der Welt, über Kriege bis zur Umweltzerstörung, die Frage nach dem Bewusstsein mindestens einen kräftigen Anteil hat.
Wenn man sich die Situation heute anschaut, dann kommen manche zu der Einschätzung, dass es knapp werden könnte, was das Überleben der Menschheit angeht. Dabei wäre eben vieles en passent zu lösen, wenn nur mehr Menschen entwickelter wären, bewusster und achtsamer lebten. Daraus ergibt sich so etwas wie ein ethischer Imperativ, die Bewusstseinsentwicklung der Menschen etwas zu forcieren, soweit dies möglich ist. Dass es möglich ist und wie, davon ist unter anderem der oben zitierte Ken Wilber überzeugt und mit ihm die integrale Bewegung, mit der der Autor sympathisiert.
Auf der anderen Seite ist dies nicht meine einzige Sympathie und so sehe ich mit Sorge, was Hektik, Perfektionismus und dauernde Überforderung im Leben anrichten und wie wichtig es ist, die Jahre, in denen man meint nun endlich den Dreh gefunden zu haben und mit dem Leben einverstanden ist, zu genießen. Denn so schlicht der Satz: „Wer nicht genießen kann, wird schnell ungenießbar“ klingt, auch er ist wahr und da es bei uns – ich glaube, mit vielen guten Gründe – um das Individuum geht, soll dieses auch ein Recht darauf haben, sein Leben zu genießen. Und die Botschaft: Genießt euer Leben, aber gebt Gas dabei, ist irgendwie oft gegensätzlich.
Und auf irgendeiner Stufe der Entwicklung ist dann eben auch Schluss und Menschen zu bedrängen, sich weiter zu entwickeln, ist dann purer Stress, der Frust auf allen Seiten hervorbringt, aber mit Sicherheit keine bessere Welt.
Wie könnte eine Lösung aussehen?
Wir leben in einer Zeit des Hypes. Singender Superstar oder Supermodel soll und will man werden und dafür tun wir Menschen was. Alles wird benotet, im Moment: ob man kocht, heiratet oder Freunde einlädt. Lebenslang ausgedehnte Schule. Auch Entwicklung könnte man hypen, mit den Möglichkeiten unserer Zeit. Natürlich bedient das genau die ziemlich stereotypen Rollenbilder, die wir nun schon etwas über die Schmerzgrenze strapazieren. Exemplarisch hier Böhmermanns Rund-um-Gegenschlag zur deutschen Pop-Industrie, die supermegaauthentische Produkte nach Schema F raushaut, die allesamt so echt, so real, so deep sind, wie Margarinewerbung. Dass nicht mal das so richtig schwarz und weiß ist, zeigt auch diese Reaktion auf die „Eier aus Stahl“. Und so brechen und überlagern sich die Vorstellungen von dem, was man mögen darf und muss ein weiteres Mal und kumulieren in der Frage, was eigentlich meins ist.
Es wäre schön mehr davon zu hören, Modelle und Vorbilder dafür zu haben, wie man mit den Extremen der radikalen Erfüllung von Rollen und Klischees und ihrer ebenso radikalen Zurückweisung anders umgehen kann, reifer, selbstbewusster. Sich die Frage warum man will, was man will zu stellen, ist keinesfalls vertane Zeit, sondern heißt das Trainingsgelände zu betreten, auf dem die reflexive Struktur immer fitter wird. Die reflexive Struktur zu etablieren und die Arbeit an sich, ist in dem Sinne ein Dienst an der Menschheit. Ein Dienst, der lustvoll sein kann, denn ein reflexives Leben zu führen, heißt, ein reicheres Leben zu führen. Sich eine Zeit lang im Klischee und Kitsch zu suhlen ist auch okay, wenn es das Lebensgefühl ist. Diejenigen, die zu mehr Lust haben, können ja dann Gas geben, wenn sie den Ruf in sich vernehmen. Alles weitere geht nur in individueller Regie und Verantwortung, aber es spricht viel dafür dass wir einander vertrauen dürfen, wenn dieser Drehpunkt 5 erst mal erreicht ist.
Danach darf es auch gerne mal exzentrisch weiter gehen und gar nicht so selten scheint es so zu sein, dass die vorgebliche Ersatzhandlung, der Mangel, zuweilen, das am Ende reichere und glücklichere Leben hervorzubringen in der Lage ist. (Niemand hat das so facettenreich eingefangen, wie Carl Spitzweg.) So ist das Schlechte des Guten auch zu umgehen. Irgendwann kam man nicht mehr mit, wollte oder konnte nicht mehr alles richtig machen, stieg aus oder musste aussteigen, aus dem ewigen Wettlauf und ließ sich einfach fallen, in ein Leben, das das eigene war.
Quelle:
- [1] Ken Wilber, Das Spektrum der Psychopathologie, in: Wilber, Engler, Brown et al., Psychologie der Befreiung, Scherz 1988, S.125