Kind zeigt auf anderes Kind

„Da …“ © Patrick W. under cc

Das Zeigen ist kinderleicht. Buchstäblich. Kleine Kinder, so um ein Jahr, zeigen auf Bilder in einem Buch und unterstreichen die Geste oft mit einem „Da“. Die Geste des Zeigens ist so fundamental, dass sie einem unserer Finger, dem, der am häufigsten benutzt wird, seinen Namen gegeben hat: dem Zeigefinger.

Das Zeigen macht nur Sinn in einer Umgebung, in der man auch verstanden wird. Wer einfach „Da“ sagt und auf etwas deutet was er haben oder erklärt haben möchte, dessen Geste aber unerhört bleibt, der wird die Gestikulation irgendwann einstellen, da sie sinnlos ist. Das Zeigen setzt also einerseits eine verstehende, aber andererseits auch erklärende Umwelt voraus. Auf das „Da“ folgt Mutters Erklärung, dass das da ein Hund ist, dies Papas Auto und jenes eine Zitrone.

Heutige Kommunikation ist ein Kompositum aus einerseits gesprochener Sprache, die es uns ermöglicht abstrakte Welten zu erschaffen und zu beschreiben, anderseits hat Kommunikation noch eine ältere Wurzel, das Affektsystem, das es höheren Säugetieren erlaubt eine gezielte, auf das Individuum zugeschnittene Brutpflege zu betreiben. Beides ist heute untrennbar miteinander verbunden, so dass wir Mimik, Gestik, Tonfall und Begriffe in einem Fluss und kombiniert einsetzen. Es fällt uns jedoch heute noch auf, wenn Wortinhalt und Körpersprache nicht zusammenpassen.

Praktisch einfach, theoretisch schwer

Etwas was jedes Kind kann, verbirgt den Teufel gerne im Detail, so auch hier. In der Forschung zur künstlichen Intelligenz (KI) und Robotik hat sich das sogar bis zum Begriff von Moravec’s paradox herauskristallisiert, in dem gesagt wird, dass all das von dem man zuvor dachte, es sei ungeheuer schwer, wie hochkomplexe Logik, sich als leicht erwiesen hat – Computer besiegen uns heute problemlos und schon seit zig Jahren im Schach, neuerdings auch im intuitiveren und viel komplexeren Go oder bei Quizsendungen – allerdings erweisen sich Alltagsleistungen, die eben tatsächlich jedes Kind beherrscht, als ungeheuer schwer, weil das, was man intuitiv und auf den ersten Blick versteht, erstaunlich schwer zu formalisieren ist. Arm und Couch zu unterscheiden, etwas was umfällt aufzufangen, ins Badezimmer zu gehen und Spiegel zu holen, sind Akte, an denen sich die KI-Forscher immer wieder die Zähne ausbeißen.

„Das da“ hat genau wie „Ich“, „Jetzt“ und „Hier“ keine absolute Größenordnung, denn wenn der Autor „Ich“ sagt, ist dieses „Ich“ ein anderes, als wenn der Leser es sagt. Ist doch klar, zeigt aber, dass „Ich“ je nach Situation immer jemand anders ist. Wir verstehen das problemlos, aber der Akt als solcher ist hochkomplex, weil er keiner einfachen Wort-Welt-Bedeutung entspricht, in der „Ich“ immer der Autor genau dieses Textes hier ist.

Wenn „Ich“, „es“ oder „das da“ auch keine zeit- und ort- und sprecherlose Zuordnung haben, so heißt das auf der anderen Seite keinesfalls, dass die Zuordnung beliebig wäre. Bei der Gegenüberstellung eines Augenzeugen ist es schon wichtig, wer genau mit „der da“ gemeint ist. Es gibt nur wenig fixe Parameter, die immer dabei sein müssen, um etwas zu erkennen. Wenn ein Stuhl auch gewöhnlich vier Füße hat, würden wir einen dreibeinigen ebenso problemlos als Stuhl erkennen, Roboter nicht zwingend. Das „das da“ ist ein flexibler Akt und dass es ein solcher ist und wir ihn dennoch und auch das verstehen – dass er flexibel ist –, zeichnet uns aus.

Zeigen trennt Mensch und Tier

Auf etwas zu zeigen impliziert die Geste zu verstehen – sowohl der Zeigende, als auch der, der etwas gezeigt bekommt, müssen den gestischen Akt verstehen – und wir können die Entfernungen unterscheiden.

Das berührende Zeigen:

Das liegt dann vor, wenn wir direkt mit dem Finger auf das deuten, was wir meinen. Die Ich-Geste, mit der wir direkt auf unser Brustbein (oder Herz?) deuten, oder Kinder auf die Bilder in ihrem Buch oder der Patient auf eine schmerzende Stelle.

Allerdings meint auch die direkte Berührung nicht immer das Berührte. Tippen wir uns auf die Stirn und zeigen jemandem einen Vogel, wollen wir auf keine Besonderheit an unserer Stirn hinweisen, sondern dem Anderen bedeuten, dass er spinnt.

Das nahe Zeigen:

Es gibt ein Zeigen auf nahe oder mittlere Entfernung, das man bei Experimenten mit Tieren verwendet. Man stellt verschiedenen Tieren zwei Kisten hin, in einer ist Futter, in der anderen nicht. Deutet nun ein Mensch auf die Kiste mit dem Futter, so verstehen einige Tiere diese Geste, andere nicht. Oft erwartet man, dass die Tiere gemäß der ihnen zugeschriebenen Intelligenz der Menschenähnlichkeit abschneiden, also Affen am besten. Doch das ist nicht der Fall. Hunde schneiden weitaus besser ab, man erklärt das damit, dass sie über Generationen der Domestizierung gelernt haben, die Gestenn des Menschen zu verstehen. Überraschend gut schnitten aber auch afrikanische Elefanten ab, die nie in dem Stil domestiziert wurden. Vielleicht sind sie aber auch deshalb so gut, weil sie einen Rüssel haben, mit dem sie ebenfalls zeigen könnten, ob sie es tun, weiß ich nicht.

Das ferne Zeigen:

Das ferne Zeigen ist vielleicht der schwierigste Akt. Denn wenn wir auf etwas deuten und ein Ziel in weiterer Ferne meinen, darf der andere nicht auf unseren Finger schauen, sondern er muss begreifen, dass wir mit der Zeigegeste eine gedachte Linie meinen, die an unserem Auge beginnt und über die ausgestreckte Fingerspitze gedanklich zu verlängern ist, bis man auf ein fernes Objekt in der Verlängerung trifft, das gemeint ist.

Tiere zeigen nicht und lassen sich auch nichts zeigen. Wenn domestizierte Haustiere das nahe Zeigen noch verstehen, so doch das ferne Zeigen eher nicht. Wir lassen uns etwas zeigen und beibringen, die Worte sind mitunter synonym. „Komm‘, ich zeig es Dir“, meint zuweilen, dass man es dem anderen erklärt und beibringt, „Dir werd‘ ich’s zeigen“, ist jedoch eine Drohung, immerhin so zu verstehen, dass man dem anderen mal nachdrücklich erklärt, was er falsch gemacht hat.

Affen verstehen die Zeigegeste nicht, sie zeigen selbst nicht und zeigen zwar im übertragenen Sinne dem Nachwuchs bestimmte Praktiken, interessieren sich aber nicht dafür, ob diese auch begriffen wurden. Entweder die anderen können nun auch, was ihnen gezeigt wurde, oder eben nicht. Individualförderung, so dass man sieht, wer an welcher Stelle seine Schwierigkeiten hat und wo der Punkt ist, an dem jemand aussteigt, ist ihre Sache nicht.

Wort oder Geste: Was war zuerst?

„Die Zeigegeste steht am Anfang der Kommunikation“, sagt Ulf Liszkowski vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen. Mit ihr kann das Kind ausdrücken, was es haben möchte. „Wir lernen Kommunizieren nicht erst durch Sprache, sondern schon durch vorsprachliche Gesten“, sagt Liszkowski. „Sie schaffen im Bewusstsein eine Infrastruktur, die von der Lautsprache genutzt wird.“[1]

zeigendes Mädchen

Zeigen ist kinderleicht und dennoch ein sehr komplexes Geschehen. © Denis Defreyne under cc

Das ist intuitiv einsichtig. Erst sieht man etwas, was man nicht kennt, dann deutet man darauf. Aber wie kann man hinweisend, meinend, absichtsvoll auf etwas deuten, wenn man das Bedeutete nicht schon kennt? Auch wenn es nur in sehr rohen Kategorien ist, wie Nahrung oder Gefahr. Die Erklärung ist kompliziert, im Ergebnis lautet sie, dass hinweisende Gesten zu verwenden voraussetzt, bestimmte Sprachspiele zu beherrschen. Kürzer: Deixis setzt Anapher voraus.

Gemeint ist eine Analogie zu jenem Gedankengang. Wenn wir die Dinge der Welt benennen und erkennen, etwa, dass A größer als B ist, dann kann dieser Vergleich, diese Fähigkeit Relationen diverser Art zuzuschreiben, nicht aus der Beobachtung allein erklärt werden. Um etwa die unterschiedliche Länge zweier Stöcke zu bemerken und den einen als länger zu erkennen, muss ich die Fähigkeit des Vergleichens schon mitbringen.

Marion geht Schwimmen. Sie hat das Schwimmen erst vor wenigen Wochen gelernt.

Sie, bezieht sich auf Marion und ist in dem Fall die Anapher. Die Anapher ist ein Rückwärtsbezug in einem Text. Die Anapher deutet sprachlich auf etwas, in einem Text – ob geschrieben oder gesprochen ist egal – Deixis oder die deiktische Handlung, zum Beispiel das Zeigen auf etwas, ist der Verweis auf etwas außerhalb eines Textes.

Aber wenn ich auf „das da“ zeige, dann ist das zwar ein Ding in der Welt, aber gleichzeitig eingebunden in eine Sprachpraxis. Die Entstehung der Sprache ist nicht allein dadurch zu erklären, dass alle Dinge der Welt (im Geiste) Zettelchen angeheftet bekommen, sondern um dies zu können, muss schon einiges vorausgesetzt werden.

So zum Beispiel, etwas aus seiner Umwelt als Einzelding gedanklich herauszutrennen. Das ist für uns, wie wir sahen, kinderleicht, nur wissen wir nicht genau warum. Wenn jemand mit einem schwarzen Hemd in einem schwarzen Sessel sitzt, so dass Arm und Lehne optisch nahezu verschmelzen, so wissen wir doch, dass zwischen Hand und Kopf ein Arm liegt und haben keine Probleme dessen Position zuzuordnen. Weil wir wissen, dass Menschen Arme haben und auch wissen, wie diese verlaufen und obendrein, wie diese gehalten werden. Abweichungen würden uns sofort auffallen und dennoch würden wir jemandem dem ein Arm fehlt sofort als Mensch erkennen. Der Roboter weiß eben nicht von sich aus, wie Menschen aussehen und sich bewegen und wann jemand immer noch ein Mensch ist.

Wir wissen aber auch, dass der Sessel nicht der Teppich ist und wo genau der Übergang beginnt, weil wir eben Bilder eines Sessels im Kopf haben und wissen, dass der auch anderswo stehen könnte, was wiederum voraussetzt zu wissen, dass er nicht mit dem Teppich verbunden ist, anders als der Baum, der nicht einfach auf der Erde steht, sondern in dieser tief verwurzelt ist. Wir wissen, dass immer mehr Sandkörner irgendwann einen Haufen bilden und immer mehr Bäume einen Wald und kennen weitere, feine Differenzierungen.

Evolutionäres Erbe und philosophische Probleme

Bestimmte Einzeldinge zu erkennen ist evolutionär sinnvoll. Den Jäger, die Beute, den paarungswilligen Partner, Schutz, Nahrungsquellen, die Bedürfnisse der Nachkommen, all das sollte man erkennen. Aber auch Entfernungen sollte man abschätzen können, den Rest kann man ignorieren. Da wir Emotionen erkennen, ist es vorstellbar, dass das erregte Zeigen auf etwas, was vielleicht eine große Gefahr ist oder jede Menge Nahrung bedeutete, vom anderen auch verstanden wird, in dem Sinne, dass er das in mir als besonders erlebte Objekt auch auffallend und besonders findet. Sonst landet das Zeigen im Leeren, selbst wenn der Blick des anderen der gedachten Linie folgt.

Der Philosoph Willard Van Orman Quine machte uns darauf aufmerksam, dass selbst wenn wir auf etwas zeigen und der andere das Gezeigte erkennt und möglicherweise namentlich benennt, wir keineswegs sicher sein können, dass man dasselbe meint. In seinem Beispiel begibt sich ein Kulturforscher zu einem Eingeborenenstamm um dessen Gepflogenheiten und Sprache zu lernen. Es kommt ein Kaninchen daher gehoppelt und der Häuptling des Stammes sagt: „gavagai“.

Damit ist klar, dass „Kaninchen“ in der Sprache des Stammes „gavagai“ heißt, besonders wenn der Sprachforscher beim nächsten Kaninchen „gavagai“ sagt und zustimmende Gesten erntet. Oder? Quine machte deutlich, dass wir hier nicht sicher sein können. Denn es könnte ebenso gut nur das Fell, der Schwanz oder das Auge des Kaninchens gemeint gewesen sein oder das Kaninchen begleitende Fliegen, „gavagai“ könnte aber auch ein Ahnengeist sein, der sich als Kaninchen verkörpert, ein böses Omen und das Abendessen.

Sprache zu lernen ist immer Spekulation. Auch wenn das, was wir als Bedeutung unterstellen, von den anderen zustimmend anerkannt wird, kann man theoretisch auf dem falschen Weg sein. Irgendwann werden die Unwuchten auffallen, je mehr Sprache man beherrscht. Dann kann man nachfragen und klären, was der andere meint. Das gilt auch für das Zeigen: „Was genau meinst Du?“

Wird ein Kind in eine Welt ausdifferenzierter Sprachpraktiken mit Begriffen, Mimiken und Gesten geboren, gibt es Korrekturmöglichkeiten, doch am Beginn der Sprachentstehung gab es die Möglichkeit nachzufragen, was nun genau gemeint war, nicht. Ob wir den Anfang der Sprachentstehung jemals verstehen, wird die Zeit … zeigen.

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