Die Herzneurose oder Herzangst ist eine organisch nicht begründbare Angst davor, an einer latent oder akut gefährlichen Herzerkrankung zu leiden, vor allem, unmittelbar vor einem Herzinfarkt zu stehen.
Die organische Nichtbegründbarkeit ist der Knackpunkt und wie bei nahezu allen Erkrankungen aus dem psychosomatischen Spektrum, auch das was der Herzneurotiker zunächst nicht einsehen kann. Wie schlägt Ihr Herz gerade? Merken Sie es? In aller Regel bemerken wir unseren Herzschlag nur im Rahmen großer körperlicher Anstrengungen, nach einem größeren Schreck oder großer Angst, sonst nicht. Wenn Sie genau drauf achten, können Sie Ihren Herzschlag vielleicht auch jetzt bemerken. Herzneurotiker bemerken ihn in schweren Fällen immer.
Das ist zwar organisch ohne pathologische Ursache, aber oft nicht ohne Grund. Vielleicht erlebte man eine Situation mit großer Angst, die man nicht verarbeiten konnte, vor noch nicht zu langer Zeit oder lange zurückliegend, oft irgendwann in der Kindheit. In so einer Situation schlägt das Herz, aber hier erscheint es angemessen, da man eben Angst hat und der Körper wachsam ist und uns auf Kampf oder Flucht vorbereitet. Ist die Situation vorbei, ist scheinbar wieder alles gut. Da die Psyche im allgemeinen robust ist und viele, auch belastende Eindrücke gut verarbeiten kann, erledigt sich das einer Vielzahl von Fällen, im wahrsten Sinne im Schlaf, die Sache ist vorbei.
Ganz anders beim Menschen mit Herzangst, der sich eines Tages in einer vermeintlich harmlosen Situation wiederfindet und auf einmal bemerkt, dass sein Herz kräftig schlägt, vielleicht kurz stolpert oder schneller als gewöhnlich pocht. Da es in der Situation keinen erkennbaren Grund gibt, weil eigentlich man in keiner unbekannten oder gar angstbesetzten Situation ist, löst das unbekannte Gefühl jetzt bei einigem Menschen Sorge aus. Was ist da los? Der erste Impuls ist verständlich: Die Menschen, die das Erlebnis nicht vergessen können, sind nun besorgt, irritiert und haben Angst, begreiflicherweise, um ihr Herz. Gewöhnlich geht man nicht gleich zum Arzt, sondern wartet erst mal ab. Vielleicht war es ja nur ein Ausrutscher. Beim Herzneurotiker ist es keiner, das merkwürdige Ereignis kommt wieder, die Sorge vergrößert sich, was ist da los?
Man checkt kurz durch, welche Risikofaktoren man hat: Alter, Geschlecht, Rauchen, Vorerkrankungen, Blutdruck, Stress, Cholesterin, Lebensstil all das hat einen vielleicht vorher nicht so interessiert, weil er Körper ganz gut funktionierte, aber irgendwie ist da das beängstigende Gefühl, dass da irgendwas nicht stimmt. So ganz genau möchte man es aber eigentlich in den meisten Fällen doch nicht wissen, wird schon wieder. Man googelt was helfen könnte, versucht sich etwas weniger anzustrengen, Stress zu vermeiden, schließlich hat bisher immer jede Menge ausgehalten. Mal ist die Sorge etwas größer, mal gibt es Momente in denen sie weg ist, man nimmt pflanzliche Beruhigungsmittel, erforscht, ob da kürzlich irgendwas war, doch wenn man sich online informiert hat, kennt man auch die Symptome von Herzerkrankungen, achtet gewöhnlich nun auch auf diese und wenn man sich einer Region, einer Missempfindung, einem Schmerz oder einer Spannung zuwendet, werden sie zunächst erst mal größer. Beim Herzneurotiker ist das auf alle Fälle so.
Bei Menschen mit Herzangst verschwindet die Sorge nicht, sie kommt und geht, geht und kommt, wird immer drängender, quälender und trotz aller Beruhigungs- und Entspannungsverfahren, die man sich vielleicht selbst verordnet hat. Wenn es nicht besser wird, kommt der Tag, an dem man kapituliert und der Realität ins Auge sehen muss, ein Tag, der oft mit schlimmsten Befürchtungen einhergeht, man entscheidet sich, zum Arzt zu gehen.
Der Gang zum Arzt
Auch Ärzte nehmen die Symptome eines drohenden infarkts berechtigterweise ernst, so dass der Erstkontakt nicht selten ein Notfallkontakt während einer erneuten Attacke ist. So oder so, wenn es sich um eine Herzneurose handelt, ist die Befürchtung maximal und der Patient denkt, dass dies der Tag ist, der sein Leben für immer verändern wird, der Gang zum Arzt ist für viele Herzneurotiker daher der Gang zum Schafott. Umso überraschender dann die Diagnose, die im Fall der Herzneurose stets lautet: Da ist nichts!
Ein erlösende Botschaft und für einige wenige so erlösend, dass sich die ganze Anspannung auflöst und man sich allerhöchstens ärgert, dass man sich so lange gequält hat und nicht schon eher zum Arzt ging. Das ist der optimale Verlauf. Eine Variante davon besteht darin, dass man sich von nun an in regelmäßigen Abständen vom Arzt bestätigen lässt, dass man herzgesund ist und so bestimmte Ängste im Zaum halten kann.
Es kann aber auch sein, dass jemand erleichtert nach Hause kommt, tief durchatmet, sich freut, dass alles gut ausgegangen ist und 14 Tage später die nächste Attacke bekommt. Auf einmal sind die Sorgen wieder da, dazu noch Zweifel an der Kompetenz des Arztes. Die Maschine rollt wieder. Ruhe- und Belastungs-EKG macht noch der Hausarzt, Befund: Alles soweit okay. Nach zwei, drei weiteren Attacken kommt vielleicht die Überweisung zum Spezialisten, dem Kardiologen. Dasselbe Prozedere, dazu Sonographie des Herzens, Blutuntersuchung, vielleicht 24 Stunden EKG, alles soweit unauffällig. In die zwischenzeitliche Entlastung mischen sich aber zugleich Zweifel und Scham. „Ich bilde mir doch nichts ein. Da ist doch wirklich was.“ Auch hier gibt es die stille Choreographie des „richtigen Krankseins„, die nicht goutiert, wenn man „nichts hat“.
Das Herz ist da ein dankbares Organ, weil es sogleich ein Feedback gibt. Wendet man sich ihm zu, spiegelt es sogleich die emotionale Situation. Das tut es eigentlich immer, nur bemerkt man es normalerweise nicht. Der Herzneurotiker schon, er steht in immer engerem Kontakt zu seinem Herzen, leider in einer etwas pathologischen Beziehung. Die Herzneurose wird oft nicht oder spät diagnostiziert. Der Grund ist das ewig gleiche Dilemma. Der Patient fühlt sich nicht ausreichend ernst genommen und denkt, sein Arzt würde ihn ebenfalls nicht ernst nehmen, was in einigen Fällen durchaus sein kann, weil auch Ärzte mit psychosomatischen Erkrankungen oft nichts Rechtes anzufangen wissen. So tauscht man sich, da auch der Arzt die, ebenfalls manchmal berechtigte, Sorge hat seinen Patienten zu verlieren, eher auf der Ebene der Symptome, Beschwichtigungen („Machen Sie Sich keine Sorgern“) und was man jetzt noch machen könnte (ein paar Tage Urlaub), aus. Spätestens jetzt wäre eine Psychotherapie angezeigt, aber hier sind wir mitten im Dilemma, weil viele „psycho“ immernoch mit „Sie bilden sich was ein“ übersetzen.
Die Aufmerksamkeitsvergrößerung
Aber trotz exotischer Tests und stärkeren Beruhigungsmitteln bleibt das Problem oft erhalten und die Aufmerksamkeit die man dem Herzen schenkt, begleitet in schweren Fällen so ziemlich jede Lebenssituation. Es gibt eigentlich nichts mehr, was so richtig schön und entspannend ist, da jede körperliche und emotionale Anspannung das Herz stärker und schneller klopfen lässt, misst man auch noch unaufhörlich Blutdruck und Puls wird die Sache nur schlimmer, der Nachteil ist, man spürt den Puls auch so die ganze Zeit. Ist man einmal in diese Richtung sensibilisiert, wird man immer besser und bekommt nun jede Reaktion des Herzens mit.
Dass man auf sein Herz hört, ist schon richtig, nur ist es die falsche, weil vordergründige Ebene. Das Herz gehört ja zu mir, Psychosomatik, richtig verstanden, heißt ja, dass Psyche und Soma (Körper) eine Einheit sind. Die feinen Reaktionen des Herzens, auf die man so gedrillt ist, sind die eigenen Reaktionen. Das Herz reagiert, weil ich reagiere, es hüpft, stockt oder pocht, weil in mir, in meiner Gefühlswelt gerade etwas passiert, im Falle einer Herzneurose leider oft etwas, was mit Sorge und Angst zu tun hat oder so übersetzt wird.
Die Herzneurose ist entgegen den allermeisten anderen psychischen und/oder psychosomatischen Erkrankungen eine, die überwiegend (zu etwa 60%) Männer befällt. Männer sind nicht besonders darauf trainiert auf sich und ihre Psyche oder ihrem Körper zu achten, die Angst ums Organ trifft sie daher auch auf einer anderen Ebene wie ein Stich ins Herz, weil das Herz ein Zentralorgan der Leistungsfähigkeit ist. Ihre Leistungsfähigkeit zu verlieren ist etwas, was gerade Männer besonders beeindruckt und trifft, hier werden sei hellhörig.
Die Herzneurose ist nicht immer eine Neurose

Eine Darstellung des Herzschlags in der Medizin. © Juhan Sonin under cc
Der Name Herzneurose hat sich zwar eingebürgert, Herzangst wäre aber treffender, schon weil die Herzneurose gar nicht immer eine Neurose ist. Eigentlich ist die Herzneurose ein Hybrid, das heißt, sie umfasst mehrere Krankheitsbilder. Hypochondrie, Organneurose, Angst– und Panikstörungen, später auch gerne mal mit Depressionen versehen, weil nichts im Leben mehr Spaß macht, wenn die in schweren Fällen sehr belastende Erkrankung länger andauert. Sie kann oft auch im Rahmen schwerer Persönlichkeitsstörungen vorkommen.
Doch der nächste Schritt ist für alle betroffenen Menschen schwierig, die Übersetzung von dem Gefühl eine organische Erkrankung zu haben in das Empfinden dafür, dass es die Psyche ist, die sich hier ausdrückt. Schwierig deshalb, weil man ja den Körper, das Herz merkt, immer und immer wieder und sich zunächst auch schwer vorstellen kann, dass es nicht das Herz sein soll, sondern eine psychische Spannung. Dem einen gelingt es schneller, dem anderen langsamer.
Für einige ist es eine Offenbarung und Erlösung. Da die Angst, dass man herzkrank ist bei der Herzneurose groß ist, ist man dankbar, wenn dies nicht der Fall ist, aber die Geschichte ist damit noch nicht vorbei, denn nun muss man sich ja der Psyche zuwenden, da hier der Hund begraben liegt und man in der Regel keine Ahnung hat wie es nun dort weiter gehen, sprich, was man machen soll. Dabei muss man verschiedene Schweregrade der Herzangst unterscheiden.
Der leichte Grad der Herzangst
Der leichte Grad ist harmlos und in aller Regel schnell vorbei. Das sind jene Fälle, in denen den Hausarzt sagt, dass alles in Ordnung ist, ein wenig Entspannung und ein paar Tage Urlaub empfiehlt und dann ist alles gut. Das zugrunde liegende Ereignis war nicht lange und intensiv genug, um tiefe Spuren in der Psyche zu hinterlassen. Man schüttelt sich und bald ist das Ereignis wieder vergessen, eventuell hat man eine Kurzzeittherapie gemacht oder eiinen Volkshochschulkurs besucht, in denen man ein wenig lernte zu entspannen und seine Gedanken zu kontrollieren.
Doch nicht alle Fälle verlaufen so mild.
Der mittlere Grad der Herzangst
Wie erwähnt ist das Problem, dass man bei einer Herzneurose, das was man nicht hat, dennoch ständig merkt – ein Problem in der Herzregion. Vielleicht ist man auch hier nach dem Arztbesuch erleichtert, denkt ein paar Tage an nichts Böses und dann kommen plötzlich unerwartet die Symptome wieder. Man ist irgendwo beim Einkaufen, bei der Arbeit, hat sich vielleicht körperlich etwas, aber auch nicht zu viel angestrengt und wie aus heiterem Himmel sind da doch wieder die Beschwerden. Es pocht, es wird eng, man atmet schwer, das Herz beginnt schneller zu schlagen, vielleicht beginnt man zu zittern oder zu schwitzen, in diesen Fällen ist Unruhe nicht mehr das richtige Wort, eine große Sorge und Angst ist im Spiel, vor allem ist man niedergeschlagen, weil man dachte und hoffte, es sei nun alles weg, zumindest besser. Dann wieder die Anfälle aus heiterem Himmel. Man wird dünnhäutiger, unsicherer, ängstlicher.
Es kommen Zweifel auf, ob der Hausarzt noch der richtige Ansprechpartner ist, schließlich wird man seine Symptome nicht los. „Der hat keine Ahnung, glaubt mir nicht oder nimmt mich nicht ernst“, könnten Phantasien sein, die auftauchen. Man erwägt zum Spezialisten zu gehen, die Beruhigung ist größer, wenn der auch nichts findet, was aber nicht zwingend bedeutet, dass die Symptome damit weg sind. Es kann helfen, wenn einem eine fachliche Autorität sozusagen Absolution erteilt, da dies einen starken Placeboeffekt auslöst, aber nicht immer reicht das aus.
Es gibt einen weiteren psychischen Knacks, wenn die Ereignisse aus heiterem Himmel nicht aufhören, das Selbstvertrauen schwindet, man hat das Gefühl, nicht mehr der zu sein, der man mal war und beginnt schleichend etwas zu verzweifeln, weil man nicht weiß, was man jetzt tun soll. Wenn man Glück hat, bekommt man Wind davon, dass es sich um ein psychisches Problem handeln könnte, doch das heißt nicht unbedingt, dass man auch daran glaubt, zu eindeutig manifestiert sich das Problem am Herzen und oft meint man auch, nicht der Kandidat für psychische Probleme zu sein, weil man sich bisher eher als stark erlebt hat. Da gäbe es andere und denen geht es doch auch gut.
Beim mittleren Schweregrad verschwinden die Probleme nicht ohne weiteres, sie treten öfter auf und schütteln den Betroffenen kräftig durch, Angst und Ohnmachtsgefühle schwappen manchmal über in Paniksituationen, die noch mehr verunsichern. Vielleicht braucht nicht jeder eine Psychotherapie, manche können sich mölicherweise auch am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen, indem sie ihr Leben radikal und nachhaltig verändern, sich anders ernähren, entstressen, regelmäßig Sport machen und wieder neue Erfolgserlebnisse zu haben und das Gefühl, dass aus der Ohnmacht wieder Kontrolle wird. Wenn die Versuche in Eigenregie nicht schnell besser werden, sollte man sich zum Psychotherapeuten bewegen.
Der schwere Grad der Herzangst
Die Herzneurose ist generell kein Vergnügen, in der schweren Form jedoch ein Alptraum. Die Angst vor einem drohenden infarkt steigert sich zu immer wieder kehrenden Panikattacken die mit Todesängsten einhergehen. Hier geht es um alles, um existentielle Dimensionen von Leben und Tod und einer tiefen Verzweiflung, die einen fragen lässt, ob das so alles noch Sinn hat, da man sich peinigenden Attacken aus heiterem Himmel ausgesetzt fühlt. Es gibt keinen sicheren Ort mehr, auch zu Hause im Bett kann einen der Tod überfallen und man erkennt, dass jede Sicherheit nur eine Scheinsicherheit ist.
Die entscheidende Frage ist: Kann man daran sterben, oder nicht? Gewöhnlich wird die Fragen mit’‚Nein‘ beantwortet und gesagt, dass man an Angst und Panik nicht sterben kann. Doch das stimmt nicht und heute findet man leicht heraus, dass es nicht stimmt. Als Faustregel gilt zwar, dass Menschen mit einer Herzneurose länger leben als andere und auch statistisch seltener an irgendwelchen Herzerkrankungen sterben, da sie sehr auf ihr Herz achten und alles Schädigende zu vermeiden versuchen. Mit einer Herzneurose gibt man allerdings wenig auf Statistik, vor allem im fortschrittenen Stadium, denn zu den schweren Formen gehört oft, dass man aufgrund der hohen Verunsicherung, die nicht selten mit einer Ich-Schwäche einhergeht, auf maximale Sicherheit setzt. Die kann man nicht erreichen und es beginnen Denkschleifen des Katastrophisierens, dass selbst wenn jetzt alles in Ordnung sein sollte, das keine Garantie ist, dass man nicht morgen dennoch stirbt. Man weiß, dass man an Stress und Angst sterben kann und traut jenen nicht mehr, die dennoch sagen, dass dies hoch unwahrscheinlich ist, da hohe Unwahrscheinlichkeit keine letzte Sicherheit bietet.
Viele Herzneurotiker lesen und wissen viel über das Herz, vor allem seine Symptome und was alles schief gehen kann. Man findet sich in einer kafkaesken Situation scheinbarer Ausweglosigkeit wieder. Man weiß, dass Ausdauersport gut wäre, doch sobald man sich anstrengt und sei es nur, dass man eine Treppe hochgeht, spürt man sogleich wieder das Pochen des Herzens, spürt Atemnot, Enge, Druck, Angst. Arbeit täte gut, aber auch das traut man sich längst nicht mehr zu, jede kleinste Anforderungen und Belastung bringt dass dünnhäutige Ich aus dem Gleichgewicht und nichts scheint zu helfen, die gelegentlichen ärztlichen Versicherungen, da sei nichts, klingen wie Hohn, man weiß es besser, eines Tages liegt man Tod da, dann wird es den anderen Leid tun.
Denn die Gewissheit, dass man ein bestimmtes, zu aufregendes Ereignis nicht überleben wird, ist keinesfalls erfunden. Sie wird als real erlebt und ist mit wahnsinnigen Ängsten verbunden, das Leben in so einer Phase ist das Gefühl jeden Tag vor der baldigen Hinrichtung zu stehen, von der man nur nicht weiß, wann sie kommt, dass sie kommt, dessen ist man sich gewiss.
Aus Rücksicht auf sein Herz vermeidet man es ohnehin schon länger am Leben teilzunehmen, doch es gibt kaum noch glückliche Momente und Winkel, in denen man sich verstecken könnte, selbst wenn da jetzt gerade keine Akutsympotme sind, man weiß, sie lassen nicht lange auf sich warten und hat sein leben nun völlig umgestellt.
Alles dreht sich um das Herz …

Das Herz ist mehr als nur ein Organ. © National Museum of Health and Medicine under cc
Mit dem Herz und seinen Erkankungen ist nicht zu spaßen, das wissen wir alle. Dementsprechend ist der Hinweis auf den ernst der Lage berechtigt und die Angst gewaltig, es geht um Leben und Tod. Aber Leben heißt ja nicht nur zu überleben, sondern meint mehr: sich zu leben, so zu leben, wie man selbst es will, gemäß dem, was einem wichtig ist. Das Herz will uns sagen, dass es da was nicht zum eigenen Rhythmus passt, sein Stolpern zeigt auch unser stolpern an, seine Enge unsere Enge im Bewusstsein, Lebensbereiche, die nicht gelebt werden.
Um Sicherheit und Selbstvertrauen wieder zu gewinnen, ist es durchaus gut und richtig, wenn man im Konkreten das tut, was dem Organ Herz gut tut. Sich regelmäßig körperlich belasten, angepasst an den eigenen Fitnesszustand, nicht so viel, denn übers Ziel hinauszuschießen, das geht nicht mehr einfach so, man hat es oft erlebt. Man lernt irgendwie auch einen Crashkurs in Demut, dadurch, dass man zu schätzen lernt, dass man überhaupt am Leben ist.
Neben allgemeinen Tipps, die sagen, was dem Organ Herz gut tut und die man für sich ausprobieren und gewichten muss, um nicht gleich in den nächsten Stress zu rutschen, der mit dem eigenen Leben nichts zu tun hat, ist der fruchtbarere Weg sich um seine Herzensangelegenheiten im übertragenen Sinne zu kümmern. Die psychotherapeutische Antwort besteht nur zu einem Teil aus Beruhigung und Kontrolle, denn das Leben hat mehr zu bieten. Durchhalten und weiter bisher zu machen, ist ja in vielen Fällen genau der Ansatz, für den man von der eigenen Psyche die gelbrote Karte bekommen hat. Also gibt es sich allen Grund, das neu zu sortieren.
… und das ist auch gut so
Gerade Männern fällt es manchmal schwer, im Herzen mehr als die Pumpe zu sehen, die man im Zweifel reparieren oder eben auch austauschen kann. Wer eine Herzneurose entwickelt, wird von dieser Idee kuriert und lernt, dass das Herz mehr ist, zumindest für ihn ein Anzeiger dafür, wie es um die eigenen Emotionen bestellt ist. Dass man das erst mal ignoriert, gehört zum Leben dazu, aber das Herz ist ein nachdrücklicher und erschütternder Mahner. Wenn man mit der Idee etwas anfangen kann, stellt sich die Frage, wie es denn nun weiter geht, was das Herz, oder die Psyche via Herz, einem da eigentlich sagen will.
Die Deutungen sind zwar immer individuell, aber nun auch nicht so individuell, dass sich nicht einige Trends herauslesen lassen: Da wäre etwa eine mögliche.
Angst oder Kapitulation vor dem Erwachsenwerden
Das Erwachsenwerden bedeutet nicht nur Freiheit, sondern man muss lernen, dass Freiheit zugleich die andere Seite der Verantwortung ist. Da Freiheit öfter man als Willkür fehlgedeutet wird, ist das Erwachsen oft eine harte Landung zudem das Erwachsenwerden in unserer Zeit auch nicht rituell oder sonst wie begleitet wird. Man ist der Meinung, das ergäbe sich schon irgendwie von selbst. Sieht man sich dann mit all den wachsenden Anforderungen konfrontiert, die vielleicht als Einzelpunkt nur lästig aber doch zahlreich sind, kann man sich schon mal überfordert fühlen: So hatte man sich die Freiheit eigentlich nicht vorgestellt. Und so geht man, oft ohne es vorher groß reflektiert zu haben irgendeinen Weg weiter. Oder man stellt fest, dass das was die Eltern schon als Kind für einen ausgesucht haben, vielleicht doch nicht das ist, was man selbst möchte und vom Leben erwartet.
Man darf mit dem Leben Probleme haben, muss sich das nur eingestehen und lernt sich auf diesem Weg auch besser kennen und kann manches hinterfragen: Ist das wirklich mein Leben, was ich da lebe? Eine ziemlich fundamentale Frage, weshalb sich hier auch gerne das Herz, als ziemlich fundamentales Organ einschaltet. Es geht um das eigene Leben, hier in dem Kontext, ob es wirklich noch meine Erwartungen und Träumen entspricht. Es ist traurig, wenn das nicht der Fall ist, aber wer nimmt sich schon Zeit zum Trauern? Durchhalten und weitermachen, ist der Takt der Leistungsgesellschaft, aber eben nicht immer der eigene. So wird Trauer zur Depression und aus lebendigem Rhythmus künstlicher Takt.
Der sekundärer Krankheitsgewinn
zielt in die gleiche Richtung: „Ich kann nicht“ heißt oft einfach „Ich will nicht“, aber dafür offen einzustehen, traut man sich nicht. Doch in unserer Zeit und Kultur ist Kranksein eine legitime Entschuldigung, oft eine, für die man noch geschützt und belohnt wird. Man muss hier aufpassen, dass man nicht auf der einen Seite in Kälte und Mitleidlosigkeit endet und auf der anderen für alles eine Entschuldigung findet, so dass der andere am Ende mit seinem Leben nichts mehr zu tun hat. Deutungen sollen helfen die Hoheit über das eigene Leben zurück zu gewinnen oder erstmalig bewusst zu machen.
Wenn Sie bereits unter einer schweren Form der Herzangst leiden und der Komplex aus Hypochondrie, Angst, Macht und Rechthaberei (etwa die Phantasie, irgendwann doch plötzlich, entgegen aller ‚Beschwichtigungen‘, tot zu sein und den Triumph zu spüren, am Ende doch Recht gehabt zu haben), dann haben Sie mit der Herzangst einen Zipfel zu fassen gekriegt, der Sie aus einem tiefen und dunklen Labyrinth führen kann, ein Weg, auf dem Hilfe unverzichtbar ist.
Tipps und Tricks
Im Erstfall einer gefühlten Herzproblematik muss man immer einen Notfall annehmen. Hier gilt die Regel, je schneller, desto besser, wenn möglich sofort mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus oder sich in die nächste Ambulanz des Krankenhauses bringen lassen. Bei dem Verdacht auf ernste Herzbeschwerden lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig.
Wenn dieses Ereignis allerdings nicht zum ersten mal auftritt, bringt die siebte Einweisung in die Notfallambulanz und die nochmalige medizinische Abklärung auch keine Verbesserung, sondern verunsichert eher. Man ist zwar kurzfristig in sicheren Händen, aber wie soll es nun weiter gehen? In der Situation sollte man versuchen schnell an eine Psychotherapie zu kommen. Da die Wartezeiten oft beträchtlich sind, kann man sich hier immer noch überlegen, ob man wirklich will, oder nicht, aber je länger man damit wartet umso mehr kann sich die Herzneurose einnisten und das ist alles andere als eine Bagatelle, es verändert auf ziemlich fundamentale Art und Weise das ganze Leben.
Man ist nicht verrückt, wenn man zum Psychotherapeuten geht, sondern wendet sich an den oder die Expertin, die hier zuständig ist. In der Wartezeit ist das Kohärenztraining ein effektiver Ansatz, über den Sie Sich informieren und den Sie üben können.
Trotz allem: Scheuen Sie Sich nicht, den Therapeuten auch zu wechseln, wenn es nicht passt. Näheres in Probleme in der Therapie. Warten Sie bei allen Entscheidungen nicht zu lange. Fassen Sie Sich ein Herz.