
Ohne Massen kein Faschismus. © James Cridland under cc
Die psychologischen Aspekte des Faschismus zu beschreiben ist nichts, was man dann, wenn man sich mit dem Faschismus befasst auch noch tun kann, weil es doch mal ganz interessant ist, das Thema aus dieser Perspektive zu betrachten, sondern Faschismus ist im Kern ein psychologisches Phänomen. Wir können uns dem Phänomen Faschismus sogar am ehesten dann nähern, wenn wir seine psychologischen Komponenten, sein typisches Ich- und Welterleben verstehen, denn aus der zu distanzierten Analyse bleibt er unverständlich. Wir alle kennen aber mindestens zu einem Teil die Zutaten des faschistischen Welterlebens.
Was ist eigentlich Faschismus?
Man ist sich schnell einig, dass man im Kampf gegen den Faschismus nicht nachlassen darf, kein Fuß breit den Faschisten und dergleichen hört man. Wenn man aber fragt, was genau Faschismus ist, stellt man fest, dass er im Grunde kaum zu benennen ist. Mindestens ist er kein Phänomen mit scharfen Rändern.
In der Wikipedia findet man diese Problematik in den Definitionen des Faschismusbegriffs und den darauf folgenden gemeinsamen Merkmalen beschrieben. Wir haben Elemente, die irgendwie immer wieder auftauchen, aber es gibt viele Varianten des Faschismus in denen vermeintliche wesentliche Bausteine desselben fehlen.
Umberto Eco, der Schriftsteller, Semiotiker und Philosoph führt diesen irgendwie fehlenden Kern des Faschismus in einem lesenswerten Artikel über den Urfaschismus aus. (Kein Bezahlartikel, Anmeldung reicht.) Letztlich führt Eco 14 Elemente auf, die den Faschismus näherunsgweise charakterisieren.
Die Elemente des faschistischen Denkens und Fühlens überlappen einander, eines geht ins andere über und am Ende doch nie so ganz auf, weil viele Menschen bereits weiter sind, als dass der Faschismus in voller Blüte bei ihnen verfangen kann, außer in regressiven Zeiten.
Der Faschismus kombiniert Erfahrungen von Einheit oder Verschmelzung
Damit haben wir bereits am Anfang ein Problem skizziert, das darin liegt, dass Erfahrungen von Einheit und Verschmelzung gar nicht unangenehm sind, sondern zu den beglückendsten und erhebendsten Erfahrungen im Leben zählen können. Einheitserfahrungen, das sind sehr oft Gipfelerfahrungen, spirituelle Erfahrungen. Verschmelzungen kennen wir von den schönsten Momenten der Sexualität und auch Erfahrungen in der Masse, wenn man für ein Fußballspiel oder Konzert lang nur noch eins mit allen und allem ist. Grenzen lösen sich auf und es fühlt sich gut an.
Faschisten wollen im Grunde nichts anderes und man könnte fragen, warum sie nicht einfach zu Konzerten gehen, Sex haben, holotropes Atmen oder Meditation praktizieren. Damit sind wir beim Kleingedruckten, dem wir uns widmen müssen, denn das irgendwie alles eins und dasselbe ist, ist die undifferenzierte Sicht und kommt dem nahe, was den Faschismus selbst ausmacht.
Die Verschmelzung von Zeit
Der Faschismus in angetrieben von einer Erzählung der Ewigkeit. Ewigkeit verstanden als Austritt aus der Zeit. Zwar gibt es für Faschisten eine Uhrzeit, aber letztlich keine Geschichte. Geschichte ist im Faschismus nur eine Abfolge sich ewig wiederholender, gleicher Muster. Und wieder muss man aufpassen, denn nicht jeder, der irgendwo wiederkehrende Muster erblickt, ist automatisch ein Faschist. Die Ränder sind unscharf, eher sich durchdringende Wolken, als konturierende Linien.
Geschichte würde ansonsten heißen, etwas entwickelt sich auf eine bestimmte Weise, nicht wirklich festgelegt, vielleicht so, vielleicht aber auch anders. Wesentlich ist auch, dass man einen Einfluss auf den Lauf der Geschichte hat, als Einzelner, als Gesellschaft, als Menschheit. Ewigkeit bedeutet in dem Zusammenhang, dass sich nichts ändert. Auf der Bühne der Welt spielt sich das immer gleiche Drama ab und letztlich ist es, aus faschistischer Sicht, ein Kampf des Guten gegen das Böse.
Eco beschreibt als Punkt 1 und 2 dessen, was Faschismus ausmacht, einen Traditionskult und Traditionalismus. Das heißt, es wird auf einen irgendwie historischen, aber im Grunde mythisch-historischen Beginn der Geschichte verwiesen, in der der nun ewig gleiche Ablauf einmal als Vorbild durchgespielt worden ist und seit dem wiederholt sich, von Zeit zu Zeit, die Inszenierung, an der im Kern auch nichts zu ändern ist. Das Schicksal hat es so gewollt, so ist das Leben eben. Man kann es erkennen, dann ist man klug oder man kann es verfehlen, dann kommt man unter die Räder. Wobei ein Happy End für die Klugen auch im Faschismus nicht vorgesehen ist.
Andere Erzählungen des Lebens werden von Faschisten umgedeutet, als naiv deklariert, als Illusion belächelt, verspottet oder verhöhnt. Denn das ewige Muster ist das des Kampfes gegen den oder die Feinde. Man selbst ist gut und auserwählt, so hat es ein die Masse verbindender Gründungsmythos erklärt. Die anderen sind Feinde, sie führen nichts Gutes im Schilde, sind aber durchtrieben und trickreich. Sie stellen sich als die Guten dar, wollen aber in Wahrheit nur die wirklich Guten zerstören, indem sie alles was die Guten ausmacht – ihr Leben, ihr Denken, ihre Traditionen – zerstören, umkehren und verwässern. Da im Kern gut, wollen Faschisten eigentlich nur ihre Ruhe haben, aber wenn sie trotz größter Geduld unablässig provoziert, attackiert und gepiesackt werden, müssen sie, wohl oder übel eben tun, was getan werden muss. Der Feind muss vernichtet werden, je gründlicher und gnadenloser, desto besser. Denn wer Frauen und Kinder verschont, hat mit dem Problem der Rache zu kämpfen, darum lieber gleich richtig, so das niemand übrig bleibt. Logisch, aber ausgesprochen brutal und mitleidlos.
Der Glaube an die Reinszenierung über- oder außerzeitlicher, ewiger Muster und ihrer Unabänderlichkeit ist ein Kern des faschistischen Weltbildes.
Die Verschmelzung von Beziehungen
Die psychologischen Aspekte des Faschismus kennen eine spezifische Form von Beziehungen, in denen man das Problem der Gefangenschaft in ewigen Mustern wiedererkennt und noch besser darstellen kann. Der Mythos der ewig Gleichen muss kein kollektiver Mythos sein, man kennt diese Formen auch aus der Individualpsychologie.
Es ist das reife, integrierte Ich das sich irgendwann als mehr oder weniger wirkmächtigen Akteur im Leben erkennt und wenn dieser Anker erst einmal gesetzt ist, wird die Geschichte zum Selbstläufer. Man merkt, dass man nicht nur in Muster eingebunden ist, sondern diese auch durch eigene Entscheidungen aktiv verändern kann, begangene Fehler durch Reflexion beim nächsten Mal vermeiden kann und sich nach und nach im Leben immer mehr und besser zurecht findet. Man weiß, was man will und kann, kennt aber auch die eigenen Grenzen und kann es ertragen, dass man nicht allmächtig ist und dem Leben dennoch Spaß, Sinn und Befriedigung abgewinnen. Falls das Ich integriert und reif ist.
Wenn das nicht der Fall ist, erlebt man die Welt völlig anderes. Man sah sich schon früh einer überwältigenden Macht ausgeliefert, der gegenüber man ohnmächtig war. Da man ein Kind war, das etwas erleben, erdulden und erleiden musste, aber weder verstehen, noch etwas ändern konnte. Sadistische Willkür – also Macht um ihrer selbst willen ausüben, weil man es kann –, gewalttätige und sexuelle Übergriffe am eigenen Leib und der eigenen Psyche zu erleben oder diese als hilfloser, ohnmächtiger und verängstigter Zeuge ansehen und -hören zu müssen, fördern das Gefühl, dass es in der Welt nur Starke und Schwache gibt, und die Überzeugung, dass es besser ist zu den Starken zu gehören, weil diese mit den Schwachen stets machen, was sie wollen.
Die einseitige Fixierung von Eltern auf Leistung und Kunststückchen, die man vorführen soll, während man ansonsten kalt ignoriert wird, nicht geliebt, aber für Artigkeiten gelobt oder die Überdosis Lob, wenn man als kleiner König oder Prinzessin nichts falsch machen kann, fördern solches Welterleben, wenn auch etwas abgeschwächter, ebenfalls.
Natürlich ‚weiß‘ man dann, weil man es nicht anders lernen konnte, dass es immer welche gibt, die oben sind und andere, die das eben nicht sind. So funktioniert die Welt, davon ist man überzeugt. Und weil die eigene Welt zumindest so funktioniert, sucht man sich, häufig unbewusst, angetrieben durch den Wiederholungszwang, das was man kennt und was die Essenz des Lebens ausmacht: Spitzenaffekte und die Nähe von Menschen, mit denen man sie erleben kann und die mit einem die bekannten Muster wiederholen. Und man wird sie immer wieder finden, jene, die das innere Bild, was man von Menschen hat – und in der Phase: haben muss – bestätigen. Jede Bestätigung versichert einem mehr, dass man Recht hat, dass die Menschen sind so, kein Zweifel. Ein Narr, wer sich etwas anderes vormachte.
Es gibt auch im Leben dieser Menschen die anderen. Menschen, die unter dieser Ich-Schwäche leiden haben auch sie in aller Regel schon kennen gelernt, aber deren Welt spricht sie nicht an. Zu bieder, halbherzig, lauwarm, zögerlich. Und an diesem Punkt auch noch nicht zu verstehen, zu unattraktiv. Sie wollen Action, im großen Gefühl baden, kein graues Leben mit Disziplin und Verplanung führen. Die Welt in der jene aufwuchsen, die später unter Umständen zu Faschisten werden, ist einerseits die Hölle, aber sie beherbergt auch eine verstörende Form der Lust und Vertrautheit. Es ist eine Binsenweisheit, dass Schmerz, Qual und Lust ineinander übergehen und sei es nur in der Form der Erlösung, wenn der Schmerz nachlässt, wenn dann doch mal alles gut ist. So gänzlich unbekannt ist uns das nicht.
Das Oszillieren von Täter und Opfer
Das Spiel von Tätern und Opfern ist ohnehin schon ausgesprochen kompliziert, die psychologischen Aspekte des Faschismus vereinfachen es in gewisser Weise, weil der sprunghafte Wechsel, vom Täter zum Opfer und zurück deutlicher wird. Wer in einer Zeit, in der er nichts ändern konnte Opfer war, hat in Grunde, aufgrund des eigenen Weltbildes, das man sich nicht ausgesucht hat, was man aber auch nicht mal eben ändern kann, zwei Optionen: Man kann Opfer bleiben und der Welt erzählen, dass man sich das alles anders gewünscht hat, aber nie eine Wahl hatte und diese folglich jetzt auch nicht hat und das ist auf der einen Seite so richtig, wie es unzureichend ist. Die andere Entscheidung ist, nie wieder Opfer zu werden, sich zu wehren und notfalls zurück zu schlagen und diese Alternative führt manchmal in eine wissentliche oder unwissentliche Variante des Faschismus.
Diese faschistische Weltsicht kann durchaus vollkommen unpolitisch sein und einfach in der stillen Übernahme der Idee bestehen, dass es in der Welt in Gewinner und Verlierer gibt, Starke und Schwache, Raubtieren und Schafe oder Opferlämmer und wer stark, schlau, durchtrieben, tollkühn oder skrupellos ist, dem kann es gelingen, sich auf der Seite der Sieger zu positionieren. Vielleicht erst durch Probleläufe: in dem man nicht den Erwartungen entspricht, gegen alle Ordnungen rebelliert, die oft stellvertretend für gewalttätige Eltern(teile) stehen und irgendwann trifft man auf andere, die einen nicht dafür kritisieren, dass man anders ist, sondern die diese Einstellung teilen und einem beibringen, dass die Herde der doofen Schafe, der triste Mainstream, die wahren Idioten sind, während man selbst einfach einer ist, der das Spiel durchschaut hat und drüber steht.
Das muss überhaupt nichts mit Politik zu tun haben, es reicht irgendeine rigide bis fundamentalistische Idee zu vertreten, die sich gerne auf die Ordnung der Natur gründet. In ihr, so heißt es oft, sei alles so klar und übersichtlich und mit dieser Ordnung können Faschisten viel anfangen. Die einen fressen, die anderen werden gefressen, so läuft das Spiel, besser man ist ein starkes Raubtier, als ein schwacher Pflanzenfresser und wenn schon Pflanzenfresser, dann Elefant oder Nashorn, mächtig und wehrhaft.
Einfach nur aggressiv zu sein, das gefällt auch Faschisten nicht unbedingt, zumindest gehört es oft zum Spiel, so zu tun, als wäre man nicht einfach ein Verbrecher und Halunke, sondern in vielen Fällen, besonders, wenn man eine Ideologie annimmt, muss das Motiv schon edler sein. Die Natur will es dann einfach so oder man wehrt sich eben, denn das weiß man oft noch von früher, dass der Feind überall und zudem gerissen, mächtig und willkürlich ist. Man kennt das, weil man es so erlebt hat. Es gibt in der Welt mancher Menschen einfach niemanden, der gute Absichten hat und wenn, ist es jemand, der irgendwann gefressen wird. Nur ist die Trennung gar nicht so leicht. Täter brauchen oft Opfererzählungen. Solche von den Absichten und Machenschaften anderer, die man genau kennt und erkennt und es ist ihnen egal, ob andere das auch so sehen, oder nicht. Sie haben einfach beschlossen nie wieder Opfer zu sein, nun fühlen sie sich erneut als solches, weil ihnen niemand glaubt. Dazu kommt, dass sie die optimistischen Botschaften der Lauwarmen, der Optimisten, als vollkommen irre ansehen: Entweder sind die anderen wirklich durchgeknallt, wenn sie tatsächlich glauben, was sie sagen oder sie sind maximal durchtrieben, dann muss man ihnen erst recht das Handwerk legen. Die Wahrheiten der Faschisten sind so einfach wie ihr Weltbild. Es gibt Sieger und Verlierer im Leben, das muss man einfach sehen und entweder man erkennt das und iakzeptiert es ein für alle mal oder nicht, dann ist man Feind oder Idiot, ein Unterschied der keine große Rolle spielt, jedenfalls niemand, auf den man Rücksicht nehmen muss.
Bei den Opfern misslingt die Trennung von gut und böse ebenfalls häufig. Sie werden zu Tätern, oft wider Willen. Es bricht dann einfach so aus ihnen heraus, die Möglichkeit, dass sie selbst etwas ändern könnten, hat in ihrem Leben nie bestanden, sie glauben auch nicht wirklich daran, wenn sie Opfer jahrelanger Demütigungen waren. Beide, die Täter und die Opfer wissen, dass da draußen immer ein Aggressor lauert, dass der Mensch niemals gute Absichten hat und dass er allenfalls so tut, als ob. Deshalb muss man immer auf der Hut sein oder in der Lage, sich zu wehren.
Narzissmus, Paranoia und der Anführer

Mussolini, der faschistische italienische Führer und Hilter. gemeinfrei, wikimedie.org/unbekannter Fotograf under cc
Narzissmus und Paranoia, sind die beiden Stränge der Persönlichkeit, irgendwann treffen sie sich und kommen zusammen, aus Sicht einer fortschreitenden Pathologie betrachtet. Aus der Sicht einer nicht stattfindenden Entwicklung, bleiben diese beiden Stränge undifferenziert oder werden, durch äußere Einwirkung, pathologisch verzerrt. Faschismus beginnt oft mit den Erfahrungen in einer Umgebung, die eine normale Weiterentwicklung verhindert. Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten, der Einfluss von Spitzenaffekten ist weiter der größte. Die psychologischen Aspekte des Faschismus , sind ohne Spitzenaffekte nicht zu verstehen. Der paranoide Mensch wird vorsichtig und misstrauisch, der narzisstische wird oberflächlich, die Probleme bagatellisierend, will ankommen und beliebt sein. Ist der Knacks größer wollen Narzissten nicht mehr nur beliebt und im Mittelpunkt sein, sondern gefürchtet. In Fällen schwerster Pathologie haben sie Spaß daran Herr über Leben und Tod zu sein und gefürchtet zu werden, wir sind dann schon in dem dunklen Bereichen des malignen Narzissmus.
Hier verschmelzen dann Narzissmus und Paranoia mit Sadismus und ich-syntoner Aggression, das heißt, diese Menschen sind misstrauisch und grausam und haben Freude daran, anderen zu zeigen, dass sie mit ihnen tun und lassen können, was sie wollen. Wenn diese Menschen zum Anführer einer Nation oder großen Bewegung werden, wird es heikel. Der Anführer und die Masse schaukeln sich gegenseitig hoch, wenn die Bedingungen für eine Regression der Masse gegeben sind und der Anführer tatsächlich die Kriterien des malignen Narzissmus erfüllt. Das Programm heißt dann ganz oder gar nicht, totaler Sieg oder Untergang und es ist keine Show, keine Inszenierung, diese Menschen tun nicht nur so, als ob.
Der Wille zum ewigen Kampf, bis zum Sieg oder Untergang, ohne Kompromisse, ist im Faschismus Programm. Wobei der Faschismus kein wirkliches Ziel hat, er kann nicht umschalten und nach einem Sieg auf einmal konstruktiv werden. Faschismus ist ewiger Kampf, weil bereits feststeht, dass sich nichts ändern wird, weil sich nichts ändern kann, es bleibt die immer gleiche Inszenierung. Ein Kampf von verkannten Guten, die in der öffentlichen Meinung die angeblich Bösen sind, gegen die wahren Bösen, also die Guten der weichgespülten Öffentlichkeit.
Regressive Massen und andere Zutaten
Jeder Hetzer braucht die Masse, sonst wird auch der Faschismus ein einsames Spiel. Wie kann man nur? Das haben sich immer wieder viele gefragt und meinten, wie man dabei, bei so etwas, nur mitmachen kann. Leider geht das leichter, als man meinen sollte. Um die Konzentrationslager des völkisch gefärbten Faschismus der Nazis aufrecht zu erhalten, bedurfte es keiner blutrünstigen Bestien, sondern es reichten normale gewissenlose Opportunisten. An sich harmlose Narzissten, die um ihre eigenes Fortkommen nicht zu behindern oder keinen Schaden zu erleiden einfach mitmachen und nicht sehen wollten, was gespielt wird. Sie haben keine wirklichen Überzeugungen, die sie bremsen könnten. Sie tun doch nur ihre Pflicht, wie es auch Eichmann dargestellt hat.
Während der Regression von Massen, oft im Kontext kollektiver Traumata, Kränkungen, Armut und der Übernahme der öffentlichen Medien durch die Regierung, ist für Nachschub für Faschisten gesorgt. Auch an sich differenziert urteilende Menschen werden, bis auf sehr wenige Ausnahmen – denen es dabei meist nicht gut ergeht – in den Strudel der Regression gezwungen, in dem das, was ansonsten als Grenzüberschreitung und Zumutung klar erkennbar ist, merkwürdig normal erscheint. Die Moral breitester Schichten sinkt auf die Moral von etwa 10-jährigen Kindern und ihr gut oder böse, Freund oder Feind Weltbild. Deshalb ist es für Faschisten auch wichtig, dass die emotionale Ansprache und der Grad der Empörung und der Projektion auf simple Feinbilder hochgehalten wird.
Dummheit ist ein Motor des Faschismus, auch wenn nicht jeder dumme Mensch ein Faschist ist. Menschen, mit Intelligenzdefiziten sind oft frei von politischen oder ideologischen Einstellungen, aus dem Grund, dass sie diese gar nicht verstehen. Sehr eindrucksvoll konnte das Andreas Marneros in „Blinde Gewalt: Rechtsradikale Gewalttäter und ihre zufälligen Opfer“ zeigen, ein Buch mit Porträts psychologischer Muster von bekennend rechtsradikalen Straftätern, von denen allerdings manche zur Ideologie nicht fähig waren, weil es ihnen an simpelsten Basiswissen, über das was sie angeblich vertraten, fehlte. Sie waren an Alkohol, Drogen und der Ausübung von Gewalt in mitunter abstoßendsten Formen interessiert. Interpreten die es gewohnt sind alles zu politisieren, verfehlen diesen Punkt.
Ideologie ist bei einigen Faschisten aber selbstverständlich auch zu finden und die Neigung aus Faschisten grölende Dumpfbacken zu machen, ist so falsch, wie die ausschließliche Zuordnung zum rechtsextremen Spektrum fragwürdig ist, auch wenn die Nähe dorthin die größte sein und bleiben wird.
Armut, Krankheit und Verzweiflung sind weitere Elemente, die Menschen mitunter faschistisches Gedankengut und Empfinden attraktiv erscheinen lässt, man muss es nicht toll finden, es ist leider kurzsichtig, aber mit etwas Empathie zuweilen nachvollziehbar. Aber Verstehen heißt nicht Verzeihen und der Zusammenhang zwischen einer psychischen Erkrankung, zu deren Entstehen man nichts kann und einer Nähe zu bestimmten Weltbildern und politischen Einstellungen ist mehr als zufällig.
„Für den Psychonalytiker, den die Erforschung der Konventionalität interessiert, ist das individuell unterschiedlich starke Festhalten an konventionellen Werten ebenso interessant wie seine gesellschaftlichen Determinanten. Wie ich im zweiten Kapitel erwähnte, postuliert Green (1969) eine Beziehung zwischen der Entwicklungsebene der Idealisierung und der Art ideologischer Verpflichtungen, die das Individuum eingeht. Diese Idealisierungsebenen reichen von frühester narzisstischer Omnipotenz über die Zwischenstadien der Idealisierung elterlicher Objekte bis zur Konsolidierung des Ich-Ideals. Der Charakter oder die Qualität der Verpflichtung gegenüber Ideologien wird Green zufolge durch das Maß bestimmt, in dem die Ideologien die Projektion eines omnipotenten Selbst oder die Externalisierung eines reifen Ich-Ideals widerspiegeln.
In Übereinstimmung mit Green vertrat ich die Ansicht, dass die Unfähigkeit, sich einem Wertesystem verpflichtet zu fühlen, das über Grenzen selbstsüchtiger Bedürfnisse hinausgeht, gewöhnlich eine schwere narzisstische Pathologie wiederspiegelt. Die Verpflichtung gegenüber einer Ideologie, die sadistische Perfektionsansprüche stellt und primitive Aggression oder durch konventionelle Naivität geprägte Werturteile toleriert, gibt ein unreifes Ich-Ideal und die mangelnde Integration eines reifen Über-Ichs zu erkennen. Die Identifizierung mit einer „messianischen“ Ideologie und die Akzeptanz gesellschaftlicher Klischees und Banalitäten entspricht daher einer narzisstischen und Borderline-Pathologie. Dem gegenüber steht die Identifizierung mit differenzierten, offenen, nicht totalistischen Ideologien, die individuelle Unterschiede, Autonomie und Privatheit respektieren und Sexualität tolerieren, während sie einer Kollusion mit der Äußerung primitiver Aggression Widerstand leisten – all diese Eigenschaften, die das Wertesystem eines reifen Ich-Ideals charakterisieren. Eine Ideologie, welche die individuellen Unterschiede und die Vielschichtigkeit menschlicher Beziehungen respektiert und Raum für eine reife Einstellung zur Sexualität läßt, wird den Personen mit einem höher entwickelten Ich-Ideal attraktiv erscheinen.
Kurz, Adorno, Green und ich stimmen darin überein, dass Ich- und Über-Ich-Aspekte der Persönlichkeit das Individuum zu übergroßer Abhängigkeit von konventionellen Werten prädisponieren. Es ist berechtigt zu sagen, dass der spezifische Inhalt des Konventionellen durch soziale, politische und ökonomische Faktoren beeinflusst wird: Die Universalität der Struktur der Konventionalität in der Massenkultur jedoch und ihre Attraktivität für die Massen sind nach wie vor erklärungsbedürftig.“[1]
Elitarismus, Hierarchien und Kollektivismus
Die sonderbare Mischung zwischen einem ausgeprägten elitären Gefühl und einer Neigung zu Hierarchien einerseits und einem Kollektivismus andererseits, passt nicht gut zusammen, aber sie existiert. Denn Elite können ja immer nur wenige sein, für das Kollektiv ist da in der Regel nichts zu holen. Darum ist der verbindende Mythos, das Narrativ, die Tradition, der Ritus so wichtig, die begründet, warum es doch möglich ist, nämlich dann, wenn dieses, als genau dieses eine Kollektiv eine herausragende Stellung hat und vom Schicksal ausersehen wurde. Der Gründungsmythos erklärt wieso das so ist und Habermas stellt fest:
„Diejenigen, die sich gegenseitig ihre Mythen erzählen und diese gemeinsam inszenieren, vergewissern sich damit zugleich ihrer kollektiven Identität. Mythen sind nämlich auch Weltbilder, in denen sich das kollektive Selbstverständnis einer Gruppe artikuliert.“[2]
Die Erzählung reicht und die Erzählung wird über gemeinsame Riten weiter verfestigt. Das muss nicht logisch bis ins Letzte sein, es reicht, dass diese Erzählung zirkuliert und geglaubt wird. So kann man zu einem qua Ethnie, Nation, Religion, durch eine gemeinsame Idee und ihren rituellen Ausdruck, eine Lebensweise oder sonst wie auserwählten Kollektiv gehören, mit anderen Worten Elite sein und dennoch ist die Tür für jeden offen, Kollektivismus und Elitarismus, der obendrein noch alles Niedere (nicht mythisch Legitimierte) verachtet, können sich die Hände reichen.
Einmal möchte man auch Gewinner sein und begabte Populisten wissen das zu nutzen. War man eben noch, wegen bestimmter Merkmale von der Gesellschaft verachtet, ist man nun, im Handumdrehen jemand und nicht nur irgendwer, sondern einer mit Prädikat. Innerhalb der Gruppe oder des Kollektivs steht man vielleicht noch ganz unten und muss sich hocharbeiten, aber selbst wenn das so ist, steht man damit jetzt schon oberhalb aller anderen, die sich außerhalb des Kollektivs befinden.
Faschistisches Gedankengut und faschistisches Gefühlsgut
Es ist nicht nur oder vorrangig ein Denken, was die psychologischen Aspekte des Faschismus charakterisiert, sondern vor allem auch ein Fühlen. Ob das Denken nun von überragender Logik geprägt, aber eiskalt, zynisch und unempathisch ist, oder einfach gesagt, irgendein wirrer Mist, der vorne und hinten nicht zusammen passt, ist den Anhängern des Faschismus im Grunde egal.
Ihr Denken ist das einer manchmal so genannten Paläologik, in der die Träger bestimmter Merkmale, alle die gleichen Eigenschaften haben. Wenn ein unfreundlicher Mensch einen Bart und eine Brille hat, sind aufgrund der negativen Erfahrungen mit diesem, alle Bart- und Brillenträger erst mal doof und unten durch. Eine eher kindliche Sichtweise, die normalerweise, wenn man dann nette Menschen kennen lernt, die Bart und Brille tragen, nach und nach relativiert wird, aber wir kennen dieses Denken ein Stück weit aus dem eigenen Leben, wenn wir Menschen mit bestimmten Namen erst mal nicht leiden mögen und wenn wir nachdenken, warum das so ist, oft darauf stoßen, dass wir schlechte Erfahrungen mit jemandem gemacht haben, der so hieß. Wir wissen, es ist Quatsch, was kann der arme Mensch für seinen Namen, dennoch arbeitet es in uns.
Bei Faschisten bleibt das, wird sogar noch gepusht, Differenzierungen kennen sie nicht, also gilt, kennste einen, kennste alle. Angetrieben oder überlagert wird diese Sicht durch ein intensives Misstrauen, resultierend aus dem Grundgefühl, dass alles Menschen im Kern aggressiv und egozentrisch sind und wer was anderes behauptet, ist obendrein noch dämlich oder besonders gerissen. Misstrauen und Feinseligkeit dominieren beim Faschismus, verbunden mit dem elitären Gefühl, dass der anderen es nicht wert ist, sich irgendwie mit ihm abzugeben. Gerechtfertigt wird das durch Erzählungen, die oft von einer Auserwähltheit oder besonderen Nähe zur Natur künden. Die ist halt so, kennt keine Gnade und der Mensch ist ja auch nur ein Stück Natur. Das reicht vielen.
Es ist auch eher das Gefühl, was gesucht wird. Man will oben sein, Gewinner sein, auserwählt sein, selbst wenn man nur im kleinen Kreis dran glaubt, das trägt. Wenn einen die anderen für Spinner halten, schockt das nicht, das kennt man ja, man stand in aller Regel auch vorher draußen und gehörte nicht dazu, damals als ein Niemand, jetzt als einer der zur Elite gehört. Welche Variante würden Sie nehmen?
Was ist das Problem für uns?
Wir wissen auf der einen Seite nicht so ganz genau was Faschismus ist und neuerdings spielen viele mit einer Verschiebung diverser Grenzen. War das nun Faschismus oder nicht? Unsäglich oder einfach eine simple Wahrheit, vor der man die Augen nicht verschließen sollte? Wir wissen oft nicht, wie wir reagieren sollen.
Ein anderes Problem besteht darin, dass vieles am Faschismus irgendwo doch noch nachvollziehbar ist und zu unserer eigenen psychischen Grundausstattung gehört – auch, nicht nur. Wer möchte denn nicht gerne oben stehen (jedenfalls wenn die Alternative ist, ganz unten zu sein), eine gewisse Lust sich zu messen ist uns auch mit gegeben. Das Gefühl Teil einer Schicksalsgemeinschaft zu sein, ist durchaus erhebend und die Abenteuer die man in faschistischen Gruppen erleben kann, sind für manche Jugendliche Bestandteil einer Eventkultur, mit der man sich abgrenzen, rebellieren und provozieren will und wenn man Pech hat und die falschen Freunde trifft, kommt man aus der Nummer nicht mehr raus.
Für einige trifft es genau das Lebensgefühl, das sie zu dieser Zeit haben und einfach tun und lassen zu können, was man will und auf alle anderen zu pfeifen, das ist schon erhebend, gerade wenn die 16 oder 25 Jahre davor nicht gerade die besten waren und durch Gewalt, Willkür und Entwertungen geprägt wurden. Buchstäblich oft zusammengeschlagen, zu einer Einheit von Opfer und Täter, manchmal auch Intensivtäter.
Wer es mit Mythen nicht so hat: Der Rückgriff auf die Natur ist für manche ein bezwingendes Argument, auch für jene, die sich selbst als differenziert, aufgeklärt und wissenschaftlich ansehen. Die Kultur, will man sie noch einmal als Gegensatz denken, in diesem Kontext kann man es, bereitet dem Menschen oft ein Unbehagen und das tut sie deshalb, weil sie den Triebverzicht des Ego als Gegenleistung für Anerkennung und Schutz der Gemeinschaft fordert. Da erscheint manchen die Variante der Natur ursprünglicher, weniger gekünstelt, wahrer, echter und authentischer. Die möchte man sich, oft romantisch verklärt, zum Vorbild nehmen und in gewisser Weise können wir die Erlösung aus der dauernden Verantwortung, die wir im Alltag spüren, öfter mal nachvollziehen.
Auch anderes, was Faschisten mögen, ist uns nicht vollkommen fremd. Die Gefühle der Verschmelzung, der vorübergehenden Einheit sind durchaus herausragende Gefühle, das war eines der frühen Statements. Faschismus ist kein Abgrund zu einer Seite, der an den Klippen der normalen Gesellschaft lauert, viel treffender ist das Bild eines Stegs, manchmal auch nur eines Bretts, von dem man zu beiden Seiten herunter fallen kann. Habermas diagnostiziert bei seiner Rekonstruktion des nachmetaphysischen Denkens, für etwas, was erstmalig im mythischen Zeitalter auftritt:
„Die Angst gleichermaßen vor der identitätsbedrohenden Folgen der Exklusion wie der Überinklusion, dem Zerreißen des sozialen Bandes und der erstickenden Zwangsintegration bildet das Thema weit zurückreichender gattungsgeschichtlicher Erfahrungen, die in rituellen Ausdrucksformen verkapselt sind.“[3]
Auf die richtige Mischung von Nähe und Distanz kommt es an. Oft ist sie in modernen Zeiten zu weit geworden, vieles erscheint zu technisch, zu kühl, zu funktionalistisch. Lieber in einer Schicksalsgemeinschaft zusammen untergehen, als allein in dem kühlen Moloch zu funktionieren, das ist die Botschaft auch einiger Faschisten, das macht den ewigen Kampf als Motiv, und andere Formen des Extremismus überhaupt attraktiv.
Das Regelwerk, was hier vermutet wird, das man sich bewähren kann und muss, dass einer für den anderen einsteht, dass man gemeinsam siegt oder untergeht, dieses Element ist im Fasachismus mit Sicherheit heroisiert und idealisiert, aber es ist schwer, es einfach ersatzlos zu streichen, offenbar scheint es eine gewisse Konstante zu sein, die eine Sicht auf die psychologischen Aspekte des Faschismus nicht ignorieren kann.
Wir bieten zudem an Verschmelzungs-, Grenz- und Einheitserfahrungen Interessierten so gut wie gar keine alternativen Angebote mehr an. Sehr viel scheint entwertet, Geld mutiert zum letzten und einzigen Wert, die Männer werden verstärkt zu merkwürdigen Hanseln zurecht gestutzt, oft zu unrecht und übers Ziel hinaus.
Was ist das Problem des Faschismus?
Der Faschismus hat letztlich kein Ziel, es geht immer so weiter, die Version der ewig sich wiederholenden Geschichte von der Entscheidungsschlacht die gerade jetzt bevorsteht, ist irgendwann mal auserzählt. Nicht jeder, der den Faschismus in einer gewissen Phase des Sturms und Drang attraktiv fand, denkt 10 Jahre danach noch immer so. Aus manchen Organisationen kann man austreten, ein faschistischer Staat hat kein Rückfahrticket.
Selbst der Krieg nötigt zu einer gewissen Entwicklung. Man muss logistisch immer mehr dazu lernen, in ausgedehnten Feldzügen müssen die Kämpfer versorgt werden, gefangene Gegner braucht man zur Kooperation. In früheren Zeiten war man da oft wenig zimperlich, wer nicht kooperierte, den brachte man kurzerhand um, die anderen wurden versklavt, später wurde der Zwang oft gelockert. Die Kooperation brauchte auf beiden Seiten eine gewisse Verlässlichkeit, Vertrauen, es wuchsen selbst daraus Beziehungen, es wuchs in gewissen Graden vertrauen.
Echte Faschisten können das nicht, das ist nicht ihre Welt, in dieser geht der Kampf immer nur weiter. Faschistische Konzepte sind langfristig nicht erfolgreich. Es braucht keinen flammenden Appell an die Menschlichkeit, die geht Vollblutfaschisten ab, ebenso wie jenen, die aus Dummheit Faschisten sind. Dauernde Aggression ist auf lange Sicht einfach nicht erfolgreich, das besagen alle Modelle, seien sie spieltheoretischer oder anderer Art, nur wenn der eigene Untergang tatsächlich als Höhepunkt interpretiert wird – immerhin, das gibt es – ist Faschismus als Lebensmodell eine Option, ansonsten ist man Gewinner auf Abruf.
Traurig genug, dass vielen das dennoch reicht. Der Wunsch nach Einheit und Verschmelzung ist ein sehr legitimer Wunsch von Menschen, den Habermas mit dem Begriff des ‚Außeralltäglichen‘ belegt hat. Es sind die besonderen Momente im Leben, die wir so dringend brauchen, die uns motivieren ins Hamsterrad zurück zu kehren. Weil es auch den Weg heraus gibt, das grundsätzlich andere. Verschmelzung und Einheitserfahrungen sind super, manchen reicht, was sie im Stadion erfahren können, aber nicht allen.
Der Fehler des Faschismus liegt in der Idee, die Einheit regressiv herstellen zu wollen. Einheit ist auch dann hergestellt, wenn man alles zerstört, kurz und klein gekloppt und dem Erdboden gleich gemacht hat. Dann hat keiner mehr, was man selbst nicht hat, man kriegt zwar nichts Konstruktives hin, konnte aber alles was die anderen aufbauten zerstören. Ein kurzer Triumpf, der einigen dennoch wichtig ist.
Dabei hätte die andere Richtung sehr viel mehr zu bieten, inklusive Einheitserfahrungen. Die Mystik steht am anderen Ende des Spektrums und kann bestehen lassen, was ist und dennoch Einheiten vom dem, was angeblich getrennt ist, ins Bewusstsein bringen. Das passt nicht gut in unsere naturalistisch gefärbte Zeit, aber diese Erfahrungen gibt es immer wieder. Auch die Mystiker sagen, dass alles eins ist und sie sagen es, weil sie es erlebt haben und obendrein müssen sie dazu nichts zerstören. Nicht mal das Ich. Es wird eigentlich nur immer weiter ausgedehnt, wird immer luzider.
Der normale Narzisst will, dass die anderen genau so werden, wie er. Regressivere Formen des Narzissmus, die mit deutlich mehr Aggressionen angefüllt sind, wollen nicht mehr, dass die anderen werden, wie man selbst ist, sondern wollen, dass die anderen nie wieder haben sollen, was man selbst nicht haben kann. Neid, der in Hass umschlägt. Was die Welt der Lauwarmen dann doch parat hat, ist nicht unbedingt ihre Routine, sondern es sind Erfahrungen von verlässlichen und stabilen Beziehungen. Das ist es, was Faschisten sich nicht als real existierend vorstellen können.
Die Idee, dass alle Menschen im Kern schlecht, durchtrieben und aggressive Egoisten sind, ist der nächste Fehler. Die psychologischen Aspekte des Faschismus lassen erkennen, warum Menschen bisweilen so empfinden müssen. Faschisten begehen hier einen Fehler, den man verstehen kann, wenn man nie die Chance hatte anderes kennen zu lernen und der Wiederholungszwang einen weiter durchs Leben peitscht. Doch was man an der Intensität der Schicksalsgemeinschaft schätzt, wird, wenn man es schafft dem faschistischen Denken und Empfinden zu entkommen, aufgewogen, durch die größere Breite und Tiefe der Beziehungen, die möglich sind, wenn man das grundsätzliche Misstrauen überwinden konnte. Dann öffnen sich neue Horizonte, aus Scham und Neid, erwächst die Fähigkeit zur Schuld, die nur die Ouvertüre und zu komplexeren Beziehungen und völlig neuen Eindrücken sind. Der Hass, die chronifizierte Form der Wut, löst sich allmählich in Luft auf, das Erlebnis, dass es so etwas wie Vertrauen tatsächlich als reale Option im Leben gibt, wirkt irgendwann genauso selbst verstärkend und progressiv, wie sein regressives Gegenteil.
Es gibt die Möglichkeit zu kontrollierten, ritualisierten Gipfel- und Einheitserfahrungen, die man in die Gesellschaft integrieren kann und die dann auch von dieser anerkannt werden sollten, da sie eben auch über andere Wege herzustellen sind, als über die Zerstörung von allem, was man als unerreichbar empfindet.
Quellen:
- [1] Otto F. Kernberg, Ideologie Konflikt und Führung, Klett-Cotta 1998, S. 297f
- [2] Jürgen Habermas, Auch eine Geschichte der Philosophie: Band 1: Die okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen, Suhrkamp 2019, S. 209
- [3] Jürgen Habermas, Auch eine Geschichte der Philosophie: Band 1: Die okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen, Suhrkamp 2019, S. 260f