
Freunde interessieren sich freiwillig füreinander. © Stanley Wood under cc
Dass sie sich für andere Menschen interessieren und sogar nur deren Bestes wollen, behaupten viele von sich, auch dann, wenn der- oder diejenige im Fokus dieses Interesses eventuell ein ganz eigenes und anderes Gefühl dazu hat. Die Aussage man würde sich für andere Menschen interessieren steht in einem weit gespannten Kontext, der sowohl warme Empathie und aufrichtige Sorge um das Wohlergehen der anderen beinhaltet, wie auch ein kontrollierendes und mitunter stark manipulatives Eigeninteresse.
Erschwerend kommt hinzu, dass demjenigen, der vorgibt sich zu interessieren, die eigenen Motive oft gar nicht richtig präsent sind und so Kontrolle gar nicht immer aus niederen Motiven geschieht sondern hier Überlappungen stattfinden, die im Privaten für Unstimmigkeiten sorgen und sogar Sprengstoff in sich bergen können.
Interesse in der öffentlichen Arbeit
Sich für andere Menschen zu interessieren ist zunächst einmal besser, als allen anderen gegenüber desinteressiert zu sein. Sich öffentlich zu engagieren ist vielleicht der unproblematischste Bereich, weil es hier im Grunde immer und in den verschiedensten Bereichen etwas Sinnvolles zu tun gibt, das anderen Menschen hilft oder sie erfreut. Es kann, durch die psychologische Brille betrachtet sein, dass der Helfer seine eigenen ungelösten Probleme projiziert und sozusagen öffentlich bearbeitet was besser Teil einer Therapie wäre, aber das ist eher das private Problem des Helfers. Denjenigen, um die er sich sorgt und denen dabei tatkräftig geholfen wird, bringt die Unterstützung in sehr vielen Fällen dennoch etwas, unabhängig vom Motiv des Helfers.
Eine gewisse Problematik besteht im Rahmen eines Helfersyndroms, das neben dem Aspekt, dass ein Helfer oft ausbrennt, oft noch die Zusatzproblematik hat, dass derjenige, der sich überstark für andere einsetzt, sie manchmal in der Unmündigkeit hält und eigene Entwicklungsschritte verhindert. Der kluge Helfer, Lehrer, Unterstützer erkennt, wann es an der Zeit ist, sich selbst zurück zu ziehen, wer aber hilft, weil er selbst in einem hohen Maße Lob und Anerkennung braucht, die er in anderen Lebensbereich nicht erwerben kann oder um dieses Bedürfnis vielleicht gar nicht weiß, der ist hier gefährdet.
Der vielleicht nobelste Ansatz ist die Hilfe zur Selbsthilfe, die den anderen wirklich fit macht, eigene Kompetenzen zu erwerben und das Band zum anderen als zeitlich befristet ansieht. Im besten Fall kann man sich hier umsorgend und empathisch einbringen und Lebensbereiche in denen das gefragt und wichtig ist, gibt es reichlich.
Im Rahmen der öffentlichen Arbeit ist der vielleicht problematischste Bereich beim sich für andere Menschen interessieren, eine politische Motivation, die ebenfalls eine ganze Spannbreite kennt und Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft benennt, aufzeigt und sich hier engagiert, auf der anderen Seite ist auch hier die Gefahr einer Verfestigung gegeben in der man sich pragmatischen Lösungen verschließt und Menschen erklärt, dass sie hilflose Opfer sind, die ohne Unterstützung ihr Leben nicht bewältigen können.
Interesse im Rahmen des Privaten
Im privaten Bereich gibt es die vielfältigen Beziehungen zur Familie und den Freunden, Menschen, die einen in einem besonderen Maße interessieren. Wenn wir uns für andere Menschen interessieren, dann ganz sicher für diese.
Eltern haben zu ihren Kindern eine besondere Beziehung, sie sind besonders verpflichtet sich für sie zu interessieren und in aller Regel tun sie das auch. Das kann und wird den Kindern nicht immer gefallen, denn es bedeutet auch, dass Eltern Grenzen setzen müssen und das ist bei keinem Kind beliebt, heißt aber auch, dass das Kind sich auf die Eltern verlassen kann, wenn die Regeln klar und nicht willkürlich sind und täglich verändert werden. Wenn das dreijährige Mädchen im Haus den Ton angibt, dann ist etwas gewaltig schief gelaufen.
Es ist verständlich, dass Eltern in halbwegs normalen und allen guten Fällen das Beste für ihre Kinder wollen, obendrein sind sie tatsächlich juristisch für sie und ihr Wohlergehen verantwortlich. Und das Beste ist nicht nur das, was jetzt im Augenblick Spaß macht, denn das hieße in einem bestimmten Alter rund um die Uhr zu spielen und Schokokuchen zu essen, verständlich, dass die Eltern da ihr Veto einlegen. Denn, wie schon eben erwähnt, gehört nicht nur Empathie dazu, wenn man sich aufrichtig für andere Menschen interessieren zu können, auf die Sorge ist eine Aspekt. Die Empathie weiß, dass das Kind jetzt jede Mengen Spaß hat und spielen und Schokolade besser sind als Hausaufgaben und Salat. Doch die Sorge sagt, dass das nur spielende und Schokolade essende Kind recht schnell Probleme haben wird und das Beste für das Kind zu wollen, heißt auch an das zu denken, an was das Kind – weil es eben Kind ist – jetzt nicht denken kann.
Es ist unmittelbar klar, was an nur Spielen und Schokolade problematisch ist, aber Erziehung wäre nicht so schwer, wenn man nicht auch die andere Richtung übertreiben könnte. Wo der kleine König und die Prinzessin recht sicher Probleme bekommen, geht es dem nur vernünftig erzogenen Kind nicht viel besser. Pünktlich, ordentlich, anständig darf es nie einfach nur Kind sein, in einer Zeit, in der die Kindheit ohnehin eher verkürzt ist. 13-Jährige bemühen sich, im Hinblick auf die Zukunft um Praktika in der Ferien und das, damit sie im Lebenslauf was vorzuweisen haben und früh Verantwortung lernen.
Die meisten ahnen, dass die Mitte golden ist, aber so richtig leicht ist die eben nicht zu finden, aber ja unverkrampfter das stattfindet, umso besser den den Perfektionismus nun auch noch auf die Kinder zu übertragen ist sicher nicht gut. Superbesorgte Eltern die vor allem Angst haben, auf der anderen Seite Helicopter-Eltern, die einfach alles besser wissen, als Ärzte, Lehrer, Erzieher und alle anderen, schließlich kennen sie ihre Kindern am besten, haben diese eher noch nicht gefunden.
Und zumindest nach meinen Beobachtungen ist es selten der böse Wille, der diese Eltern antreibt, oft eine eher etwas eigenwillige Form der Aufmerksamkeit für das Kind, in der das Element der Sorge überbetont wird und natürlich die Gefahr besteht, dass das Kind in dem Gefühl aufwächst, die Welt habe sich stets nach seinen Bedürfnissen zu richten, was heute deutlich kritischer gesehen wird, als vor einigen Jahren.
Als letztes Motiv sei hier die Überaufmerksamkeit aus schlechtem Gewissen aufgeführt, bei der Eltern oft an den eigene hohen Ansprüchen scheitern und im Grunde wissen, dass das Kind einfach auch mal Zeit mit den Eltern verbringen möchte, lachen, spielen und die aus Gründen der Lebensführung und der Umstände in denen sie selbst stecken, mindestens ahnen, dass sie ihrem Kind nicht optimal gerecht werden. Hier kann es helfen die Kirche im Dorf zu lassen und nicht die gute alte Zeit zu sehr zu verklären, besser laufen könnte es immer, aber das gilt eben für alle Zeiten und nicht optimal ist nicht gleichbedeutend mit ganz und gar schlecht, das ist der leichte Irrsinn unserer Zeit, bei der weniger als optimal und perfekt nicht gut oder durchschnittlich im besten Sinn ist, sondern gleich ins Tal des Nichtswürdigen durchgereicht wird. Kompensatorisch versucht man dann das Kind mit Liebe und Aufmerksamkeit in den verbleibenden Stunden zu überschütten und auch hier sind die Folgen nicht immer gut, man isst ja auch nicht Sonntags, für die ganze Woche.
Paarbeziehungen

Soziales Engegement kann ein Ausdruck des Interesses am anderen sein. GeorgHH under gemeinfrei
Was in der Welt von Eltern und Kindern, Geschwister und andere Verwandtschaftsbeziehungen jetzt man ausgeklammert, noch in der Natur der Dinge liegt, bekommt in der Paarbeziehung noch einmal eine andere Relevanz. Auf der einen Seite lieben wir unser Gegenüber ja gerade deshalb, weil er oder sie ist, wie wir es liebenswert finden. Oft lebt der andere einen Schattenaspekt von uns, den wir in uns haben und bewundern, aber den wir irgendwie nicht zu greifen bekommen. Der Partner lebt es dann vor: den Freiheitsdrang, die Selbstsicherheit, das Unkonventionelle, die Liebenswürdigkeit, die Geduld, die Kreativität, die Stilsicherheit und so weiter.
Es ist eine wirklich eigenwillige Dynamik, die wir hier finden, weil wir das was wir lieben auch irgendwie verändern wollen. Vielleicht gerade weil wir es als eigene Ressource nicht so direkt zur Verfügung haben. „Ich liebe Deine Spontaneität, aber könntest Du nicht doch ein bisschen mehr planen?“ Irgendwie passt das nicht und doch ist es nicht selten. Denn einerseits sehe wir, dass es dem anderen, lässt man ihn so wie er ist, damit auch gut geht. Der empathissche Anteil in uns bemerkt das sehr wohl. Der eine liebt das Chaos, der andere die Ordnung. Nur sind auch Partner nicht immer nur glücklich und wenn sie leiden, tut uns das weh, weil wir sie lieben und uns um ihr Wohlergehen sorgen. Und wir könnten auf die Idee kommen, dass das was an guten Tagen ihre unbeschwerte Lebenslust ausmacht an schlechten Tagen dafür verantwortlich ist, dass der Mensch Probleme hat. Spontaneität ist gut, aber vielleicht nicht, wenn die Steuererklärung dran ist.
Ein wenig in seiner eigenen Welt zu leben ist schön, aber wenn man die Realität, mindestens die gesellschaftliche, zu sehr ausblendet, bekommt man ziemlich sicher Probleme mit den anderen. Der eigene Partner steht da oft an vorderster Front, weil er uns das, worunter wir leiden schon öfter mal aufs Butterbrot geschmiert hat. Wenn der spontane Mensch dann doch mal zur Gründlichkeit gezwungen ist, wird er in einer ersten Reaktion oft nicht daran denken, dass er den guten Rat früher hätte annehmen sollen, denn wieder mal bewahrheitet sich, was die eigene Frau sagte, sondern er könnte ärgerlich über die Spießigkeit der Welt sein und dass doch alles viel einfacher wäre, wenn man nicht in so kleinkarierten Verhältnissen leben müsste und die erste, die den Ärger abkriegt, ist dann vielleicht die eigene Frau.
Kollusionen
Es gibt verschiedene Wege mit dieser Dynamik umzugehen, einige davon gehen in die Richtung Kollusionen als feste Beziehungsmuster zu etablieren, die zwar pathologisch sind, aber auch stabil. Sie sehen oft schroff asymmetrisch aus, aber auch der Rechthaber braucht jemanden, der gedukdig und dankbar abnickt, wie die Luft zum atmen, denn ein Beziehungsmodell auf Augenhöhe würde ihn verwirren.
Doch auch im Kontext der Zweierbeziehung kann man sich für andere Menschen interessieren, so dass man es eigentlich gut meint und den anderen nur auf Gefahren hinweisen will. Im besten Falle tut man dies, der oder die andere hört geduldig zu bedankt sich für den gut gemeinten Hinweis und verspricht, diesen in künftige Überlegungen und die eigene Lebensführung mit einzubauen, zumindest sehr ernsthaft drüber nachzudenken. Soweit die Theorie. Schön, wenn es mal so klappt, die Regel ist es nicht.
Schnell sind beide Seiten genervt, die eine hat das Gefühl gegen eine Wand zu reden, der andere weil das ewig gleiche Thema wieder und wieder aufgetischt wird. „Ich bin nun mal so wie ich bin, so hast Du mich kennen und lieben gelernt, basta.“ Auch wenn es gut gemeint sein sollte, es passt irgendwie nicht zum eigenen Leben. Doch auch das Gefühl gegen eine Wand zu reden ist nicht erfüllend, wenn dann jemand nach langer Auseinandersetzung endlich ein wenig im Auge hat, was der andere möchte, diesem dann aber stolz erzählt, die Bürokollegin habe ihm diesen guten Tipp gegeben, ist die Kränkung oft perfekt und die Verwirrung damit noch größer.
Gut und gut gemeint
Wie ist das richtige Verhältnis von Empathie auf der einen Seite, die erkennt, dass der andere dann besonders vital, kreativ und liebenswert ist, wenn wir ihn nicht ausbremsen und zu Tode korrigieren wollen und Sorge auf der andere, die nicht einfach in naiver Bewunderung dabei steht und abwartet, wie sich der anderen seine eigenes Grab schaufelt?
Der unbefriedigende Teil der Antwort ist, dass man (noch) nicht sagen kann, wie das funktioniert. Zwang trifft auf Chaos kann für beide bereichernd sein, aber auch grandios schief gehen. Der befriedigendere Teil ist, dass man sich nur gemeinsam abstimmen kann – und muss. Es gibt keine Schiedsrichter von außen, keinen Papa, der das ungezogene Kind ermahnt und wer als Partner selbst in diese Rolle schlüpft, sollte das reflektieren und zusehen, dass er dieses Spiel bald wieder hinter sich lässt.
Eine gute Beziehung zwingt einen lebendig zu bleiben und sich zu öffnen, vor allem auch die eigene Position immer wieder zu hinterfragen. Mit wieviel schlechtem Gefühl muss man leben lernen, wo beginnt die übergriffige Kontrolle? Mancher nimmt als Hinweis dankend an, was der andere als Übergriff rundweg ablehnt, auch das ist von Paar zu Paar verschieden. Um sich in einem gesunden Sinne für den Partner und darüber hinaus für weitere für andere Menschen interessieren zu können, ist es wichtig die Dynamik von Beziehungen zu sehen. Ein nicht uneleganter Weg den Partner zu ändern, ist sich selbst zu ändern. Mag sein, dass es nicht der einzige Weg ist, es mag auch sein, dass dieser Weg seine Grenzen hat, aber bevor man sich aneinander die Zähne ausbeißt, ist es allemal besser diese Ansatz zu versuchen. Der Partner hilft bestimmt gerne dabei, was noch einmal eine ganz neue Variante ins Spiel bringt.
Oft geht man unbewusst jenen Weg, bei dem der andere am besten funktioniert, indem man genau die Punkte bearbeitet, bei denen der andere seine Schwächen hat und verletzlich ist. Das können Schuldgefühle sein, Appelle an die Ehre, der Tadel nicht perfekt zu sein oder sonst etwas. Man tut das oft ohne böse Absicht und nicht immer bewusst, einfach, weil man so leichter ans Ziel kommt. So verfestigt man unbeabsichtigt bestehende Muster und das zu bemerken und schrittweise zu ändern, ist anspruchsvoll.
Nach meiner Erfahrung ist es nie besonders gut, wenn man der Welt die eigenen Projektionen überstülpt, allerdings ist es leichter gesagt, als getan, dies mal eben zu lassen, weil damit nicht selten das ganze Selbstbild verknüpft ist. Die Aussagen vieler Weisen der Welt gehen jedoch in die Richtung, dass es an der Welt nicht viel zu verbessern gibt, aber dafür umso mehr an der eigenen Einstellung. Das passt vielleicht nicht immer und in allen Fällen und es gibt auch nachvollziehbare Gründe, die genau das Gegenteil behaupten, dennoch glaube ich oft und gerne, dass der Status des Weisen nicht völlig umsonst zugesprochen wird und man sich deren Aussagen wenigsten genauer anhören sollte. Aber vielleicht sind diese Wort auch nur gut gemeint.